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Interview mit Streetworkerinnen

„Sie schliefen unter der Brücke“

Der Lockdown traf viele Jugendliche in Südtirol hart. Ein Gespräch mit zwei Streetworkerinnen über die Herausforderungen in und nach dieser Ausnahmesituation.

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Alba Dedej und Sandra Durnwalder 

Bild: Noah Ennemoser

Alba Dedej (21) und Sandra Durnwalder (30) gehören dem Streetworker*innen-Team des Burggrafenamts an und verbringen den Großteil ihrer Arbeitszeit auf der Straße, wo sie Jugendliche, die ein risikohaftes Verhalten aufweisen oder von Ausgrenzung bedroht sind, betreuen und unterstützen. Im Interview berichten sie über das Streetworker*innen-Dasein, wie die Jugend während der Coronazeit auf der Strecke blieb und welche neuen Herausforderungen die Krise mit sich bringt.

Aufgrund der Corona-Maßnahmen kam die Jugendarbeit weitläufig zum Erliegen. Wie sah eure Arbeit in dieser Zeit aus?
Sandra: Anfangs gab es einige Unklarheiten. Wir wussten nicht, ob wir auf die Straße durften oder nicht. Ziemlich bald wurde klar, dass auch wir zu Hause bleiben mussten, doch wir haben nie aufgehört zu arbeiten.

Wie wurde der Arbeitsalltag daraufhin umstrukturiert?
Sandra: Unsere Tätigkeiten haben wir auf die sozialen Medien verlegt. Wir haben Infomaterial zu Themen ausgearbeitet, die aktuell sind.

Alba: Zum Beispiel wurden Fragen zur Aufenthaltsgenehmigung beantwortet. Die Antworten haben wir sowohl auf Marokkanisch als auch auf Albanisch auf unseren Social-Media-Profilen veröffentlicht, damit betroffene Jugendliche oder deren Eltern wissen, wie sie die Angelegenheit angehen können. Besonders durch diese gezielte Sprachwahl konnten wir auf eine andere Art mit den Jugendlichen kommunizieren.

Sandra: Wir haben auch kurze Beiträge zum Thema Gewalt publiziert. Während des Lockdowns sind die Meldungen von häuslicher Gewalt gestiegen. Gleichzeitig waren wir auch immer telefonisch erreichbar.

Die Maßnahmen verlangten in erster Linie schnelle und direkte Hilfe. Inwiefern konntet ihr den Jugendlichen unter die Arme greifen?
Sandra: Wir sind von den Basics ausgegangen: Nicht jede*r besitzt einen Drucker für die ständig wechselnden Eigenerklärungen. Somit haben wir sie ausgedruckt und aufliegen lassen. Durch Corona haben auch viele junge Menschen ihre Arbeit verloren. Viele Familien sind auf das Geld oder die Pflege der Jugendlichen angewiesen. So haben wir, in Zusammenarbeit mit anderen Vereinen und Lebensmittelketten, eine Lebensmitteltafel angeboten, um zumindest eine kleine Hilfestellung leisten zu können.

„Manche haben wir zwar mit Lebensmitteln oder Schutzmasken versorgt, aber es war schon sehr belastend, in solchen Momenten nicht helfen zu können.”

Gibt es denn eine Gruppe von Jugendlichen, die besonders stark von Corona-Maßnahmen getroffen wurde?
Sandra: Die Bevölkerung wurde aufgefordert zu Hause zu bleiben, doch wir arbeiten auch mit Jugendlichen zusammen, die kein Zuhause haben. Obdachlosenunterkünfte konnten in diesem Moment auch niemanden aufnehmen. Einige Jugendliche wussten daher nicht wohin. Auch wir konnten ihnen keine Unterkunft anbieten. Da auch die Obdachlosenheime sozusagen unter Quarantäne standen, blieb manchen nichts anderes übrig, als beispielsweise unter der Brücke oder in Parks zu schlafen. Zudem besagte die Gesetzeslage, dass man nicht zirkulieren dürfe. Manche haben wir zwar mit Lebensmitteln oder Schutzmasken versorgt, aber es war schon sehr belastend, in solchen Momenten nicht helfen zu können.

Alba: Wir kennen aber auch das andere Extrem: An manche Jugendliche kommen wir nicht mehr heran, da sie das Haus nicht mehr verlassen. Es gibt Jugendliche, die den Tag nur mit dem Anschauen von Serien oder dem Zocken von Onlinespielen verbringen, sodass sie nicht mehr nach draußen gehen. In diesem Fall kommen die Hilfeanfragen von den Eltern und nicht mehr in erster Linie von den Jugendlichen auf der Straße.

Wie hat sich durch die Verlagerung der Problemfelder eure Arbeitsweise geändert?
Sandra: Es schien, als hätte es nur noch Corona gegeben und als wären all die anderen Probleme verschwunden. Wir merken jedoch, dass diese Probleme, wie Gewalt, Abhängigkeit oder Einsamkeit, nur verstärkt wurden. Abhängige konnten während des Lockdowns nicht mehr so leicht an ihre Substanzen gelangen. Die Dealer durften sie nicht treffen, also wurde unter anderem versucht, im Internet an bestimmte Mittel heranzukommen. Andere mussten von einen Tag auf den anderen einen eiskalten Entzug machen.

Alba: Durch die neue Lage mussten wir auch andere Wege finden, um an die Jugendlichen heranzukommen, beispielsweise haben wir unser Mobiltelefon rund um die Uhr eingeschalten gelassen, um stets für Ratschläge erreichbar zu bleiben oder zu wissen, wo gerade unsere Hilfe benötigt wird.

Sandra: 18 Stunden sind eine immense Zeit. Jetzt, wo einige Lockerungen vorgenommen wurden, bin ich froh, das Handy mal ausschalten zu können.

„Die Probleme der Jugendlichen, wie Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen oder Abhängigkeit, lassen sich nicht an einem Tag lösen.”

Welchen neuen Herausforderungen und Problemen müsst ihr euch nun stellen?
Alba: Wir haben vorher viele arbeitslose Jugendliche vermittelt, besonders gern in die Gastronomie als Tellerwäscher oder Zimmermädchen. Nun ist diese Zahl der arbeitslosen Jugendlichen um einiges gestiegen, da viele ihre Arbeitsstelle verloren haben. Die Anfragen, die wir nun erhalten, decken sich nicht mehr mit den Angeboten des Arbeitsmarktes, da Corona auch da gewütet hat.

Sandra: Unser Budget wird nun auch knapper, die Möglichkeiten, die wir Jugendlichen damit bieten könnten, werden somit begrenzt. Die Richtlinien streichen Projekte, Umsetzungen und Personal. Zuerst haben wir beispielsweise Freitagabend mit den Jugendlichen gemeinsam gekocht. Das war für sie nicht nur eine Gelegenheit, das Kochen zu erlernen und eine nährreiche Mahlzeit zu bekommen, sondern auch mit anderen in Kontakt zu treten. Auch wir haben aus diesen Abenden viel mitnehmen können. Die interkulturelle Küche hat uns einen guten Einblick in die Kultur der Jugendlichen geboten, zudem wurde viel Nähe zu ihnen aufgebaut. Wegen der neuen Bestimmungen, fiel dieser wichtige Austausch lange Zeit weg. Dank einiger Lockerungen dürfen diese Abende in einer etwas anderen Form nun wieder stattfinden: Wir kochen für die Jugendlichen und sie essen an einem großen Tisch, wo der Sicherheitsabstand eingehalten werden kann. Die Probleme, die unser Arbeitsfeld betreffen, treten erst jetzt auf und werden von anderen kaum wahrgenommen: Uns fehlen jetzt zum Beispiel die finanziellen Mittel, um eine eigene Notunterkunft für obdachlose Jugendliche auszubauen, die wir dringend benötigen würden. Teilweise wird auch unsere Arbeit nicht von der Gesellschaft ernstgenommen. Besonders in der sozialen Arbeit treten Resultate erst mit der Zeit auf, was dahintersteckt, wird kaum bemerkt.

Ich höre einen Wunsch an die Gesellschaft heraus.
Alba: Es steckt viel Energie in unserer Arbeit. Außenstehende fordern oft, dass wir gleich nennenswerte Ergebnisse präsentieren sollen. Diesen Forderungen können wir nicht nachkommen. Die Probleme der Jugendlichen, wie Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankungen oder Abhängigkeit, lassen sich nicht an einem Tag lösen. Die Jugendlichen brauchen ihre Zeit und unsere Arbeit braucht diese ebenfalls.

Sandra: Wir sollten alle etwas mehr aufeinander achten. Beispielsweise sind während des Lockdowns die Meldungen von häuslicher Gewalt gestiegen. Da jede*r zu Hause war und Schreie oder Schläge mitbekommen hat, wurde auch mehr gemeldet. Wegschauen und Ignorieren war nicht mehr möglich.

 

Die Streetworker*innen sind in der mobilen sozialen Jugendarbeit tätig und in der Otto-Huberstraße 37 in Meran anzutreffen (Öffnungszeiten: Freitag von 17:00 – 20:00 Uhr oder nach Vereinbarung). Man findet sie auch im Internet und den sozialen Medien.

 

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