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Besuch bei einer Selbsthilfegruppe

„Familienkrankheit Alkohol“

Die Alkoholsucht wirkt sich auf das ganze soziale Gefüge eines Süchtigen aus. Eine Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholikern spricht offen über das Tabu.

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Bild: Flickr, B Rosen

Nach einer bestandenen Prüfung gibt’s einen Schnaps, die Geburt der Tochter wird mit Sekt gefeiert, beim Fußballschauen fließen ein paar Bier und nach der Messe am Sonntag darf es auch ein Glas Weißwein sein. Alkohol ist in unserem Alltag allgegenwärtig, er gehört dazu, ist gesellschaftsfähig – aber nur, bis er zum Problem wird. Entwickeln sich aus dem einen Glas Weißwein am Sonntag vier, aus dem Schnaps nach der Prüfung zwei davor, geht es vom Genuss zur Sucht über, dann wird Alkohol plötzlich zum Tabu. Wir sprechen nicht darüber, lassen die Betroffenen allein.

Dies soll heute anders sein. Ich treffe mich mit der Selbsthilfegruppe Al Anon, Angehörige und Freunde von Alkoholikern, in Brixen und wir wollen in diesem geschützten Raum offen darüber sprechen, was Alkohol mit einer Familie macht, welche Höhen und Tiefen durchlebt werden, wo man Hilfe finden kann.

„Es musste etwas passieren.“

„Früher dachte ich immer, ich bin ganz allein. Ich habe bei anderen Familien nie ein Alkoholproblem gesehen, immer nur bei uns“, erzählt Waltraud. Vor vielen Jahren kam sie das erste Mal zur Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholikern nach Brixen, „weil einfach etwas passieren musste“, wie sie heute sagt. Schon nach dem ersten Meeting ging sie bestärkt nach Hause, zu wissen, dass auch andere ähnliche Probleme haben, gab ihr Mut. Sie war nicht mehr allein.

Bild: www.al-anon.at

Seit 25 Jahren trifft sich die Gruppe Al anon (Alcoholics Anonymus Family Groups) in Brixen. Ich sitze mit vier Frauen in einem dunklen, kühlen Raum im Pfarrheim. Er ist karg eingerichtet, ein dunkelbrauner Holztisch mit ein paar Stühlen bestimmt das Erscheinungsbild. Die Frauen haben eine kleine Kerze auf dem Tisch angezündet, die etwas verloren wirkt und dennoch einen kleinen, warmen und beruhigenden Schein erzeugt. „Ich heiße Anna und bin Angehörige von einem trockenen Alkoholiker“, beginnt die erste Frau ihre Erzählung. Meine Assoziation mit den Anonymen Alkoholikern (AA), die man aus amerikanischen Serien kennt, kommt nicht von Ungefähr. Al Anon wurde in den 1950ern in den USA gegründet, die Familiengruppen haben sich aus den Gruppen der AA entwickelt, weil man merkte, dass auch die Angehörigen von Alkoholikern Hilfe in Gesprächsgruppen finden können.

Co-Abhängigkeit: Einsicht ist der erste Schritt

Anna erzählt, von ihrem ersten Meeting. Durch die Alkoholsucht ihres Mannes, der betrunken oft mit Selbstmord drohte, wusste sie nicht mehr weiter und rutschte fast in eine Depression, sie konnte nicht mehr lachen, kannte sich selbst nicht mehr, so die heute 70-Jährige. Sie nahm all ihren Mut zusammen und ging zum ersten Treffen nach Brixen. „Beim ersten Meeting habe ich nur geweint. So oft hat meine Schwiegermutter mich beschuldigt, irgendwann habe ich auch selbst daran geglaubt: Mit einer anderen Frau wäre mein Mann nicht so geworden. Hier in der Selbsthilfegruppe habe ich gelernt, dass ich nicht für die Alkoholkrankheit meines Mannes verantwortlich bin.“

„Ich habe gelernt, dass ich ihn trinken lassen muss.“

Anna machte früher viele Fehler, wie sie für Co-Abhängige üblich sind. Eine Co-Abhängigkeit bezeichnet das Verhalten von Personen, die dem Alkoholsüchtigen nahe stehen und für ihn Verantwortung übernehmen, sein Trinken rechtfertigen und ihm Belastungen ersparen wollen. Viel Gutgemeintes wie das Kontrollieren des Alkoholikers, Verstecken von Alkohol oder Schimpfen oder Drohen bewirkt nämlich das unerwünschte Gegenteil: Der Süchtige trinkt weiter. „Ich habe gelernt, dass ich ihn trinken lassen muss, dass er das muss und ich nicht für alles verantwortlich bin“, erzählt Anna weiter. Nach dem ersten Meeting ging sie nach Hause, hat ihren Mann eine Woche lang trinken lassen, was er wollte. Es war eine schlimme Woche, der Periodentrinker war jeden Tag betrunken. „Am Freitag war er am Boden zerstört. Es ging ihm so schlecht, dass er selbst gesagt hat, es muss sich etwas ändern. An diesem Tag ist er selbst zum ersten Mal in eine Selbsthilfegruppe gegangen.“ Man müsse manchmal an einem Tiefpunkt ankommen, um sich die eigene Sucht überhaupt einzugestehen, erklären mir die Frauen der Selbsthilfegruppe.

„Eine höhere Macht“

Anna erzählt gerne von dieser ersten Erfahrung in der Selbsthilfegruppe. Sie nennt es ihr „kleines Wunder“, auch wenn sie betont, dass die Selbsthilfegruppe keinen Zaubertrank habe, mit dem man die Probleme lösen könne. Am wichtigsten sei es, an sich selbst zu arbeiten. Al Anon bietet dafür 12 Schritte an, die etwa beinhalten, dass es eine höhere Macht gebe, an die man Verantwortung und Sorgen abgeben könne, dass diese Macht einem helfe, sich selbst zu ändern, dass man die eigenen Fehler eingestehen solle und so gelassener werden könne. Ich bin beim Lesen dieser 12 Schritte unweigerlich an etwas Religiöses erinnert, auch wenn die Frauen betonen, die höhere Macht müsse nicht Gott sein, jeder könne sie sich so vorstellen, wie er oder sie möchte. Aber ich glaube das Konzept verstanden zu haben, sich einzugestehen, dass man selbst gegenüber Alkohol machtlos ist, eine höhere Macht anzurufen, wenn es scheinbar nicht mehr weiter geht – das ermöglicht gelassener zu werden und Alkohol als Krankheit anzuerkennen.

„Ich muss als Angehörige nicht demütig Ja und Amen zu allem sagen.“

Waltraud versucht diese Gelassenheit zu erklären: „Man bricht mit dem Alkoholiker unnötigen Streit vom Zaun und kommt von diesem Groll oft überhaupt nicht mehr raus. Mit Schimpfen und Drängen kann man das Problem nicht lösen, das heißt aber nicht, dass ich als Angehörige demütig Ja und Amen zu allem sagen muss.“ Sie habe durch die Selbsthilfegruppe begonnen, auch bei den Schimpftiraden ihres Mannes genauer zuzuhören. Wenn ein Körnchen Wahrheit dabei ist, versucht sie an sich zu arbeiten, wenn alles aus der Luft gegriffen ist, beachtet sie es nicht mehr und lässt es ihr nicht nahegehen. Diese Gelassenheit helfe ihr sehr. Daran gedacht, mit ihren vier Kindern ihren Mann zu verlassen, habe Waltraud in der Vergangenheit auch bereits. Ihr ältester Sohn habe ihr damals gesagt: „Nein Mama, das schaffen wir nicht.” Die Zeiten, in denen der Vater nicht getrunken hat, waren zu schön, hinter dem Alkoholiker gab es einen liebenden Vater und Ehemann. Die Familie hat deshalb zusammengehalten, das klappte aber bloß, da nie Gewalt im Spiel war, betont Waltraud.

Bild: Flickr, David Pursehouse

Selbsthilfegruppen aus ärztlicher Sicht

Wolfgang Fleischhacker, Direktor der Allgemeinen Psychiatrie und Sozialpsychiatrie der Uniklinik Innsbruck, betreut sehr viele Patienten mit einem Alkoholproblem. Ein Viertel seiner Patienten hätte ein Suchtproblem, die meisten davon seien alkoholsüchtig. Auch manche Südtiroler Patienten werden in Innsbruck therapiert.

Selbsthilfegruppen werden aus fachlicher Sicht prinzipiell als sehr positiv betrachtet, da sie als Informations- und Motivationsunterstützung eine bedeutende Ergänzung der ärztlichen Arbeit seien. Fleischhacker betont, dass Selbsthilfegruppen allerdings keine Therapie bieten und Alkoholsüchtige diese aber meist benötigen, da der Weg aus der Sucht sonst nicht schaffbar ist. Angehörige würden zwar auch oft in die fachliche Therapie mit eingebunden, für sie seien derartige Selbsthilfegruppen aber sicherlich sehr hilfreich. Al Anon bezeichnet Alkoholismus als Familienkrankheit, worin der Direktor der Psychiatrie dahingehend zustimmen kann, dass die Krankheit das ganze soziale Gefüge betreffe, auch wenn er den Begriff etwas unscharf findet. Alkoholismus sei aber nicht die einzige Krankheit, die die ganze Familie betrifft. „Immer, wenn ein Familienmitglied erkrankt, betrifft das auch den Rest der Familie. Das ist nicht nur spezifisch für den Alkohol, das gilt etwa auch für eine Krebserkrankung.“

Anonymer Austausch ohne Verurteilungen

Ich merke, die Frauen sind durch die Jahre bei der Selbsthilfegruppe zu richtigen Freundinnen geworden. Eine kommt sogar noch regelmäßig vorbei, obwohl ihr Mann bereits verstorben ist. „Das hier ist auch eine Art Lebenshilfe, ein teilweise spirituelles Programm, was man oft im Leben anwenden kann“, sagt sie. In dieser Gruppe können sind die Betroffenen unter sich austauschen, sie sind anonym, es wird nichts des Gesagten nach außen getragen. Von Nicht-Betroffenen fühlen sie sich oft unverstanden, häufig gibt es auch unterschwellige Schuldzuweisungen, die den Sprechern vielleicht selbst gar nicht auffallen, erzählt Waltraud: „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie weh es tut, wenn man jemanden sagen hört: Schau, der XY macht sich aber gut, der hat halt die richtige Frau.“  

Die vier Frauen wünschen sich, dass wieder neue Betroffene zu ihren Treffen dazustoßen würden. Es gebe genug Angehörige, viele würden sich aber nicht her getrauen oder erwarten sich zu schnell Ergebnisse. „Es braucht Durchhaltekraft. Es muss auch mal abwärts gehen, um wieder aufwärts gehen zu können. Die Selbsthilfegruppe kann hier aber eine gute Hilfe sein, ich bin ein neuer Mensch geworden, mein Leben ist dadurch wieder lebenswert geworden“, schließt Anna.

 

Die Treffen der Al-Anon-Gruppe Brixen finden jeden 2. und 4. Montag im Monat in der Domgasse 2 statt. Es gibt auch Treffen in Bruneck und Bozen. Eine Übersicht aller Selbsthilfegruppen in Südtirol gibt es hier.

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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Wie süchtig ist Südtirol?

Fünf Prozent der Südtiroler gelten als alkoholabhängig. Zählt man die Anzahl derer hinzu, die ein problematisches Verhalten zum Alkohol haben, so sind das etwa 100.000 Menschen. 
Alkoholsucht ist die Nummer eins unter den Süchten der Südtiroler, doch längst nicht die einzige: Drogensucht, Spielsucht, Magersucht – ihre Ausprägungen sind vielfältig. In den nächsten Wochen geht BARFUSS in einer Reihe von Porträts, Interviews und Reportagen der Frage auf den Grund: Wie süchtig ist Südtirol?

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