Anzeige
Gefährliche Ausrüstung

„Jeder dritte Ski ist falsch eingestellt“

Die Skisaison beginnt und mit ihr die Zeit der Pistenunfälle. In der Hälfte der Fälle ist fehlerhafte Ausrüstung die Ursache, meint Ernst Messner.

winter-holiday-2493384_1920.jpg

Bild: pixabay.com/Martin Büdenbender

Ernst Messner ist Experte, wenn es ums Skifahren und vor allem um die technische Ausrüstung geht. Der ehemalige Rennfahrer arbeitete viele Jahre als Skilehrer und Skischulleiter, war mehr als 15 Jahre Inhaber einer Servicewerkstatt für Skipräparation und hat 2004 die europaweit einzige Ausbildung für Skiservicetechniker im Berufsbildungszentrum Bruneck ins Leben gerufen. Noch heute ist er Ausbildungsleiter und Hauptreferent der Lehrgänge. Gleichzeitig ist er Initiator der Berufsgemeinschaft für Sportgerätetechniker im LVH, für die er heute als Berater arbeitet.

Ernst Messner: Experte im Bereich Skitechnik und Skiverleih.

Bild: Ernst Messner

Die Berufsgemeinschaft vom LVH hat sich zum Ziel gesetzt, die Qualität im Bereich Skiverleih und Skiservice zu verbessern. In den letzten Jahren wurden einige Maßnahmen ergriffen, wie die „TEST & INFO EVENTS“ der Leading Skiservice & Rent Betriebe sowie die Teilnahme an der Kampagne „Ich habe Spaß, ganz sicher“ mit einem Service Check Point, um Endverbraucher über den professionell ausgeführten Skiservice, die richtige Arbeit im Skiverleih und die korrekte Einstellung der Bindung aufzuklären.
Gehen Skiunfälle vor Gericht, wird Messner häufig als technischer Gutachter hinzugezogen, um das mögliche Verhalten des Sportgerätes bei einer bestimmten Präparation oder die Ursache für eine Fehlfunktion der Bindung herauszufinden.
Seine Mission: So viele Skisportler wie möglich über einen professionell ausgeführten Skiservice, die richtige Auswahl der technischen Ausrüstung und die fachgerechte Einstellung sowie elektronische Funktionskontrolle der Bindungen aufzuklären.

Bei 60 Prozent aller Skiverletzungen soll das Material oder die falsche Präparation Schuld sein. Wie kommt das?
Unsere Recherchen haben gezeigt, dass Auswahl, Einstellung, und Wartung der Skiausrüstung einen sehr großen Einfluss auf den Spaßfaktor und die Sicherheit haben.
Wer im Winter einmal die Erste-Hilfe-Abteilung eines Krankenhauses besucht, wird sich wundern, wie viele Skifahrer dort mit Verletzungen des unteren Bewegungsapparates usw. eingeliefert werden. Die Ursachen dafür liegen zu 50 Prozent bei der falschen Auswahl der technischen Ausrüstung, der fehlerhaften Funktion der Bindungen oder dem falsch ermittelten und eingestellten Auslösewert sowie bei der nicht fachgerechten Präparation von Skiern und Snowboards. Und zwar sowohl im Sportgeschäft als auch im Verleih.

„Nur zwei von zehn Skifahrern haben die richtige Schuhgröße, dabei spielt auch diese eine große Rolle.“

Inwiefern hat die Präparation einen Einfluss auf die Sicherheit?
Sind die Ski schlecht präpariert, sind sie schwer zu kontrollieren, schwer zu lenken und der Kantengriff fehlt. Für den Skifahrer bedeutet dies einen weit höheren Kraftaufwand sowie teilweise die Notwendigkeit eines sehr starken Aufkantwinkels damit der Ski greift. Wird das Sportgerät nicht dem Fahrkönnen entsprechend präpariert, kann man sehr leicht die Kontrolle über die Ski verlieren und kommt dann ein Hindernis wie andere Skifahrer, ein Pistenrand oder Sonstiges, dann knallt's.

Wie muss ein Ski präpariert sein?
Ein Laie erkennt den Unterschied leider häufig nicht auf Anhieb, er spürt jedoch den Unterschied sehr deutlich bei einem direkten Vergleich, der leider meistens schwer möglich ist. Unter anderem müssen die Kanten in einem bestimmten Winkel geschliffen sein (speziell auf der Belagseite), ansonsten wird der Ski gefährlich oder sogar unfahrbar. Ein guter und individueller Service ist dementsprechend nicht in fünf oder zehn Minuten machbar, und es sollte jedem bewusst sein, dass ein guter Skiservice auch einen höheren Wert hat und somit mehr kostet.

Bei den Ausbildungen im Bereich Skiverleih und Skiservicetechnik eignen sich die Teilnehmer grundlegendes Wissen zum Thema an.

Bild: Ernst Messner

Woran erkennt der Laie eine gute Skiservicewerkstatt?
Leider gibt es in den meisten Skigebieten viele Betriebe, die Billigarbeiten ausführen, unter denen die Fahreigenschaften der Skier oder Snowboards leiden. Wird mit Pauschalangeboten, zum Beispiel mit „Express-Service – Ski schleifen für 15 Euro“ geworben, sollte man die Finger davon lassen.
Ein guter Skiservicetechniker sieht sich das Material beim Serviceannahmecheck genau an und erklärt dem Kunden anhand eines Serviceauftrags genau, was gemacht werden muss und wie viel der Service für dieses Paar Ski kostet. Er stellt dabei auch immer einige Fragen bezüglich Fahrkönnen, gewünschten Fahreigenschaften usw. Das Qualitätssiegel „Leading Ski Service“ der Berufsgemeinschaft kennzeichnet jene Skiservice- und Skiverleihbetriebe, die hohe Qualitätsstandards erfüllen sowie qualifizierte und ausgebildete Mitarbeiter und Skiservicetechniker beschäftigen.

„Männer mit 90 Kilogramm fahren dann einen Ski, der für Frauen oder Kinder mit maximal 50 Kilogramm und für Skianfänger konstruiert wurde.”

Worauf sollten Wintersportler beim Ausleihen oder Kaufen der technischen Skiausrüstung achten?
Sie sollten darauf achten, wie die Verkäufer arbeiten. Zur Auswahl und Anpassung der Skischuhe sollten zumindest die Fußlänge und –breite mittels einer speziellen Fußmesslehre gemessen werden, um die richtige Skischuhgröße zu ermitteln. Nur zwei von zehn Skifahrern haben die richtige Skischuhgröße, dabei spielt auch diese eine große Rolle. Ist der Schuh zu groß oder zu weich – was man als Laie oftmals nicht erkennt, kann man den Ski nämlich nicht richtig lenken und kontrollieren. Ein guter Verkäufer stellt auch andere individuelle Fragen: Er holt Daten wie Alter, Körpergewicht, Körpergröße, das Fahrkönnen und die Skischuhsohlenlänge ein, um den korrekten Bindungseinstellwert zu ermitteln. Der Skifahrer sollte darauf achten, dass beim Kauf die Funktionseinheit Skibindung-Schuh mit einen elektronischen Bindungsprüfgerät geprüft wird sowie im Verleih die Bindungen zumindest vor der Saison diesbezüglich getestet wurden. 
Viele Skifahrer sind außerdem mit Skiern vom Discounter unterwegs. Männer mit 90 Kilogramm fahren dann einen Ski, der für Frauen oder Kinder mit maximal 50 Kilogramm und für Skianfänger konstruiert wurde. Im Verkauf, vor allen Dingen bei den Discountern, nimmt sich kaum jemand die Zeit, den Kunden zu erklären, dass das nicht geht. Gleichzeitig fragen aber auch die Kunden nicht nach, sondern sehen nur den günstigen Preis.

Vielfach stellen Skifahrer ihre Bindung selbst ein. Sollten sie in Zukunft besser die Finger davon lassen?
Bindungen sollten nur vom Fachmann eingestellt werden. Kaum jemand weiß, dass die Stellzahl auf der Bindung nicht das Körpergewicht darstellt, sondern dass dies ein Zahlenwert (Z-Wert) ist, der auf einer seit über 30 Jahren bestehenden europaweiten ISO-Norm aus Skischuhsohlenlänge, Körpergröße, Körpergewicht, Fahrkönnen und Alter zu ermitteln wird.
Aufgrund dieser Unwissenheit sind sehr viele Bindungen falsch eingestellt. Sie lösen manchmal zu leicht oder zu spät aus. Viele Bindungen funktionieren zudem nicht richtig. Das heißt, auch wenn der eingestellte Zahlenwert richtig ist, kann die Bindung vom korrekten Auslösewert abweichen.
Um sicherzugehen, sollte man seine Bindung also mindestens einmal alle ein bis zwei Jahre, oder, wenn Ski oder Schuhe gewechselt werden, mit einem elektronischen Bindungsprüfgerät prüfen lassen und den errechneten Z-Wert einstellen lassen.

„Die Mitarbeiter haben aber häufig nicht die Möglichkeit, sich im Betrieb durchzusetzen und die Arbeit so zu erledigen, wie sie es gelernt haben.”

Wie kann es sein, dass es in einem Land wie Südtirol keine Gesetze in diesem Bereich gibt?
Die Berufe im Bereich Skiservice und Skiverleih gehören zu den sogenannten „freien Berufen“ in Europa. Bei den freien Berufen gibt es keine Gesetze, die einen Mindestbefähigungsnachweis oder eine Ausbildung vorschreiben. Umso wichtiger ist die Aufklärung. Wenn der Endverbraucher mehr darauf achtet und die Betreiber der Sportgeschäfte, Skiverleih- oder Servicebetreiber häufiger darauf angesprochen werden, wird die Qualität mit der Zeit besser. Davon bin ich überzeugt.

Wie viele Skiverleihe in Südtirol haben die Ausbildung im Bereich Skiverleih und Skiservicetechnik bei Ihnen gemacht?
Es gibt in Südtirol ca. 170 Skiverleihe mit insgesamt ca. 800 bis 1000 Mitarbeitern. Bis jetzt haben etwa 200 Personen die Ausbildung absolviert, wovon nur ca. 25 Teilnehmer selbst Inhaber eines Skiverleihs waren, der Rest waren Angestellte oder anderweitig Interessierte. Die Mitarbeiter haben aber häufig nicht die Möglichkeit, sich im Betrieb durchzusetzen und die Arbeit so zu erledigen, wie sie es gelernt haben.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Reportage zur Pelzmode

Pelz ist out

Studien zeigen: Immer mehr Menschen sind gegen die Verwendung von Pelz in der Modeindustrie. Wie reagieren Geschäfte und Modeketten darauf?
0    

Ruf aus der Stille

Die Mitarbeiter*innen der Telefonseelsorge in Südtirol kümmern sich ehrenamtlich um jene Menschen, die sich sonst niemandem anvertrauen können.
0    

No Regrets

Die junge Alternative-Metal-Band Lost Zone veröffentlicht ihre zweite Single. Der Song „No Regrets“ handelt vom Loslassen.
 | 
40 Wochen

Ein Körper für zwei

Irgendwo zwischen Sexbombe und gestrandetem Wal gibt Herzmensch erste Lebenszeichen.
0    
 | 
Porträt Moritz Windegger

Bruder Moritz

Jung, geschätzt, als Journalist bei den Dolomiten erfolgreich – und dann ging Moritz Windegger ins Kloster. Von einem, der in beiden Welten zuhause ist.
0    
Anzeige