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Medizinstudentin mit Ambitionen

„Er ist gesund“

Als Elisa Reiterer Elvis kennenlernt, hat er eine Fehlbildung am Herzen. Die Meraner Medizinstudentin holt ihn von Uganda nach Innsbruck. Eine Operation rettet sein Leben.

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Bild: privat

Koro-Onang ist ein typisches afrikanisches Dorf, es liegt in Uganda, rund 70 Kilometer von Gulu entfernt. Es ist trocken und heiß, die Sonne blendet die drei Geschwister Gabriel, Cindrella und Joshua beim Spielen auf der Straße. Ihre Mutter Agnes hört ihr lautes Lachen und schaut besorgt nach ihrem jüngsten Elvis, der sich von seiner Mama verabschieden muss. Er ist wieder krank. Wie so oft hat er einen Infekt der Atemwege. Der Vater Simon bricht mit seinem Jüngsten nach Gulu auf, wo er selbst als Anästhesie-Assistent arbeitet. Er will das Kleinkind im St. Mary's Hospital Lacor, einem der wohl besten Krankenhäuser Ugandas, untersuchen lassen. Es ist nicht das erste Mal, dass Elvis hier ist, und es wird auch nicht sein letztes Mal sein. Seit seiner Geburt hat Elvis einen Herzfehler, der ihn schwächt und sein Leben kosten kann. Die Untersuchung dauert wenige Minuten, eine Praktikantin aus Europa ist dabei. Es ahnt noch niemand, dass sie es sein wird, die Elvis das Leben rettet. 

Elvis’ Geschwister: Joshua (3,5 Jahre), Cindrella (6 Jahre) und Gabriel (9 Jahre).

Bild: privat

„Ich bin eine Idealistin“

Die Praktikantin war Elisa Reiterer aus Meran. Die 22-jährige Medizinstudentin hat schon in der Oberschule die Entwicklungshilfe für sich entdeckt und Benefizkonzerte organisiert. Afrika ist ihre Leidenschaft. Im Sommer 2013 absolvierte sie ein vierwöchiges Praktikum in Uganda, auf ihrer anschließenden Rundreise hatte sie bei den langen Autofahrten viel Zeit nachzudenken: „Ich bin eine Idealistin. Ich wollte helfen und überlegte mir, was ich machen könnte. Meine Mittel sind begrenzt, sowohl medizinisch als finanziell. Dann kam mir die Idee, ein Kind zur Behandlung nach Europa zu bringen.“ Gesagt, getan – möchte man jetzt gerne anfügen. Aber so einfach gestaltete sich die Aktion dann doch nicht. Zunächst galt es, eine ganze Menge Leute zu überzeugen. Aber Elisa hatte ihr Ziel stets vor Augen und ließ nicht locker: „Ich wollte das einfach schaffen.“

Elisa pilgerte zu ihren ausbildenden Ärzten und der Innsbrucker Klinikleitung, präsentierte ihren Vorschlag, ein Kind mit Herzfehler in Innsbruck operieren zu lassen – und überzeugte schließlich. Auch in der Vergangenheit waren bereits Kinder aus Afrika zur Behandlung nach Innsbruck gekommen. Aber es war das erste Mal, dass eine Studentin aus reiner Privatinitiative und ohne Drittmittel dies initiierte. Als aus den fünf vom Krankenhaus in Gulu vorgeschlagenen Kindern Elvis ausgewählt wurde, freute sich Elisa sehr. „Sein Fall würde am ehesten komplikationslos verlaufen, deshalb fiel die Wahl auf ihn“, erklärt die Medizinstudentin. Dass die TILAK (Tiroler Landeskrankenanstalten GmbH) die gesamten Kosten für die Behandlung übernehmen wollte, konnte Elisa kaum glauben. Damit hatte sie nicht gerechnet. „Dass bei den momentanen Sparmaßnahmen noch Geld für Entwicklungshilfe aufzutreiben ist, hat mich sehr erstaunt“, erzählt die Meranerin von ihrem Glücksgefühl. Unterstützung erhielt sie auch vom Verein „Hilfe für das Kinderherz“, der den Aufenthalt der Eltern in Innsbruck finanzierte. „Es waren sehr schöne Momente zu erleben, dass die Leute helfen wollten. Über Foodsharing habe ich eine Menge Essen für die Familie erhalten und viele haben auch Winterkleidung verschenkt“, berichtet Elisa von den vielen kleinen Gesten der Unterstützung.

Elvis kommt in den OP

Am 18. September diesen Jahres war es endlich soweit. Nach schier endlosen bürokratischen Kämpfen kamen Agnes, Simon und der kleine Elvis in Innsbruck an. Als die verschiedenen Voruntersuchungen abgeschlossen waren, wurde Elvis am 24. Oktober operiert. „Ich hätte sogar assistieren dürfen, aber das habe ich dankend abgesagt“, berichtet Elisa. Dafür sei ihr die Familie schon zu sehr ans Herz gewachsen, das hätte sie nicht geschafft. Nach dreieinhalb Stunden kam Elvis aus dem OP, das Loch in seiner Herzscheidewand war geschlossen, alles verlief komplikationslos. „Wir waren alle sehr glücklich. Elvis konnte schon nach einer Woche die Intensivstation verlassen, auch bei den Kontrollen verlief alles reibungslos.“ Nach drei Wochen war klar: Elvis ist gesund. 

„Von dieser Erfahrung kann man ewig zehren“

Elisa Reiterer beim Interview.

Bild: Julia Tapfer
„Ich habe die Tragweite der ganzen Aktion erst richtig erkannt, als ich auf der Fahrt zum Flughafen mit Elvis‘ Mutter gesprochen habe. Sie hat mir gestanden, dass sie nun endlich ruhigen Gewissens auf die Frage, wie viele Kinder sie hätte, mit ‚vier‘ antworten kann“, erzählt Elisa. Die Familie kann Ende November Elvis‘ zweiten Geburtstag feiern und muss nun nicht mehr bangen, ob er bei der nächsten Feier wohl noch unter ihnen sein wird. 
„Das war alles so bereichernd, von dieser Erfahrung kann man ewig zehren. Egal, wie schlecht es einem aus welchem Grund auch immer geht, das Gefühl, einem Kind ein gesundes Leben ermöglicht zu haben, ist so wunderschön!“, strahlt die 22-jährige Meranerin. Ihr ist ein weiteres Mal bewusst geworden, aus welchem Grund sie Medizin studiert. Sie will helfen.

 

Elisa möchte, dass Elvis nicht das einzige Kind aus Uganda bleibt, das in Innsbruck operiert wird. Da sie für zukünftige Fälle aber wahrscheinlich nicht mehr auf eine so großzügige Unterstützung der TILAK setzen kann, hofft sie, durch private Spender die nötigen Mittel aufzutreiben. Wer interessiert ist, dieses Vorhaben zu unterstützen, kann sich bei Elisa Reiterer melden und erhält Informationen, sobald es konkrete Maßnahmen wie ein Spendenkonto oder Ähnliches gibt.

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
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