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Interview mit Laurin Mauracher

„Fürchterliche Auswirkungen“

Smartphones und Social Media können für die Entwicklung von Jugendlichen schwere Folgen haben. Eine bewusste Nutzung kann man aber lernen, sagt der Forscher Laurin Mauracher.

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Lizenz: CC by (bearbeitet)
Bild: Flickr/Arjan

Immer, wenn ihre elfjährige Tochter Sophie zu Bett geht, macht sich Anna Sorgen, dass es wieder passiert: Sophie wacht mitten in der Nacht auf und checkt ihre Benachrichtigungen auf ihrem Smartphone. Eigentlich hätte das neue Iphone, das da jede Nacht neben Sophies Bett liegt, ein Geschenk sein sollen, schließlich will man ja nicht, dass das eigene Kind von seinen Altersgenossen isoliert ist. Nachdem Sophie aber wiederholt völlig verschlafen am Frühstückstisch aufgetaucht ist (wenn sie denn überhaupt aus dem Bett kam), wusste Anna, dass sie etwas ändern muss.

Sophies nächtliche Eskapaden sind nur eine von mehreren Fallgeschichten, die Laurin Mauracher erforscht. Laut Mauracher kommen solche Fälle so häufig vor, dass sich die Frage stellt: Sind wir abhängig von den Dingern? Laurin Mauracher ist Mediziner und Sprachwissenschaftler. Er forscht an der Universitätsklinik für Psychiatrie der Medizinischen Universität Innsbruck an den Ursachen und Therapiemöglichkeiten von Depression.

Smartphone-Abhängigkeit: Gibt es das überhaupt?
Das ist eine sehr kontroverse Frage. Es gibt immer mehr wissenschaftliche Daten, die darauf hinweisen. Das Problem ist aber, dass die Mühlen der Wissenschaft nur langsam mahlen, weswegen man sich noch gar nicht über eine universelle Definition für Smartphone- oder Social-Media-Abhängigkeit einig geworden ist.

Laurin Mauracher

Bild: Thomas Tribus
Wie meinst du das?
Abhängigkeit heißt in der Medizin, dass ein bestimmtes Verhalten trotz negativer Konsequenzen immer wieder wiederholt wird. Studien belegen mittlerweile beispielsweise, dass Smartphone- und Social-Media-Nutzung vor allem bei Kinder und Jugendlichen die Schlafqualität und -quantität einschränken können. Auf gut Deutsch heißt das, dass sie später schlafen gehen und teilweise nachts aufwachen, um auf ihr Smartphone zu schauen. Das klingt im ersten Moment zwar banal, hat aber fürchterliche Auswirkungen auf die emotionale Gesundheit und die Gehirnentwicklung der Kids. In dieser Phase des Lebens sind acht bis neun Stunden Schlaf unersetzbar. Somit könnte man von einer Abhängigkeit sprechen.

Welche Rolle spielen Social Media dabei?
Social Media sind maßgeblich für den Erfolg und die Verbreitung des Smartphones verantwortlich. Man muss sich vorstellen, dass das bahnbrechende Iphone 2007 erstmals auf dem Markt gekommen ist und dass rund zwölf Jahre später bereits mehr als 3 Milliarden Menschen auf der Erde ein Smartphone besitzen. 95 bis 100 Prozent der Jugendlichen in den westlichen Ländern besitzen inzwischen eins. Das sind enorme Zahlen.

Um auf Social Media „erfolgreich“ zu sein, muss man die Methoden der herkömmlichen Werbung übernehmen: das Leben soll aufregend, sexy, bunt und glücklich aussehen.

In der Diskussion spielt nicht nur Abhängigkeit eine Rolle, sondern auch der Einfluss von Social Media auf Depressionen und andere psychische Erkrankungen.
Absolut! Das größte Problem bei Apps wie Instagram und Facebook sehe ich auch darin, dass den Userinnen und Usern eine auf Hochglanz polierte Realität vorgegaukelt wird, ohne darauf hinzuweisen. Auf Facebook und Instagram sind bekanntermaßen alle Menschen Freunde und alle zeigen ihr Leben von der Photoshop-gebräunten Sonnenseite. Die weniger glamourösen, etwas langweiligen Teile der Realität werden logischerweise ausgeblendet. Das ist Selbstzensur aus Eitelkeit, eine verzerrte Selbstdarstellung. Im Grunde muss man die Methoden der herkömmlichen Werbung übernehmen, um auf Social Media „erfolgreich“ zu sein: das Leben muss aufregend, sexy, bunt und glücklich ausschauen. Wenn dem nicht so ist, stellst du alles infrage: Ist mein Leben jetzt gut oder nicht?

Ein Lösungsansatz muss also her. Wo sollen wir suchen? Glaubst du es bräuchte eine politische Lösung?
Schwierig. Es ist aboslut unmöglich, Leute zu zwingen, weniger oder keine Social Media zu verwenden. Staatliche Eingriffe können noch so gut gemeint sein, wenn der Staat aber in die Kommunikation eingreift, kann es ganz schnell in Zensur umschlagen. Außerdem wollen wir Menschen ja nicht verbieten, Social Media zu verwenden, sondern nur die negativen Konsequenzen  verhindern. Denn wenn man nicht mit einer gewissen Selbstverantwortung an die Sache rangeht, macht das nicht viel Sinn. Wir müssen uns fragen: Was tut uns gut? Das ist die Verantwortung eines jeden Einzelnen. Bei Kindern und Jugendlichen ist das natürlich ungemein schwieriger.

Gut, aber die ganze Sache muss  ja auch einen gewissen Vorteil haben. Auf die süchtig machenden Mechanismen kann die enorme Nutzung doch nicht alleine zurückzuführen sein.
Sicher. Man darf nicht vergessen: immer wenn Menschen Social Medias verwenden, kommunizieren sie. Das ist zwar eine andere Art von Kommunikation, und man kann sich die Frage stellen, wie wertvoll diese Kommunikation ist, aber Gruppenchats, Snapchatstorys oder Hashtags sind doch verbindende Elemente.

Es wird empfohlen, Kindern unter zehn Jahren gar kein eigenes Smartphone zu geben.

Durch die zunehmende Vernetzung wird es immer schwieriger Ausreden zu finden, nicht am sozialen Austausch im Internet teilzunehmen. Wie sollte eine gesunde Nutzung von Social Media deiner Meinung nach aussehen?
Ein gutes Grundprinzip ist Achtsamkeit. Das heißt Acht auf sich selbst, seine Gefühle, seine Bedürfnisse, und auf die Umwelt zu geben. Das klingt schwammig und esoterisch, aber es ist genau das, was im Zeitalter der Omnipräsenz der Technologie verloren geht. Wir sind nie offline, schauen immer auf Bildschirme, setzen uns immer irgendeiner Form der Stimulation aus. Das Handy aus der Tasche zu ziehen, sobald wir uns auch nur für fünf Sekunden im Leerlauf befinden, ist für sehr viele Menschen ein Reflex geworden. Pausen, in denen man nichts macht, gehören dadurch der Vergangenheit an. Achtsamkeit beinhaltet auch, bewusst – achtsam – seine Social Media zu benutzen. Das heißt, es ist sinnvoller, sein Gerät irgendwo außer Sicht zu behalten, während man etwas anderes macht. Es ist ziemlich interessant: wenn man sich dann hinsetzt, um die Benachrichtigungen bewusst zu kontrollieren, also sich zu fragen, ob man wirklich gleich antworten muss, verliert das ganze relativ schnell seinen Reiz und man merkt: so viel Spaß machen Social Media gar nicht.

Würdest du deinen (hypothetischen) Kindern die Nutzung von Social Media erlauben?
Unter zehn Jahren definitiv nicht. Prinzipiell wird empfohlen, Kindern unter zehn Jahren gar kein eigenes Smartphone zu geben; erst zwischen zehn und 14 sollten Kinder dann unter Aufsicht Smartphone und Tablet nutzen. Auf Social Media haben Kinder unter 14 schon aus rechtlichen Gründen nichts zu suchen. Ab 14 Jahren sollte dann die Nutzung erlaubt werden, aber bewusst gemacht werden. Zum Beispiel gibt es Apps, die die Zeit am Smartphone messen, oder die Anzahl der Male zählen, bei denen man das Smartphone entsperrt hat. Das zu realisieren, kann recht schockierend werden. Bildschirme im Bett und Schlafzimmer sind sowieso tabu, wegen den erwähnten Auswirkungen auf den Schlaf.

Wie ist es eigentlich mit dir? Verwendest du Social Media?
Ja, aber sie sind eigentlich nicht so aufregend, dass ich viel Zeit damit verbringen müsste.

Smartphones und Social Medias sind, wie alle Technologien, von Grund auf weder schlecht oder gut. Es kommt wie immer auf ihre bewusste Nutzung an. Anna hat übrigens für ihre Tochter mittlerweile einen eigenen Lösungsansatz gefunden: Sophie darf ihr Smartphone nicht mehr mit ins Zimmer nehmen. Muss sie auch nicht. Die einzige Rechtfertigung für ein Smartphone im Kinderzimmer war höchstens der Wecker und dafür hat Anna ihr einen altmodischen Wecker gekauft. Einen, so wie sie ihn als Kind in ihrem Zimmer hatte. Ein Wecker mit zwei metallenen Glocken und einem Hammer in der Mitte. Völlig analog. Seitdem haben sich die nächtlichen Eskapaden gelegt und Sophie taucht fit am Frühstückstisch auf.

 

Laurin Mauracher und der Autor Thomas Tribus arbeiten zurzeit am Programm eines Workshop in der Urania Meran, in dem sie jungen Eltern die Gefahren und Möglichkeiten der Smartphone- und Social-Media-Nutzung nahebringen wollen. Im Rahmen der Zusammenarbeit kam es auch zu diesem Gespräch. Nähere Informationen zum Workshop erscheinen in Kürze auf Hi!mat.

Thomas Tribus

Als Studierender schreibt, filmt und fotografiert er für mehrere Redaktionen dies- und jenseits der Alpen. Liebt gutes Essen und gute Musik.
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