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Alles außer altbacken

Im deutschsprachigen Raum floriert sie seit Jahren, nun erhält auch Südtirol einen zweiten Ableger: Auf dem Bühlerhof bei Neustift entsteht eine solidarische Landwirtschaft.

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Bild: Anna Mayr

Bäckermeister Anton steht der Schweiß im Gesicht. Er wuchtet den tellergroßen Brotlaib auf die Holzschaufel und schiebt ihn ins Innere. Nicole steht daneben und beobachtet genau. Die Hofherrin hat den Eggentaler engagiert, damit beim Brotbackfest am Bühlerhof auch alles rund läuft zwischen Haus und Hof. Zuerst finden die Pizzas in den Ofen, zwanzig Minuten später folgen Sojaschrotbrötchen und die typischen Roggenpärchen. Natürlich werden die 400-500 Grad Celsius im Steinofen später auch noch fürs Schüttelbrot reichen.

Dafür wurden die Jugendlichen, die sich über den Sommer auf dem Bühlerhof als Praktikant*innen Kost und Logis verdienen, heute schon früh aus den Federn gescheucht – zum Teigkneten und Pizzabelegen. Jetzt warten sie hungrig und gespannt auf das Ergebnis des seit Jahrtausenden tradierten Handwerks.

Bild: Anna Mayr

Alte Tradition mit neuem Schliff
Heute ist fast alles so wie damals, als Altbäuerin Emma Unterrainer vor knapp 40 Jahren das letzte Mal den Ofen anheizte. „Zu Ägidi wurde hier oft Brot für das ganze Dorf gebacken“, erzählt die 80-Jährige. Seit sie denken kann, hielten sich die Raaser an ein altes Pestgelübde und buken einmal im Jahr Brot für mittellose Familien aus der Umgebung. Die Bauern trugen so viel Korn zusammen, wie sie entbehren konnten und wechselten sich beim Backen und Verteilen der rund 2.000 „Ägidibrote“ ab. Viele arme Brixner*innen seien jährlich nach Raas und auch zum Bühlerhof, einem ehemaligen Aussiedlerhof des Kloster Neustifts, hochgestiegen.

Nachdem der Brauch von der heimischen Feuerwehr übernommen worden war, hatte auch der denkmalgeschützte Bauernofen, der noch mit natürlichem Kalkmörtel verputzt wurde, ausgedient. Bis Nicole an den Hof kam und mit ihrem Fachwissen als Unternehmerin dazu anregte, das alte Hofleben in Form eines neuen Bewirtungssystems aufleben zu lassen: mit einer Solidarischen Landwirtschaft, kurz Solawi.

Nicole Thaler

Bild: Anna Mayr

Zukunftsorientiertes Wirtschaften
Das Konzept ist simpel: Anstatt die angebauten Lebensmittel über Super- oder Bauernmärkte zu vertreiben, werden sie über einen unabhängigen Wirtschaftskreislauf direkt an die Verbraucher*innen weitergegeben, die den Anbau mitorganisieren und vorfinanzieren. „Menschen, die heutzutage in der Landwirtschaft arbeiten, haben meist nur eine Wahl: entweder die Natur oder sich selbst ausbeuten. Ihre Existenz hängt von Subventionen und vom schwankenden Weltmarktpreis ab“, erklärt Nicole.

Beides sind Faktoren, auf die sie keinen Einfluss haben und die sie oft dazu zwingen, ganz aus der Landwirtschaft auszusteigen. Um dem entgegenzuwirken, soll am Bühlerhof nicht für die Masse produziert werden, sondern nur für die Hofgemeinschaft und jene Verbraucher*innen, die sich zu einer regelmäßigen Abnahme verpflichten. Dadurch garantieren sie den Erzeuger*innen ein geregeltes Einkommen und Planungssicherheit. Im Gegenzug erhalten sie lokale Produkte in bester Qualität.

Bio und lokal für alle
Wenn am Ende des Tages doch der Geldbeutel über den Einkauf entscheidet, bietet das System die Möglichkeit, statt des Mitgliedsbeitrags einige Stunden in der Woche mitzuarbeiten oder im umgekehrten Sinne: für eine zusätzliche Person zu spenden. „Jede*r soll sich regionale und gesunde Produkte leisten können, und das schaffen wir nur gemeinsam“, so Nicole. Ihr habe die Coronakrise mehr denn je aufgezeigt, wie abhängig Konsument*innen und Erzeuger*innen vom Weltmarkt sind und wie wichtig es sei, kleine Kreisläufe mit sozialem Rückhalt zu schaffen.

Neben 80 Gemüsesorten, dem ersten Wintergetreide, verschiedenen Kräutern, Eiern und Fleisch hat der Bühlerhof durch die Wiederentdeckung des Backofens nun auch frisches Brot anzubieten – und nicht zuletzt die Interaktion beim Backen. Denn die Nähe zum Produkt ist Nicoles größtes Anliegen: „Ich möchte, dass die Menschen wieder mehr Bezug zu den Lebensmitteln entwickeln, die sie jeden Tag konsumieren. Studien in Amerika haben gezeigt, dass Menschen, die wissen, wie ihre Lebensmittel hergestellt werden, viel bewusster mit ihnen umgehen, weniger wegwerfen und auf eine ökologische Anbauweise Wert legen.“

Auch auf der Webseite des deutschen Netzwerks der Solidarischen Landwirtschaft, zu dem der Bühlerhof bald gehören möchte, wird dies betont: „Durch die Solidarische Landwirtschaft verlieren Lebensmittel ihren Preis und erhalten ihren Wert zurück.“ Es gibt keine Überproduktion, keine Spekulationen an der Börse und keine schädlingsanfälligen Monokulturen.

Das wieder ins Leben gerufene, traditionelle Brotbacken ist beliebt.

Bild: Anna Mayr

Mitglieder gesucht
Familie Schatzer, die den Bühlerhof zum Brotbacktag besucht, findet Nicoles Initiative gelungen. Fünf Kilo Mehl haben Mutter und Kinder zu Laiben verarbeiten lassen und legen selbst beim Transport der Brote zum Ofen Hand an. Auf Leute wie sie ist Nicole mit ihrer Idee nun angewiesen.

Sobald die Produktion biologisch zertifiziert ist und die bürokratischen und finanziellen Weichen für die Vereinsgründung gestellt sind, fehlen dem Bühlerhof zum Start der Solawi noch mindestens zehn interessierte Abnehmer*innen, die das Projekt durch eine regelmäßige Abnahme unterstützen wollen. Bis dahin versucht Nicole landwirtschaftliche Mitarbeiter*innen ausfindig zu machen, sucht Pachtland für den biologischen Gemüseanbau und Finanzierungsmöglichkeiten für einen winterfesten Folientunnel.

Beim Südtiroler Bauernbund findet sie dafür keine Unterstützung, aber sie ist trotzdem positiv gestimmt. In Deutschland, in Österreich und der Schweiz ist das System der Solidarischen Landwirtschaft seit Jahren im Kommen und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es auch auf Südtiroler Boden fruchtet. In Dorf Tirol geht der Bio-Bauernhof Bachguter als erste Südtiroler Solawi bereits mit gutem Vorbild voran.

 

Text von Anna Mayr

Der Artikel ist erstmals in der 57. Ausgabe (Juli 2020) der Straßenzeitung zebra. erschienen.

 

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