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Interview zu "Dante: Dreams"

„Sich hineinfallen lassen“

Wie bringt man Dantes „Divina Commedia“ auf die Theaterbühne? Regisseur Rudolf Frey über einen gemeinschaftlichen Prozess, der jetzt zur Aufführung kommt.

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Bild: Luca Guadagnini/VBB

Rudolf Frey ist nicht vorbelastet. Im Unterschied zu vielen Italienerinnen und Italienern stand in seiner Schulzeit in Salzburg die „Divina Commedia“ von Dante Allighieri nicht auf dem Programm. So hatte der freischaffende Regisseur auch keine Berührungsängste, sich auf das Angebot der Vereinigten Bühnen Bozen (VBB) einzulassen, zu diesem monumentalen Werk etwas Eigenständiges auf die Theaterbühne zu bringen. Anlass ist der 700. Todestag von Italiens Nationaldichter, der als Vater der italienischen Sprache gilt. Das Stück „Dante: Dreams“, das heute (Samstag, 9. Oktober) im Stadttheater Bozen Premiere feiert, ist für Frey nichts Fertiges, sondern ein Prozess, das vor über sieben Wochen begonnen hat und mit jeder Vorführung weitergeht. BARFUSS hat den österreichischen Regisseur, der mit der Saison 2023/24 die VBB-Intendanz übernehmen wird, vorab getroffen.

Rudolf Frey

Bild: Sven Serkis/VBB
Dante gilt in Italien als Nationalheiliger. Wie kommt ein Österreicher zu Dante?
Völlig unbelastet. Auch meine Partnerin bei diesem Stück, Ayşe Gülsüm Özel, die für die Bereiche Bühne, Kostüme und Video verantwortlich ist, ist als gebürtige Türkin und jetzt Berlinerin völlig unvoreingenommen an das Thema herangegangen. Das ist auch das Spannende an dem Projekt: mit allen Protagonisten des Stücks etwas ganz Eigenes machen zu können. Mit diesem Anliegen ist VBB-Intendantin Irene Girkinger auch an mich herangetreten. Sie hat zwar Koordinaten gesetzt: Das Stück sollte multidisziplinär sein, also kein klassisches Schauspiel, und an der Schnittstelle zwischen Performance, Schauspiel, Tanz, Tanztheater, Video und Installation angesiedelt sein. Aber wir haben uns gerne darauf eingelassen: Dante, seine Sprache und sein Werk mit den darin enthaltenen Themen und Motiven sind das Fundament, auf das wir jetzt ein neues Haus gebaut haben.

Dantes „Divina Commedia“ haben Sie trotzdem lesen müssen. Was hat Sie daran fasziniert?
Ganz klar die Reise, die Dante gemacht hat. Er befindet sich im Wald, in der Mitte seines Lebens und kommt vom Weg ab. Das hat mich berührt und das hat viel mit der heutigen Zeit zu tun: Es ist eine Reise im Schatten und im Licht. Wenn man dem Werk alles wegnimmt, was Dante assoziiert, also die ganzen historischen Geschichten und mythologischen Figuren, dann ist es ein Weg in die eigenen Abgründe.
 

Es gibt durchaus leichtere Themen, die man für die Bühne erarbeiten kann. Hatten Sie Zweifel?
Natürlich, und zwar immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, zu nah an der Vorlage und zu wenig subjektiv und frei genug zu sein. Was Dante damals geschrieben hat, war ja auf eine gewisse Art „verrückt“: eine Mischung aus christlichen und viel älteren Motiven, er hat dafür einen radikalen Zugang gesucht. Und er hat sich bei dieser wilden und fantastischen Reise, die er unternimmt, selbst hineingeschrieben. Dieser Geist hat uns bei der Erarbeitung des Stücks begleitet und war sehr wichtig.

Die Darstellerinnen und Darsteller des Stücks können frei agieren. Im Bild: Sarah Merler und Patrizia Pfeifer (rechts)

Bild: Luca Guadagnini/VBB

Wie sah die Erarbeitung konkret aus?
Wir haben das Stück in sieben Wochen entwickelt. Es war ein gemeinschaftlicher Prozess, an dem das gesamte Team, von mir bis zu den Darstellerinnen und Darstellern, beteiligt war. Wir haben sehr demokratisch gearbeitet und uns täglich Aufgaben gestellt. So sind wir bald auf die Dreiteilung des Stücks gekommen: auf Inferno, Purgatorio und Paradiso. Im Inferno kommt quasi keine Sprache vor, die Darstellerinnen und Darsteller improvisieren, es ist eine Performance zu Sound und Musik. Deshalb wird auch keine Vorstellung des Stücks gleich sein, weil die Schauspielerinnen und Schauspieler frei agieren können.

Und im Purgatorio, dem Fegefeuer?
Dort steht ein Kollektiv auf der Bühne, es geht um die Sprache. Wir haben bei den Proben wiederum improvisiert und nach Texten gesucht, die diesem Thema gerecht werden können. Es sind aber nicht Dantes Texte, sondern jedes Wort stammt von den Darstellerinnen und Darstellern. Im Paradiso verlassen wir dagegen die Grenzen des Theaters. Das Publikum trifft auf eine Art Installation, die von Licht und Technik geprägt ist. Thematisch bewegen wir uns in allen drei Welten in den Abgründen dieser Welt, aber auch eines jeden Menschen. Wir belehren nicht, wir werfen vor allem Fragen auf.

Wild und archaisch beschreibt Rudolf Frey den Prozess, der zu “Dante: Dreams” geführt hat.

Bild: Luca Guadagnini/VBB
Gibt es eine Struktur?
Bühne, Licht, Videoprojektion und Musik schaffen eine Struktur. Innerhalb dessen sind die Darstellerinnen und Darsteller sehr frei. Entgegen dem monumentalen Werk von Dante wird es ein sehr kurzweiliger Abend, in dem man sich hineinfallen lassen kann. Der Titel des Stücks: „Dante: Dreams“ soll einen popkulturellen Klang haben. Das Stück soll lustvoll und toll konsumierbar sein.


Welchen Dante habt ihr für euch gefunden?
Einen zutiefst menschlichen. Wir haben einen Dante gefunden, der eine sehr starke Gruppe geformt hat. Die Reise, die Dante beschreibt, wurde in den letzten sieben Wochen auch zu unserem Trip. Wir sind auf den Menschen und auf dessen Zerbrechlichkeit gestoßen. Auf dem Weg vom Inferno ins Paradiso, vom Schatten ins Licht, merken wir, dass das Leben aus Höhen und Tiefen besteht, das alles eins ist. Ich würde unsere Reise, die auf der Bühne zu sehen sein wird, als etwas Wildes, Anarchisches, als etwas Unfertiges bezeichnen. Es ist ein Prozess, den wir durchmachen und bei dem wir jetzt Zuschauerinnen und Zuschauer einladen, uns dabei zu beobachten, das ist für uns sehr spannend. Wir geben einen Einblick in unsere Suche, was diese Themen und Motive von Dante mit uns gemacht haben.

Was nehmen die Zuschauerinnen und Zuschauer am Ende mit?
Ich denke sie sind berührt und vielleicht verlassen sie das Theater mit dem Gefühl, dass sie gerade geträumt haben. Das klingt vielleicht platt, aber bei dem Stück geht es nicht darum, eine Geschichte zu verstehen. Am Ende trifft man im besten Fall auf sich selbst.

 

 

 

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