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Alles andere als stumm

Veronika Wellenzohn-Kiebacher ist eine von 300 gehörlosen Menschen in Südtirol. BARFUSS hat sich mit der selbstbewussten Frau getroffen.

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Veronika Wellenzohn-Kiebacher und ihr Fingeralphabet. "Die Gebärdensprache ist meine Muttersprache."

Bild: Julia Tapfer
Es ist ein besonderer Interviewtermin. Ich schalte mein Aufnahmegerät ein und lege es wie gewohnt auf den Tisch zwischen mir und mein Gegenüber – erst nach ein paar Minuten erkenne ich, wie unbedacht das doch war. Meine Interviewpartnerin ist gehörlos, wir unterhalten uns, wir verstehen uns. Doch viel Material zum Aufnehmen gibt es nicht.
 
„Ich möchte nicht hören“
 
Veronika Wellenzohn-Kiebacher ist 47 Jahre alt und schon zu Beginn des Gesprächs merke ich, dass mir eine starke, lebenslustige Frau gegenübersitzt. An das Hören kann sich die Meranerin nicht erinnern. Mit einem Jahr verlor sie ihren Gehörsinn. Sie hat gelernt, mit den anderen Sinnen ihre Umgebung schärfer wahrzunehmen und wünscht sich auch nicht, hören zu können. „Das Hören würde mir Angst machen“, erklärt mir Wellenzohn-Kiebacher und beschreibt, wie sie und ihr ebenfalls gehörloser Ehemann Karl bei Gewittern zusammenzucken. Den Donner spüren sie und das sei erschreckend.
 
Mit fünf Jahren kam die gebürtige Obervinschgerin in den Kindergarten in Mils bei Innsbruck, wo sie auch neun Jahre zur Schule ging. Hier lernte sie die Gebärdensprache. Was viele Hörende nicht wissen: Weltweit gibt es 177 Gebärdensprachen. „Das ist keine künstlich geschaffene, sondern eine natürlich gewachsene Sprache“, wird mir erklärt. Deshalb sei sie auch nicht international. 
 
In München besuchte die schon damals sehr selbstständige junge Frau vier Jahre lang eine Berufsschule und wurde zur Lithographin ausgebildet. Die Großstadt machte ihr nie etwas aus. Wellenzohn-Kiebacher liebt die Stadt und findet sich darin schnell zurecht. Auch in ihrer jetzigen Heimatstadt Meran findet sie sich bestens zurecht. „Ich bin mobil. Fahre mit dem Fahrrad, dem Bus und dem Zug“, erzählt sie mir. Obwohl sie nicht hören kann, habe sie nie Probleme im Straßenverkehr gehabt und fühle sich sicher: „Man muss einfach gut schauen“, meint die 47-Jährige, dann würde nichts passieren.
 
Die gehörlose Mutter
 
1989, nach vier Jahren Arbeit als Lithographin in Eppan, kam Roman zur Welt. David, der zweite Sohn des gehörlosen Paares, folgte zwei Jahre später und machte das Glück der Familie perfekt. Von da an war Veronika Wellenzohn-Kiebacher Hausfrau und Mutter. Schon immer war es der jungen Familie ein Anliegen, selbstständig zu wohnen. Kritik daran, dass das gehörlose Paar eine Familie gegründet hatte, hat es nie gegeben. „Alle waren immer sehr nett zu uns“, erinnert sie sich. Ihren hörenden Kindern haben die Eltern sowohl die Gebärden- als auch die Lautsprache beigebracht. Damit sie letztere noch besser lernen, haben sie oft Verwandte besucht. So kam es, dass die Burschen bald eine Mischung aus Vinschger und Pustertaler Dialekt sprachen, erzählt mir die Familie lachend. „Für uns Kinder war das alles einfach normal“, beschreibt David seine Kindheit. Es sei nie ein Problem gewesen, mit den eigenen Eltern in der Gebärdensprache zu kommunizieren. 
 
Gebärdensprache ist nicht als Sprache anerkannt
 
David und Roman haben als Hörende die Gebärdensprache von klein auf gelernt. Heute lernen in Südtirol nur noch wenige Kinder, auch wenn sie gehörlos sind, die Gebärdensprache. In Italien sind die Kinder in die Regelklassen integriert und lernen die Lautsprache. Veronika Wellenzohn-Kiebacher, die seit einiger Zeit als Gebärdensprachtrainerin für Erwachsene Kurse leitet, sieht es vor allem als Problem, dass die Gebärdensprache in Italien bis heute nicht als Sprache anerkannt ist. Damit ist Italien ein Schlusslicht in Europa.
Einige Regionen hätten zwar schon eigenständige Regelungen verabschiedet, Südtirol gehöre leider nicht dazu. Der gehörlosen Frau ist es am wichtigsten, Barrieren abzubauen. Das wiederholt sie immer wieder. Im Alltag seien es meist kleinere, zum Beispiel wenn sie auf ungeduldige Personen treffe. 
 
Tipps für Hörende
 
Viele Hörende scheuen den Umgang mit Gehörlosen – ohne Grund, wie ich während des Interviews bemerke. Beachtet man einige Tipps, ist die Kommunikation schon weitaus einfacher. Das wichtigste, so meine gehörlose Interviewpartnerin, sei die Geduld. „Ich kann ja nichts dafür, dass ich nicht höre“, sagt die 47-Jährige. Auch sei es sinnlos, laut zu reden oder zu schreien. Das verzerre das Lippenbild und mache es schwieriger, „von den Lippen abzuschauen“. Dies ist der korrekte Ausdruck für das Lippenlesen. „Da steht nichts auf den Lippen drauf, da kann ich nichts lesen“, erklärt mir die Gehörlose. Überhaupt seien bloß 30 Prozent der Laute an den Mundbewegungen erkennbar.
Für Südtiroler auch sehr essenziell: Nicht im Dialekt sprechen. Das macht ein Verstehen sehr schwierig. Die Standardsprache, und die nicht zu schnell, sei viel verständlicher. Kaugummi und Zigarette sind eher zu vermeiden, eine Berührung beim Ansprechen ist für Gehörlose meist kein Problem. Ganz wichtig ist den Gehörlosen auch die richtige Bezeichnung: Gehörlos und taub sind für sie ok, taubstumm sind sie aber nicht. Das habe ich auch im Interview erfahren, die aufgeweckte Frau ist alles andere als stumm, sondern sichtlich erfreut, sich mitzuteilen.
 
Am Ende unseres Gesprächs zeigt mir die Gebärdensprachtrainerin noch die Gebärde für „barfuß". Jetzt, als ich diese für die BARFUSS-Leser beschreiben möchte, merke ich, dass ich mit meiner Lautsprache auch an Grenzen stoßen kann. 

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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