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Interview zur Flüchtlingsdebatte

„Nicht ausländerfeindlich, sondern rassistisch“

Die Autorin und Politologin Emilia Zenzile Roig über koloniale und rassistische Muster im Umgang mit Migrierten.

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Bild: Julie Ricard/unsplash

Seit Jahren steht die Debatte über Geflüchtete in Europa ungelöst im Raum, dabei nimmt die Dringlichkeit nicht ab. Regelmäßig erreichen unzählige Menschen Lampedusa auf Booten, viele ertrinken im Mittelmeer. Italien stößt auf taube Ohren bei der EU, wenn es die Staaten bittet, Geflüchtete aus den überfüllten Lagern aufzunehmen. Währenddessen sagt Lega-Chef Matteo Salvini, in seiner Popularität ungebrochen, dass Italien der Touristen zwar bedürfe, aber nicht jener, die von Bord gehen und Probleme bringen. Er äußert dies als Reaktion auf die Bilder von Kinderleichen, die das Meer an die Küsten Libyen spült und die von NGOs veröffentlicht wurden. In sozialen Medien wird er für derartige Aussagen beklatscht.

Der verrohte Gesprächston beim Thema Migration war und ist jedoch kein genuin italienisches Phänomen. Rechtspopulistische Parteien in ganz Europa bedienen dieselben Narrative, wenn sie Stimmung gegen Geflüchtete machen und damit auf Wählerfang gehen. Darin werden Migranten und Migrantinnen zur kulturellen und ökonomischen Bedrohung für das eigene Land stilisiert – eine Argumentationslinie, die die Politologin Emilia Zenzile Roig auf ihre Ursprünge und Hintergründe hin untersucht hat.

In Berlin forscht Roig zu Rassismus, Diskriminierung und Intersektionalität und leitet seit 2017 das Center for Intersectional Justice, das sie auch mitgegründet hat. Im Gespräch stellt sie Verbindungen zwischen dem Umgang mit Geflüchteten und rassistischen sowie kolonialen Denkmustern her und erklärt, weshalb der Begriff Ausländerfeindlichkeit den Diskurs verwischt und inwiefern das mediale Bild des sexuell zügellosen Arabers in einer kolonialistischen Tradition steht.

Frau Roig, wenn wir über Ablehnung gegenüber Geflüchteten sprechen, ist Rassismus meist kein Thema. Wir sprechen eher davon, dass Parteien oder Einzelpersonen ausländerfeindlich sind. Warum wählen wir lieber diese Bezeichnung?
Emilia Roig: Man verschiebt die Begrifflichkeiten, weil niemand anerkennen will, dass unsere Gesellschaft, die europäische Gesellschaft, von rassistischen und kolonialen Mustern durchdrungen ist. Der Diskurs über Geflüchtete hat wenig mit Ausländerfeindlichkeit zu tun, sondern mit Rassismus. Denn Ausländer und Ausländerinnen aus – unter Anführungszeichen – westlichen Kulturkreisen betrifft dieser Diskurs gar nicht. Die Tatsache, dass Geflüchtete abgelehnt werden, hat eben mit der Tatsache zu tun, dass sie nicht weiß sind. Arabische Menschen, Schwarze Menschen und jene, die wir als Indigenous bezeichnen, werden immer noch durch rassistische Darstellungen stereotypisiert.

Die Autorin und Aktivistin Emilia Roig

Lizenz: CC by-sa (bearbeitet)
Bild: Mohamed Badarne

Um welche Darstellungen geht es da?
Ein erstes Muster, das sich erkennen lässt, ist die Repräsentation von Geflüchteten als unehrlich. Europa müsse kontrollieren, ob sie in ihren Herkunftsländern auch tatsächlich verfolgt werden. Auch die Differenzierung in politische und wirtschaftliche Migranten und Migrantinnen ist höchst problematisch. Nur ein winziger Teil der Geflüchteten wird als schutzbedürftig anerkannt, die anderen werden dargestellt, als ob sie es nicht verdienen würden, zu uns zu kommen, weil sie nur darauf aus sind, von unserem Sozialsystem zu profitieren und Kriminalität zu importieren. Auf kultureller Ebene werden Geflüchtete dargestellt, als ob sie sich an europäische Kulturwerte nicht anpassen könnten. Viele Kultur- und Integrationsprogramme in Europa sind dahingehend gestaltet, Geflüchteten vermeintliche europäische Werte beizubringen, etwa, dass Gewalt gegen Frauen zu Europa nicht dazugehört. Es wird also pauschalisiert, dass ihre Kulturen wertemäßig rückständig sind. So wird eine Dichotomie geschaffen zwischen zivilisierter, überlegener Kultur und unterentwickelter, unzivilisierter Kultur, die auf die Ebene der überlegenen Nation gebracht werden muss. Das ist problematisch, weil diese Darstellung auf einer kolonialen Hierarchie fußt.

Hier wird also der Kolonialdiskurs aus längst vergangener Zeit fortgeführt?
Ja. Das sind koloniale, rassistische Diskurse, die auf weißer Vorherrschaft basieren, also auf der Vorstellung, dass alle Länder der Welt wie die europäischen werden sollen. Deshalb nennen wir Länder des globalen Südens auch Entwicklungsländer und implizieren damit, dass sie sich zu uns hin entwickeln müssten. Um den Genderaspekt einzubringen: Arabische und Schwarze Männer wurden in der Kolonialzeit als sexuelle Raubtiere dargestellt, unter anderem, um den Kolonialismus zu rechtfertigen; der Kolonialismus wäre somit unerlässlich, um die zivilisierten Nationen vor solchen unkontrollierbaren Männern zu schützen. Solche Bilder werden heute noch bemüht. Arabische Männer werden nach wie vor als patriarchalisch und sexuell zügellos dargestellt. Viele würden vielleicht heute sagen, dass dieses Bild des arabischen Mannes doch objektiv richtig ist. Die Harvard University widerspricht in einer Studie über implicit biases, also über unbewusste Voreingenommenheit, diesem Vorurteil, denn etwa 90 Prozent der Serienmörder und -vergewaltiger sind weiße Männer. Es gibt also eine Diskrepanz zwischen solche Darstellungen und objektiven Fakten.

Was genau ist mit “weißer Vorherrschaft” gemeint?
In Zeiten der Aufklärung und des Kolonialismus teilte man im europäischen Raum die Überzeugung, dass es unterschiedliche Rassen von Menschen gibt und Weißsein der Maßstab der Überlegenheit und der Menschlichkeit ist. Wissenschaftlich wurde die weiße Rasse als überlegen erklärt und verfestigt. Weiße Menschen gelten seitdem als Symbol für Intelligenz, Wissen, Schönheit, Vertrauen, Zivilisation. Sie sind die überlegene Kultur. Dieser Maßstab wirkt bis heute noch, er ist auch in Werbung, Popkultur und Filmen wiederzufinden. Die Hauptrepräsentation von Schönheit und Wissen bleibt weiß, obwohl es sich langsam ändert.

Geflüchtete werden nicht als Menschen in Not und mit Bedürfnissen gesehen, sondern als Parasiten. 

Der italienische Lega-Chef Matteo Salvini bezeichnete Geflüchtete Menschen auf Booten im Mittelmeer als Touristen, die von Italien bezahlt werden müssen. Was haben solche Aussagen mit Rassismus zu tun?
Bei einer solchen Aussage fehlt es an Empathie. Hier versucht man nicht, Gründe zu verstehen, oder diese ernst zu nehmen. Geflüchtete werden nicht als Menschen in Not und mit Bedürfnissen gesehen, sondern als Parasiten. So wirkt die weiße Vorherrschaft. Das Bild der Parasiten wurde im Nationalsozialismus sowohl für die Juden und Jüdinnen, als auch für die Sinti und Sintezze sowie Roma und Romnja benutzt.

Warum fällt es uns so schwer, dieses Verhalten und Denken als weiße Vorherrschaft zu benennen?
Weil man dann anerkennen müsste, dass wir nicht darüber hinweg sind, über den Rassismus nicht und auch nicht über die weiße Vorherrschaft. Rassismus verbinden wir mit schlechten Menschen, die etwas Schlechtes tun oder sagen. Wir wollen nicht erkennen, dass Rassismus ein Organisationsprinzip ist, ein systemisches Problem, das uns alle angeht.

Rechtspopulistische Parteien in ganz Europa drehen die Debatte um Geflüchtete immer um und sagen: Wir kümmern uns lieber um die Eigenen und müssen die vor den Anderen schützen. Wie kann man diese Aussage im Rassismusdiskurs einordnen?
Das ist problematisch, weil es suggeriert, Menschen aus der Arbeiterklasse hätten ihre Probleme nicht aufgrund eines schädlichen kapitalistischen Systems, sondern wegen der Ausländer und Ausländerinnen. Diese Menschen werden aber von einem System, das auf Rassismus und Patriarchat basiert, dem Kapitalismus, unterdrückt. Rechtspopulistische Parteien betreiben mit solchen Aussagen die Strategie „Teile und herrsche“: Es ist reine Manipulation. Das hat auch die NSDAP gemacht. Damals war die Argumentation ähnlich: Die Vernichtung der Juden würde fast alle Probleme lösen, inklusive der Wirtschaftskrise.

Entsprechen nationale Identitäten noch der Realität?

Sollte man den Diskurs um Geflüchtete als explizit rassistisch bezeichnen?
Ja, das würde helfen, dann könnten wir das Problem an der Wurzel anpacken und könnten die falsche Argumentation beheben, die auf Scheinproblemen basiert, wie jene, dass Geflüchtete unehrlich sind und das Sozialsystem ausbeuten und dass ihre rückständigen Kulturen die europäische Werte gefährden.

Wie ließe sich eine antirassistische Debatte über Geflüchtete führen?
Das würde heißen, überhaupt das Konzept der Nation infrage zu stellen: Entsprechen nationale Identitäten noch der Realität? Außerdem gibt es Menschenrechte und Konventionen für Geflüchtete, sie haben das Recht auf Asyl. Es ist unsere Pflicht und Verantwortung, als Länder, die Sicherheit gewährleisten können, Menschen aufzunehmen. Das sollte nicht zur Debatte stehen. Es gibt ein jüdisches Sprichwort, das lautet: Unsere Heimat ist überall, wo wir leben. Das sollte unsere Grundregel für die Menschheit sein. Wir sollten unsere politischen Systeme so organisieren, dass alle Menschen überall ein Zuhause finden können. Dieses Recht gibt es derzeit nur für Menschen aus reichen Ländern. Wenn ich als Touristin nach Mozambique ziehe, habe ich diese Möglichkeit, Menschen aus ärmeren Ländern können das nicht so einfach.

 

 

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