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Angekommen in Italien

Alles für den Abschluss

Vincent Bello hat im Alter von 30 Jahren sein Mittelschuldiplom erhalten. Der junge Mann ist stolz auf seine Leistung. Wer seine Geschichte kennt, wird sagen: zurecht.

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Vincent Bello (2. Person von rechts) hat es geschafft und hält sein Mittelschuldiplom in der Hand.

Bild: Andrea Santin

Vincent Bello, 30 Jahre alt, ist ein Mann mittlerer Statur. Seine schulterlangen, schwarzen Dreadlocks trägt er zu einem Pferdeschwanz gebunden. Vincents Kopf schmückt ein rotes Stirntuch, über seinem athletischen Körper trägt er ein rotes Fußball-Shirt. Er wirkt aufgeweckt und zugleich reflektiert. Ich treffe ihn am Meraner Bahnhof, wo er sich öfter mit seinen Freunden aufhält.

5 Jahre nach seinem Aufbruch aus Nigeria hält Vincent Bello in Meran sein Mittelschuldiplom in der Hand.

Bild: Andrea Santin
Vincent lächelt gern und viel. Am breitesten wird sein Lächeln jedoch, wenn er auf seinem Mobiltelefon ein Bild von sich abruft. Darauf zu sehen ist er in schicker Kleidung, im Hintergrund die Mittelschule Carl Wolf in Meran. Er hält ein Stück Papier in die Kamera. Von seiner Ausstrahlung und der Art, wie er das Blatt Papier hält, lässt sich erahnen, dass es ein Moment des Stolzes und das Blatt Papier von immensem Wert ist. Vincent erklärt das Bild: Es ist seine Diplomfeier und er hält sein Mittelschuldiplom in den Händen.

Der Abschluss der Mittelschule ist unter Südtiroler*innen nichts Besonderes mehr. Drei Jahre die Schulbank drücken und eine Prüfung ablegen, für die meisten schaffbar. Warum hat Vincent so lange dafür gebraucht? Und warum ist er so stolz auf diesen Abschluss?

Um Vincents Gefühle verstehen zu können, muss man zunächst wissen, dass sein Schulabschluss gleichzeitig auch der Abschluss einer langen und gefährlichen Reise war: von Nigeria nach Italien. Das war im Jahr 2015. Über die Reise und den Aufenthalt der ersten Monate spricht Vincent  auch heute nicht gerne, es sei ihm viel Schmerzhaftes widerfahren. Schnell wechselt er Thema, erzählt lieber von seiner aktuellen Arbeit in einem Hotel als „Mann für alles“. Mal repariert er ein kaputtes Teil, mal fegt er den Haupteingang. Die Arbeit ist abwechslungsreich, die Mitarbeiter*innen freundlich, die Gäste zufrieden.  

Heute kann sich Vincent ausschließlich seiner Arbeit und Freizeit widmen. Vor einiger Zeit war das noch nicht so: Bis zu seinem Abschluss, Ende Juni diesen Jahres, arbeitete er vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag und machte sich direkt von seiner Arbeitsstelle auf den Weg zur Abendschule in Meran. Kurz vor Beginn des Unterrichts, um 18 Uhr, kam er mit dem Bus an. Sein Zeitplan war strikt: Wenn Vincent nach Schulende, um 21 Uhr, den letzten Bus ins Passeiertal verpasste, musste er in Meran nach einem Schlafplatz suchen.

Meist kam er in seiner alten Unterkunft in der Stadt, nahe dem Bahnhof, unter. Dort wohnte er für einige Zeit nach seiner Ankunft in Südtirol. Doch da wurde es zu eng und mit der Enge stieg die Aggression der Bewohner*innen.  Es kam vermehrt zu Auseinandersetzungen, die nicht selten in Schlägereien endeten. Vincent, selbst ein friedvoller Mensch, äußert Verständnis für den Zorn der anderen: Es sind zu viele Menschen auf zu engem Raum, die traumatische Erfahrungen verarbeiten müssen. Da brennen einem schon mal die Sicherungen durch.

Nachdem Vincent sich also jeden Tag aufs Neue einen Schlafplatz suchte und spät zu Abend aß, machte er noch seine Schulaufgaben und lernte bis drei Uhr früh. Nur in der Stille der Nacht fand er die nötige Konzentration. Nach wenigen Stunden Schlaf korrigierte er am Morgen darauf seine Aufgaben, während er im Bus zur Arbeit saß. Vincent ist sehr genau. Fand er seine Arbeit noch gut, wurde sie am Abend abgegeben. Fand er sie schlecht, schrieb er im Bus alles noch einmal um. So sah Vincents Alltag aus, bis aufgrund der Pandemie die Schulen schlossen.

Deutsche strahlen für Vincent Akzeptanz aus und sehen es gerne, wenn man sich willig in ihre Gesellschaft integriert.

Plötzlich stand Vincents Abschluss und jener, der anderen Schüler*innen auf der Kippe. Da manche aus seiner Klasse ebenfalls in Geflüchteten- Einrichtungen untergebracht waren, verfügte nicht jede*r über unbegrenzten Internetzugang. Der Unterricht wurde daher nicht, wie etwa in allen Präsenzschulen, auf Lernplattformen wie „zoom“ oder „Microsoft Teams“ abgehalten, sondern Großteils über den Nachrichtendienst „WhatsApp“. Trotz des hindernisreichen Wegs schafften acht der Schüler*innen ihre Abschlussprüfung, bei der eine sechs- bis zehnseitige Facharbeit präsentiert werden musste. Das Resultat waren acht Facharbeiten und dazugehörige Präsentationen zu den acht verschiedenen Ländern der Erde, aus denen die Schüler*innen kamen.

Gerne würde Vincent nach dem bestandenen Mittelschulabschluss weiter lernen, doch vorerst braucht er eine Pause. Der Alltag der letzten Jahre hat ihn ausgelaugt. Nun sucht er Momente der Ruhe und Entspannung. Nach der Arbeit trifft er sich mit Freunden, denen er manchmal beim Lernen für ihren Abschluss hilft, oder wandert im Gebiet um St. Martin. Ab und an spielt er auch wieder Fußball, eine seiner größten Leidenschaften, die er aus Zeitgründen weitgehend aufgeben musste. Am liebsten würde Vincent ein IT-Studium beginnen, doch ob es dazu kommen wird, weiß er nicht. Zurzeit hat er andere Pläne: Noch in diesem Jahr wird Vincent seine Staatsbürgerschaft erhalten und er plant, seine Frau und seine Tochter so schnell wie möglich zu sich zu holen. Denn für sie beide hat er diesen Weg auf sich genommen.

Die gemeinsame Tochter Precious, zu Deutsch „wertvoll“, ist sein ganzer Stolz. Sie und ihre Mutter Yola leben in Lagos, Nigeria. Yola lernte Vincent ein Jahr vor Precious‘ Geburt, im Jahr 2015, kennen. Kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter verließ er sein Heimatland. Die Arbeit war knapp und schlecht bezahlt. Er selbst reparierte defekte Gasleitungen. Seiner Tochter wollte er Bildung und bessere Aufstiegschancen ermöglichen.

Sobald die Familie wieder vereint ist, wollen sie nach Deutschland auswandern. Daher wird im Hause Bello bereits mit Hilfe einer App Deutsch gelernt. Deutsche strahlen für Vincent Akzeptanz aus und sehen es gerne, wenn man sich willig in ihre Gesellschaft integriert. Er wurde in Italien zwar empfangen und hat auch viel Herzlichkeit erfahren, er verspürt aber – besonders im politischen Diskurs – einen gewissen Hass. Die Ablehnung erfährt er im Dorf, wo kaum mit ihm gesprochen wird, oder am Bahnhofsgelände, wo er, ohne sich umzudrehen, die abwertenden Blicke spürt. In Deutschland erhofft er sich, mit seiner Familie angenommen zu werden, Fuß zu fassen und vielleicht sogar irgendwann mal studieren zu können.

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