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Interview mit Gewerkschafter Richard Goller

„Das ist kein humanes Leben“

Turnusse von über zwölf Stunden und unbezahlte Pausen, teilweise fünf Stunden lang. Viele SAD-Bedienstete streiken, denn sie „haben die Eier voll“.

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Wo geht die Reise der SAD hin?

Bild: commons.wikimedia.org

Vor ein paar Tagen begann der Turnus von Klaus Prantl (Name von der Redaktion geändert) um 5:55 Uhr – und endete um 19:40 Uhr. Von 12:45 Uhr bis 16:20 Uhr hatte er Dienstpause oder, um es anders zu nennen: unbezahlte Freistunden. Der Busfahrer, der lieber anonym bleiben möchte, hatte das Glück, dass seine erste Schicht im Heimatort endete. So konnte er die Pause zu Hause verbringen. Bei vielen seiner Kollegen sieht das anders aus. Wie etwa bei den Busfahrern in Fondo. „Sie haben mir erzählt, dass sie manchmal fünf Stunden in Meran warten müssen, während ein Meraner Busfahrer Fondo hinauffährt und dort zwei Stunden warten muss“, berichtet der Busfahrer, der regelmäßig Turnusse von über zwölf Stunden fährt.

Kein Wunder, dass auch er bei den acht Busfahrer-Streiks der SAD des vergangenen halben Jahres mitgemacht hat. „Viele Busfahrer haben einfach die Eier voll“, sagt er. „Die Pausen sind einfach lästig, auch wenn man nur eine oder zwei Stunden warten muss. Wenn das aber regelmäßig vorkommt, weiß man irgendwann nicht mehr, wie man die Zeit totschlagen soll. Was soll man denn in abgelegeneren Ortschaften machen, wo oft noch nicht mal eine Bar geöffnet hat?“

Richard Goller, Fachsekretär der Gewerkschaft ASGB kennt die Probleme der Busfahrer und steht im Interview Rede und Antwort.

Richard Goller von der Gewerkschaft ASGB

Bild: Petra Schwienbacher

Herr Goller, in den letzten Monaten gab es viele Streiks. Was sind die Hauptprobleme?
Goller: Das Hauptproblem ist, dass derzeit keine humanes Leben der Angestellten im öffentlichen Nahverkehr und zurzeit hauptsächlich bei der SAD gewährleistet ist. Das kommt durch die langen Turnusse. Der Kollektivvertrag, das Gesetz vom Straßenkodex und vom Europäischen 561er (Anm. d. Red.: Verordnung (EG) Nr. 561/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 15. März 2006) sagen, dass bis zu 13 Stunden möglich sind. Bei Ausnahmen sogar bis zu 15 Stunden. Ausnahmen wären zum Beispiel Unfälle, dann muss der Busfahrer dableiben und darf nicht einfach den Bus stehen lassen. Es gibt aber ein Abkommen von 1988, das besagt: normalerweise bis zu zwölf Stunden.
Nun hört man in den Medien aber immer „sie müssen nicht oft länger als zwölf Stunden fahren“. Das stimmt auch. Aber die paar Mal, in denen es vorkommt, konzentriert es sich eben auf ein paar Dienstresidenzen und zwar hauptsächlich auf Eisacktal und Bozen. In Klausen kommt es zum Beispiel vor, dass ein Busfahrer so einen langen Turnus von bis zu 13 Stunden auch zweimal pro Woche fahren muss. Das Hauptproblem dieser langen Turnusse sind die unbezahlten Pausen – wenn man von dem Zwölf-Stunden-Turnus nur fünf Stunden bezahlt bekommt. Ein soziales Leben ist so nicht mehr möglich.

Wie sehen diese Turnusse aus?
Ein Beispiel: Dieser Turnus (Bild unten) fängt um 6:42 Uhr an und der Fahrer fährt mehr oder weniger bis 7:44 Uhr, danach hat er Dienstpause bis 11:56 Uhr in Neumarkt. Wenn er nicht unmittelbar daneben wohnt, was macht er in den vier Stunden? Danach fährt er mehr oder weniger durch bis um 13:59 Uhr. Bis um 16:43 Uhr hat er wieder frei. Dann fährt er wieder bis 18:34 Uhr durch. Insgesamt bringt er an dem Tag vier Stunden und 56 Minuten Arbeitszeit zusammen, ist aber elf Stunden und 52 Minuten unterwegs. Das ist kein humanes Leben. Wenn das einmal alle 14 Tage passiert ok, aber wenn das öfter passiert, dann…

So sieht ein aktueller Dienstplan eines Busfahrers der SAD aus. Er ist an dem Tag elf Stunden und 52 Minuten unterwegs, bekommt aber nur vier Stunden und 56 Minuten bezahlt.

Bild: Petra Schwienbacher

Wenn man so einen Turnus hat und dann am nächsten Tag einen Turnus, bei dem man fast ohne Pause durchfährt von 5:38 Uhr bis 11.29 Uhr, dann ist das anstrengend. Hier wäre zwar die Arbeitszeit voll bezahlt, aber da bräuchte es inzwischen mal eine Pause. Die Turnusse sind einfach nicht ausgewogen.

Ist ein Streik wirklich das geeignete Mittel, um die Forderungen durchzubekommen?
Eindeutig nein. Die Streikzeiten werden nicht wie in Deutschland bezahlt, sondern hierzulande verliert bei einem Streik jeder Arbeiter Geld. Zudem hat die Firma keine Einbußen. Leider Gottes sind die Streiks aber unser einziges Mittel, um die Bevölkerung und die Politik wachzurütteln.

Wurde vorher bereits etwas unternommen?
Ja. Es sind lange Prozeduren vorgesehen, bevor es zu einem Streik kommt. Wir müssen einen negativen Ausgang der Verhandlungen mit der Firma haben, dann muss das Regierungskommissariat zwischen Gewerkschaft und Firma vermitteln. Und erst wenn das auch negativ ausfällt, dürfen wir ein Schreiben an die Garantiekommission schicken, um einen Streik auszurufen. (Anm. d. Red.: Die neunköpfige „Garantie-Kommission“ unabhängiger Arbeitsrechtler prüft Streikbegehren und kann alle Beteiligten an einen Tisch zitieren. Scheitern die Gespräche, dürfen die Gewerkschaften nicht sofort zum Streik aufrufen, sondern erst nach einer Vorwarnzeit von nicht weniger als zehn Tagen.)

Nicht alle SAD-Bediensteten streiken. Warum nicht?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Obwohl sich an den letzten Streiks viele beteiligten, sagten sich einige: „In unserer Gemeinde geht es ja relativ gut, dann streiken wir nicht“. Solidarisch ist das aber nicht.
Außerdem trauen sich manche junge Angestellte nicht. Einige sind von einer Cooperativa angestellt und nicht von der SAD, die streiken logisch auch nicht. Dass die anderen zufrieden sind, entspricht aber nicht der Tatsache, das möchte ich unterstreichen. Sie wollen einfach nicht, dass sich ihre Situation verschlechtert. Die Angst davor hält sie vom Streiken ab.

Die Dienstleitung der SAD ist in privater Hand von Ingemar Gatterer, die Infrastrukturen wie Busse und Schienen gehören dem Land. Hätte das Land nicht einen besseren Vertrag mit dem Dienstleister abschließen müssen, damit dieser sein Personal besser behandelt?
Es werden Konzessionen vergeben. Sehr wohl könnte das Land aber nachträglich jemandem mit einer guten Begründung die Konzession entziehen. Das Beste wäre, wenn die SAD in der Hand von nur einer Gesellschaft wäre. Denn jede Firma hat Eigeninteressen, ist ja klar.

Welche Gegenvorschläge und Forderungen hat die Gewerkschaft?
Wir wollen eine Erneuerung des Abkommens von 1988. Wir haben viele Vorschläge hinterlegt, haben Turnusse in verschiedenen Residenzen selbst zusammengestellt. Die Vorschläge wurden aber nahezu alle abgelehnt, mit der Begründung, dass sie keinen Cent mehr kosten dürfen. In Ortschaften, in denen Busse in fünf bis zehn verschiedene Richtungen fahren und die Turnusse bereits aufs Maximum ausgereizt sind, bleibt aber kein Verhandlungsspielraum.

In der „ff” sagt der SAD-Berater Rudi Rimbl: „Wir werden nicht mehr Personal einstellen, um Veränderungen der Turnusse vorzunehmen, wenn die Zahl der gefahrenen Kilometer gleich bleibt". Was sagen Sie dazu?
Friss oder stirb. Dass das Personal unterbesetzt ist, ist eindeutig. Wir bekommen kaum eine gewerkschaftliche Freistellung und die Angestellten bekommen kaum Urlaub. Urlaubsguthaben von 30 Tagen und mehr sind keine Seltenheit.

Am 15. März fand zu den aktuellen Problemen ein dreistündiges Treffen mit Vertretern der Provinz, der Gewerkschaften und mit Ingemar Gatterer statt. Was ist dabei herausgekommen?
Resultat Null. Es haben aber alle Gewerkschaften klipp und klar gesagt, was derzeit nicht funktioniert, und das ist gut so. Wir haben vereinbart, dass wir uns am 30. März treffen, zusammen mit dem Arbeitsinspektorat. Das erste Thema sollen die Turnusse sein. Diese müssen von rechtlicher Seite überprüft werden. Wenn wir diese in Ordnung bringen, dann haben wir einen großen Schritt nach vorne gemacht. Bezüglich Ferien hat uns die Firma versprochen, die Statistiken und Tabellen zu den Urlaubsguthaben der Angestellten vorzulegen.

Was macht die Gewerkschaft, wenn sich weiterhin nichts an den Arbeitsbedingungen ändert?
Schwierig. Nachgeben steht sicher nicht auf dem Plan, aber was wir dann machen, wissen wir nicht. Wir setzen auf Übergangskompromisse bis zu den Ausschreibungen und danach sollten wir imstande sein, mit der Provinz Abkommen zu machen, die in die Ausschreibungen hineinkommen und für Nachfolgefirmen bindend sind. Wenn die Firma nicht einlenkt, tu ich mich schwer, Kompromisse zu finden. Wir sind unterbesetzt, die Dienste müssen gemacht werden. Wie finden wir dann Kompromisse?

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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