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Staubwolken und frisierte Motoren

„Olm Vollgas“

Bei der „50er Challenge“ im Sarntal erlebt man Rennsport hautnah. Vier Stunden dauert ein Rennen, bei dem es laut, wild und dreckig zugeht.

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Bild: Michael Lazzeri/Matthias Mayr

Vor dem Start herrscht gespenstische Ruhe. Wie beim klassischen Le-Mans-Start stehen die Fahrer rund 30 Meter von ihren Maschinen entfernt. Plötzlich dröhnt Musik aus den Lautsprechern, das Zeichen zum Start. Die rund 60 Mann rennen in vollem Kampfanzug zu ihren Maschinen, lassen sie an und fahren los. Vier Stunden nonstop stehen den 67 Teams in der Kategorie Original bevor. Vier Stunden durch einen engen Rundkurs, unter der prallen Sonne und eingehüllt in eine Staubwolke.

„50er Challenge“ nennt sich das Spektakel am Rohranger im Sarntal. 67 Teams in der Kategorie Original, 45 bei den Modifizierten. Drei Fahrer pro Team sind erlaubt, meist wird nach 15 bis 20 Minuten gewechselt. Die anfangs grüne Wiese wird schon bald braun, die Reifen wirbeln Staub auf, den der stetig blasende Wind über die ganze Anlage verstreut. Dazu das unablässige Röhren der frisierten Zweitakter und der Geruch nach verbranntem Öl. Wer bislang kein Fan solcher Rennen war, ist es spätestens jetzt.

Schon nach wenigen Rennrunden stehen die ersten Wechsel an und die Boxen erwachen zum Leben. Sie sind eine Mischung aus Mechanikerwerkstätte und Strandfeeling. Es wird getankt oder die Maschine begutachtet. Dazwischen schaut man sich das Rennen an, trinkt ein Bier, plaudert mit der Konkurrenz. Da nur Teammitglieder in die Boxen dürfen, bleibt das ganze überschaubar. Man kennt sich, die wenigsten sind neu hier.

Hier ist nichts echt

Nach dem Rennen der Originalen geht es sofort mit den Modifizierten weiter. Wobei „Original“ ein wenig missverständlich ist. Original heißt in diesem Fall, dass das Fahrgestell original sein muss und der Motor maximal 50 Kubikzentimeter Hubraum haben darf. Alles andere kann ausgetauscht werden. „Beim ersten Mal kamen viele Motorräder gar nicht ins Ziel, Vespas sind in der Mitte eingeknickt, weil sie für ein Motocrossrennen nun mal nicht gemacht sind“, sagt Rennleiter David Regele. Mittlerweile darf man zumindest die Karosserie verstärken. Einzige Einschränkung in der Kategorie Modifiziert ist der Motor: Ein 50er darf auf bis zu 100 Kubikzentimeter Hubraum auffrisiert werden. Nur der Motorblock muss original bleiben. Zylinder, Zylinderkopf, Kolben und so weiter dürfen verändert werden. Gabeln, Federung, Filter, Vergaser: viel Arbeit für die Mechaniker.

Das Team „LP Mechanik“ aus Salurn ist zum dritten Mal dabei. Im Rennen schaut es aber nicht gut aus. Schon bald nach dem Start säuft dem Zweirad mit der Nummer 43 der Motor ab, es muss an die Box geschoben und repariert werden. Zwischenrang 47 und Ratschläge der Teammitglieder: „Olm Vollgas!“ Man hatte sich mehr erwartet. Aber im Laufe des Rennens gelingt es den drei Fahrern, Platz um Platz gutzumachen, am Ende wird es Rang 15. Glücklich ist damit niemand. Dabeisein ist zwar alles, aber wen das Rennfieber packt …

Nostalgie und Fanatismus

Veranstalter des Rennens, das heuer zum fünften Mal stattfand, ist der Verein „for vir“ („Fahr vorbei“), erzählt David Regele. Zwei verschiedene Cliquen hatten vor Jahren die gleiche Idee. Die einen hatten schon mit dem Bürgermeister gesprochen, die anderen mit dem Grundbesitzer. Also schlossen sie sich zusammen, gründeten einen Verein und organisierten 2006 das erste Rennen. „Wir wollten die Motorräder, auf denen wir unsere Jugend verbracht haben und die seitdem in den Garagen verstaubten, wiederbeleben“, sagt Regele. „Aufmöbeln und fahren, wie früher.“
Ganz so locker nehmen es aber nicht alle. Die Maschinen werden von Jahr zu Jahr besser, es fahren zum Teil Halbprofis mit. Wer die Sache nicht ernst nimmt, hat keine Chance. „Wir müssten alles genauer regeln, damit es nicht ausartet“, sagt Regele, „es sind ein paar fragwürdige Maschinen dabei.“

Am Nachmittag steigt auch Mike ins Rennen ein. Michael Lazzeri ist Teamchef und Chefmechaniker von „LP Mechanik“ und zum dritten Mal dabei. Er leistet die Hauptarbeit, wenn es darum geht, die beiden „Oxford“ rennfertig zu machen. Im Hauptberuf Mechaniker und begeisterter wie begnadeter Bastler ist vor allem er es, der aus den beiden alten Oxford zwei Rennmaschinen gebastelt hat. Was vom ursprünglichen Motorrad noch übrig ist: Rahmen und Sitz.

Dabei sein ist (fast) alles

Die Vorbereitungen haben schon im Jänner begonnen. Wie viele Stunden Arbeit in den Maschinen stecken, kann Lazzeri nicht sagen. Er nennt nur ein Beispiel: In den 80er-Motor hat er einen Drehschieber eingebaut, der den Einlass des Treibstoffs steuert. Mit diesem kann man die Leistung erhöhen, gewonnen ist allein damit aber nichts. Wie viel Zeit hat Lazzeri in den Umbau investiert? „So 800 bis 1.000 Stunden.“

Wie lange auch immer, die Arbeit hat sich ausgezahlt. Im Rennen der modifizierten Motorräder gibt es zwar wieder einen Rückschlag, als man einmal ohne „miscela“ bleibt, im Laufe der vier Stunden kämpft man sich aber auf Rang vier vor. In der letzten Stunde gelingt der Kraftakt, und am Ende fährt Martin mit der Startnummer zwei als dritter ins Ziel. Die beste Platzierung für das Team überhaupt.

Ein erfolgreiches Rennwochenende also. Ungekrönter Sieger des Rennens ist aber das Team „Houslbochar“. Die drei Jungs auf ihrer Gilera tragen Sarner Tracht mit Sarner Hut und drehen mit stoischer Ruhe ihre Runden. Am Ende werden sie 49., mit 43 Runden Rückstand. Dabei sein ist also doch alles.

 

Matthias Mayr

überzeugter Heimkehrer, solange man ihm seinen Reisepass nicht abnimmt. Salurner, Maschggramensch, mag es barfuß, warm und sonnig.
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