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„Die besten Bläser sind schwul“

Coming-out, Schwulenradar, Bären und Analsex: Was du immer schon einen Schwulen fragen wolltest.

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Bild: alvin-mahmudov/unsplash

Erst seit 1990 führt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität nicht mehr als Krankheit. Doch es gibt immer noch Vorurteile und Wissenslücken in der Gesellschaft. Wir haben mit Stefan über sein Schwulsein gesprochen. Er ist Anfang 30 und beantwortet uns ein paar Fragen, die sonst tabu sind.

Hattest du schon mal was mit einer Frau?
Ich hatte recht früh eine Freundin, bei der jeder Gleichaltrige gesagt hätte: „Oh wie geil, dicke Titten!“ Aber mich hat das gar nicht interessiert. Eigentlich gab es null Anziehung. Das war ein Schlüsselerlebnis für mich. Da war ich etwa 13. Mit Jungs in der Umkleide fand ich es viel aufregender. Auch im Freibad haben mich die Mädchen gar nicht so gejuckt, aber vor den Jungs habe ich mich irgendwie geniert. Das fand ich schon komisch. Dann habe ich angefangen, mich ein bisschen mehr damit auseinanderzusetzen. Durch das Internet, so Anfang 2000, und durch Pornografie habe ich gemerkt, dass ich tatsächlich nicht auf Frauen stehe.

Wie war dein Coming-out?
Mein erstes Coming-out hatte ich mit 16 bei Freunden. Für mich selbst hatte ich schon akzeptiert, dass ich schwul bin, aber nach außen war ich sehr abwehrend. Ich habe irgendwann den schwulen Bruder einer Freundin beleidigt, wodurch es zum Streit kam. Da musste ich klarstellen, dass es eigentlich gar nicht böse gemeint war und ich habe der Freundin alles erzählt. Durch die Erfahrungen mit ihrem Bruder hat sie meine Situation verstanden und warum ich nach außen normal wirken wollte. Einige Jahre lang wussten es nur sie und ein paar Freunde. Mit etwa 20 habe ich einen Cut in meinem Leben gemacht. Ich habe meine Heimatstadt verlassen und bin in eine andere Stadt gezogen, um dort eine Ausbildung zu beginnen. Da wussten es dann von Anfang an alle. Ich habe ein ganz normales schwules Leben geführt, habe mir entsprechende Vereine und Umfeld gesucht. Nur wenn mich meine Mutter besucht hat, war ich wieder der Hetero-Sohn.

War es für dich schwer, deiner Mutter zu sagen, dass du schwul bist?
Ja, auf jeden Fall. Das Finden meines schwulen Ichs und das komplette Outing war ein etwa zehnjähriger Prozess. Meine Mutter hat es mitbekommen, als ich 23 war. Zwei Jahre lang war das dann ein absolutes Tabuthema. Irgendwann hat sie meinen besten Kumpel mit seinem Partner kennengelernt und dabei gemerkt, dass Homosexuelle ja eigentlich ganz normal sind. Sie hatte dieses Klischeebild aus den Medien, dass Schwule immer sehr tussig rumlaufen. Dadurch dass sie die beiden kennenlernte, hat sich ihr Bild geändert und sie hat auch mein schwules Leben akzeptiert.

Was hältst du von Schwulen, die in Kleidung und Verhalten sehr „tussig“ sind?
Es gibt Schwule, die sehr feminin sind. Die entwickeln oft eine Neigung zur Travestie, kleiden sich also wie Frauen. Das finde ich persönlich nicht anziehend oder attraktiv, doch auch nicht schlimm. Es gibt aber Schwule, die sich im öffentlichen Leben und auf Partys sehr übertrieben verhalten, um im Mittelpunkt zu stehen. Das mag ich überhaupt nicht. Mit so einem aufgesetzten „Hallöchen“ zur Begrüßung. Wenn jemand nur so tut, um Aufmerksamkeit zu erregen, finde ich es diskriminierend denen gegenüber, die wirklich so sind.

„Meistens funktioniert mein Schwulenradar gut, manchmal irre ich mich natürlich.”

Wie flirtest du?
Es gibt Heteromänner, die sehen es locker und fühlen sich bestätigt, wenn man sie anflirtet. Aber dann gibt es die, die sagen: „Was willst du von mir? Willst du auf die Fresse?“ Deswegen habe ich alle meine Freunde online oder in Schwulenbars und auf Schwulenfeten kennengelernt. Da hatte ich die Sicherheit, dass ich wirklich nur Schwule anflirte. Auf einer Heteroparty ist vielleicht von hundert Männern nur einer schwul. Meinen aktuellen Freund habe ich über Grindr, das Tinder für Schwule, kennengelernt. Da kann man Männer direkt anschreiben, die sich in der näheren Umgebung aufhalten.

Gibt es einen Schwulenradar?
Ja, den gibt es schon. Es sind kleine Merkmale. Zum Beispiel gehst du durch die Stadt und dir kommt ein Typ entgegen. Ihr geht aneinander vorbei, haltet kurz Blickkontakt und du drehst dich später vielleicht nochmal um. Wenn der andere auch längeren Blickkontakt hält und sich dann nochmal umdreht, ist das ein Zeichen. Es gibt aber auch Kleidungsmerkmale. Schwule sind grundsätzlich schon besser angezogen. Wobei Heteromänner in den letzten Jahren immer gepflegter und stilvoller werden. Meistens funktioniert mein Schwulenradar gut, manchmal irre ich mich natürlich.

Glaubst du, dass es heute mehr Schwule gibt als früher?
Nein, Schwule gab es schon immer. Früher hatten sie jedoch eine Scheinfreundin oder Frau, hatten Kinder und haben sich nachts heimlich in irgendwelchen Ecken ausgetobt. Dadurch dass das Schwulsein heute mehr akzeptiert wird, ist die schwule Welt viel bunter und vielfältiger geworden. Es ist heute einfacher zu sagen: „Hey, ich bin schwul.“ Es gibt Schwule unter KFZ-Mechanikern und in anderen Berufen, die mit Männlichkeit assoziiert werden. Vor Jahren wäre diese Offenheit in bestimmten Berufsgruppen nicht möglich gewesen.

Gibt es trotzdem noch Bereiche, wo schwul zu sein verpönt ist?
Banker bringen bei offiziellen Anlässen ihre Frau als Beistück mit, was ziemlich sexistisch ist. Schwule tendieren da heute noch dazu, sich von einer Scheinfreundin begleiten zu lassen. Vielleicht dauert es einfach noch ein paar Jahre, bis die Sexualität in allen Berufsgruppen egal ist. Schwieriger ist es, wenn es um Religion geht. Wie erklärst du zum Beispiel einer strenggläubigen Familie, dass du schwul bist? Da wünschen sich die Betroffenen wahrscheinlich hetero zu sein, um es einfacher zu haben. Die Leute erfinden dann natürlich Ausreden, ziehen weg von der Familie oder sie haben mit dem Partner eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern und für die Familie ist es eine WG.

„Wenn du einen großen Schwanz hast, kannst du es dir generell erlauben, ein bisschen hässlicher zu sein.”

Warum gibt es so viele schwule Singles?
Weil sie nicht nach draußen gehen und den persönlichen Kontakt suchen. Schwule sind generell intolerant. Es sind immer mehr Männer online, als tatsächlich auf eine Party gehen. Wenn du nicht attraktiv bist oder nicht diesen Aha-Effekt auslöst, dann wirst du sowieso gar nicht erst beachtet. Online werden oft Nacktbilder ausgetauscht. Dann heißt es: Je größer und dicker, desto besser. Wenn du einen großen Schwanz hast, kannst du es dir generell erlauben, ein bisschen hässlicher zu sein.

Also sind Schwule deiner Meinung nach intolerant?
Schwule sind untereinander die intolerantesten Menschen der Welt. Das werden dir witzigerweise 99 Prozent der Schwulen bestätigen. Die Schwulen an sich wollen in der Gesellschaft akzeptiert werden. Aber intern, in den einzelnen Grüppchen, muss immer alles sauber getrennt sein. Die Hipster sind unter sich, die Bären, die besonders auf Körperbehaarung stehen, sind unter sich und die, die auf Sadomaso stehen, sind unter sich. Und man lästert übereinander.

Steht jeder Schwule auf Analsex?
Ich würde sagen so gut wie alle. Es gibt da drei Gruppen: die Aktiven, die Passiven und die, die beides sind. Wer zu welcher Gruppe gehört, zeigt sich oft erst beim Sex. Ein Bekannter hat mir erzählt, dass er mal einen super Typen kennengelernt hat, aber als sie im Bett waren, haben sie gemerkt, dass beide nur passiv sind. Dosen nennen wir das. Zum Sex in dem Sinne kam es dann nicht. Dose auf Dose klappert nämlich. Da braucht es schon eine Dose und ein Schwert. Fast den gleichen Stellenwert wie Analsex hat aber auch Oralsex. Wenn man versucht, einen Hetero zu überreden, es mal mit einem Mann auszuprobieren, zieht tatsächlich der Spruch: „Die besten Bläser der Welt sind schwul.“

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