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Straßenzeitung zebra.

„Du bist wichtig!“

Das neunerhaus in Wien ist ein Vorzeigeprojekt. Hier erhalten obdachlose und armutsgefährdete Menschen neue Perspektiven und die Möglichkeit auf Selbstbestimmung.

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Das neunerhaus Cafè in Wien: Nicht nur gemeinnützig, sondern auch noch hipp.

Bild: Christoph Liebentritt

Seit 2017 leitet die Südtirolerin Daniela Unterholzner die Geschäfte der Wiener Sozialorganisation "neunerhaus". Im neunerhaus Café im 5. Bezirk traf zebra. sie zum Gespräch.

Wie ist neunerhaus entstanden?
Ende der 90er Jahre lebten in Wien immer mehr und immer jüngere Menschen auf der Straße. Es gab Angebote und Strukturen für Obdachlose, aber die Leute gingen nicht hin. Weil sie alkoholkrank waren und dort nichts trinken durften, weil sie ihren Hund nicht mitbringen konnten, oder weil sie nicht als Paar dort unterkommen konnten. Aus einer Bürgerinitiative etablierte sich neunerhaus – ein Haus, in das Menschen kommen können, so wie sie sind und wo dann geschaut wird, wie es weitergeht.

Daniela Unterholzner, Geschäftsführerin des Neunerhaus

Bild: Christoph Liebentritt
Was ist daraus geworden?
Heute wohnen in den drei Wohnhäusern und 212 betreuten Wohnungen in der ganzen Stadt jährlich rund 600 Menschen, ein Drittel davon Kinder. Daneben verfügt neunerhaus über ein Gesundheitszentrum für wohnungslose und nichtversicherte Menschen, eine Tierarztpraxis und ein Café. Unsere Sozialarbeit ist niederschwellig, unser Credo: Du bist wichtig, wir wollen mit dir arbeiten!

Was meint niederschwellige Sozialarbeit?
neunerhaus erreicht Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen und bildet eine Brücke zurück zum System. Unsere Sozialarbeiter*innen sind überall und nicht ausgewiesen. Sie arbeiten interdisziplinär im Team mit Ärzt*innen und Verwaltungspersonal. Sie sitzen im Café und sind immer ansprechbar, sie warten am Empfang des Gesundheitszentrums, sie begleiten Menschen zu Untersuchungen oder kommen mit jemandem ins Gespräch, dessen Hund gerade operiert wird. In der Tierpraxis erreichen wir auch jene, die sich selbst schon aufgegeben haben und nur noch ihr Tier haben.

Das Grundrecht auf Wohnen ist nicht umsonst ein Menschenrecht. 

Bei neunerhaus ist Wohnen das zentrale Thema, warum?
Das Grundrecht auf Wohnen ist nicht umsonst ein Menschenrecht. Eine sichere Wohnsituation ist die Ausgangsbasis für ein geregeltes Leben. Diese Erkenntnis widerspiegelt sich im Konzept von Housing First, mit dem wir seit 2012 arbeiten.

Was hat Housing First mit sich gebracht?
Housing First ist eines der zentralen Mittel zurück in die Eigenverantwortung. Das gängige Stufenmodell wird ausgelassen und die Leute bekommen sofort eine eigene Wohnung mit einem längerfristigen Mietvertrag. Das hat viele Vorteile und es bestätigt sich einmal mehr, dass in der Regel jeder Menschen imstande ist eigenständig zu wohnen – vorausgesetzt der Gesundheitszustand lässt das zu. Wir verfolgen einen nicht-paternalistischen Betreuungsansatz mit individueller Beratung für jede Person. Dass das funktioniert, beweisen uns nicht zuletzt die Zahlen und eine Mietstabilität von 94 Prozent in unseren Wohnungen.

Das Gesundheitszentrum des neunerhaus

Bild: Johanna Rauch

Wie wohnt es sich in den neunerhaus-Wohnungen?
In unseren Häusern hat jede*r einen eigenen Schlüssel. Es gibt keinen Portier und keine Kontrollbesuche. Die Wohnungen sind in der ganzen Stadt verstreut. Bestenfalls wissen die Nachbarn nicht mal, dass sie neben einem Klienten von neunerhaus wohnen. Die Sozialarbeit basiert auf Freiwilligkeit. Dieser Vertrauensvorschuss wird sehr gut angenommen. Die Menschen können Termine bei ihren persönlichen Sozialarbeiter*innen vereinbaren, die können zuhause oder in einem Büro stattfinden.

Woher kommen die Wohnungen?
neunerhaus hat eine eigene Immobilien-GmbH gegründet: neunerimmo. Sie versteht sich als gemeinnütziges Verbindungsglied und Vermittlerin zwischen Immobilienbranche und Sozialorganisation, akquiriert leistbaren Wohnraum, kann anmieten und weitervermieten und entwickelt gemeinsam mit Bauträgern neue Projekte mit. Mittlerweile treten auch private Vermieter an uns heran, die mehrere Wohnungen haben und eine neunerimmo zur Verfügung stellen.

Die Frage darf nicht lauten: Wie bekommen wir Menschen in der Betreuung unter? Sondern: Wie bekommen wir sie wieder raus?

Wie ist die Wohnsituation in Wien?
Wien hat ein gutes System mit leistbarem Wohnraum, Kommunal- und Gemeindewohnungen. Es gibt verhältnismäßig wenig Eigentum und private Vermieter. Es gibt eine Tradition der Gemeinnützigkeit. Dennoch sind die Mieten seit 2008 um 40 Prozent gestiegen, die Löhne kaum und die Zahlen in der Wohnungslosenhilfe steigen auch hier.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Unser Ziel ist kein geringeres, als Obdach- und Wohnungslosigkeit zu beenden. Ich glaube, dass es möglich ist. Wir brauchen dazu einen Perspektivenwechsel in der Herangehensweise. Die Frage, die wir uns künftig stellen müssen, darf nicht lauten: Wie bekommen wir Menschen in der Betreuung unter? Sondern: Wie bekommen wir sie wieder raus?

Von Lisa Frei und Alessio Giordano

Der Artikel ist erstmals in der 54. Ausgabe (November 2019) der Straßenzeitung zebra. erschienen.

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Was ist "Housing First"?

Housing First ist ein alternativer Ansatz im Umgang mit Obdach- und Wohnungslosigkeit. Anders als bei gängigen Programmen müssen sich Betroffene nicht „qualifizieren“, sondern ziehen direkt in eine „eigene“ Wohnung ein. Es wird keine Abstinenz von Alkohol oder anderen Substanzen verlangt. Die Teilnahme an Unterstützungsprogrammen ist freiwillig. Der Ansatz basiert darauf, dass eine obdachlose Person oder Familie als erstes und wichtigstes eine stabile Unterkunft braucht, um dann andere Angelegenheiten (Gesundheit, Sucht, Arbeit) angehen zu können. Erste Studien in Amerika belegen, dass die Zahl der obdachlosen Menschen in Gebieten mit Housing First um 30 Prozent sinkt und 77 Prozent der Teilnehmenden auch nach zwei Jahre noch dabei sind. Untersuchungen in Europa zeigen, dass die Wohnstabilität nach 24 Monaten selbst bei Personen mit Doppeldiagnosen und ohne Betreuungsverpflichtung höher ist und seltener Wohnungslosigkeit eintritt als bei Kontrollgruppen mit einer Abstinenzvoraussetzung. Es verbessert sich der Gesundheitszustand, der Alkoholkonsum und die Kriminalitätsrate sinken, während die Bereitschaft für Therapieangebote steigt. Für die Gemeinden bedeutet dies eine signifikante Kostenreduktion durch weniger Inhaftierungen, sinkende Nutzung von Rettungsdiensten und medizinischen Versorgungsleistungen sowie die Reduktion von Notquartieren.

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