Anzeige

Salurner Maschggra

PerkeosMaschggra wurde gegründet, um rechtlich nur mit einem Bein im Gefängnis zu stehen. Unser Autor Matthias ist Vereinsmitglied.

perkeo-artikelbild.jpg

Bild: PerkeosMaschggra

Wenn es stimmt, dass man provozieren muss, um Aufmerksamkeit zu bekommen, war der erste öffentliche Auftritt des Perkeo-Vereins ein voller Erfolg. Ein Plakat schien den Machern des Vereins zu schnöde, um die Rückkehr des wohl berühmtesten Salurners in sein Heimatdorf zu verkünden. Also gestalteten sie die Einladung zur ersten öffentlichen Versammlung wie eine Todesanzeige, die sie nachts im Dorf plakatierten. Das gefiel nicht allen, aber man war im Gespräch. Und Thema ist die Maschggra auch heute noch.

Einem trinkfesten Zwerg zu Ehren

Angefangen hat alles beim Egetmann in Tramin. Einige Salurner schauten sich den Faschingsumzug an, feierten, und irgendwann am Abend fragten sie sich, wieso sie dasselbe nicht auch in Salurn erleben können. Den Worten folgten Taten. Sie trafen sich wieder und entwickelten aus dem Nichts einen ehrgeizigen Plan: In Salurn soll es, nach Jahren ohne Fasching, wieder einen Umzug geben. Wie genau, das wussten jene gut zehn Personen damals noch nicht. Klar war nur eines: Hauptfigur des Umzugs sollte Perkeo werden.

Den Zwerg Perkeo hat es wirklich gegeben, wenn auch nicht alles wahr sein wird, was man ihm andichtet. 1702 in Salurn geboren, kam er als Hofnarr an den Heidelberger Hof, stieg dort zum Mundschenk auf und wurde Wächter des großen Fasses des Heidelberger Schlosses. Wer könnte besser den Salurner Fasching verkörpern als ein trinkfester Zwerg aus dem Dorf? Noch dazu ein berühmter? Und es sollte ein Umzug nach dem Vorbild des Egetmann werden. Eine in sich geschlossene Geschichte, mit dem Ort verwurzelt, ohne Plastik und Hollywood. Ein Egetmann auf Salurnerisch.

Maschggra gegen die Langeweile

Was die Perkeo-Jünger außer der Aussicht auf einen eigenen Umzug antrieb, war, es den Miesmachern zu zeigen. All jenen, die ihre Energie darauf verwenden, aufzuzählen, was es in Salurn alles nicht gibt, und wie furchtbar das Leben im Allgemeinen und jenes an der Salurner Klause im Besonderen sei, anstatt am Dorfleben etwas zu verändern. Den einen ist der Umzug zu wild und schmutzig und nichts für Kinder, den anderen ist die ganze Maschggra „zu deutsch“ (was auch immer das bedeuten mag). Wenn der Verein aber jedes zweite Jahr auslässt, und es keinen Umzug gibt, ist das dann auch wieder nicht recht.

Der Verein PerkeosMaschggra wurde gegründet, um rechtlich nur mit einem Bein im Gefängnis zu stehen, anstatt mit beiden. Ansonsten braucht es ihn nicht. Das Sagen hat, wer etwas tut. So haben sich mit der Zeit mehrere Ebenen herausgebildet: Die vier, fünf, sechs Vereinsmitglieder des inneren Kreises, die den Laden unterm Jahr am Laufen halten, die planen, die Kontakte mit den lokalen Verwaltern, der Staatsmacht und den Medien pflegen und sich um die Zettelwirtschaft und das Bankkonto kümmern. Dann der größere Kreis, der Verein im weitesten Sinne, ein Dutzend Männ- und Weiblein, die spätestens zu Maschggra-Beginn (nach Dreikönig) bereit stehen.

Das wäre aber alles wertlos ohne die Verankerung im Dorf. Der Umzug funktioniert, weil sich die Mocher um Organisation und Konzept kümmern, beim Umzug selbst aber viel mehr Menschen dabei sind. Freundesgruppen und Vereine, die einen Wagen übernehmen, autonom, solange sie sich an wenige Regeln halten: Die Wagen und Figuren müssen zu Perkeos Geschichte passen, und auf Plastik und allzu Modernes soll verzichtet werden. So entstanden die Köhler, die Cembrane, die Fischer und die Schwarzbrenner. Und viele andere Gruppen.

Ein Verein ohne Schubladen

Die Stärke des Vereins ist die Verschiedenheit seiner Mitglieder. Alle Schützen sind Patrioten, im Fußballverein spielen alle Fußball, alle in der Musikkapelle sind Musikanten. Beim Perkeo sind die Mitglieder bunt gemischt. Vom Bauern bis zum Architekten, von der Lehrerin bis zum Unternehmer. Mann und Frau, die jüngsten Anfang zwanzig, die Ältesten über fünfzig, Deutsche und Italiener, Rechte und Linke, aus Salurn und der Umgebung, Familienväter und Mütter. So kommen neben den unterschiedlichsten Ansichten über das Leben, das Universum und den ganzen Rest auch viele Fähigkeiten zusammen: Einer kann fotografieren (richtig fotografieren anstatt bloß den Auslöser einer teuren Kamera zu drücken), einer schneidet Filme, einer ist Grafiker, einer kann reden und einer schreiben. Einer kann eine Motorsäge benützen, ein anderer einen alten Traktor wieder zum Laufen bringen, der dritte (oder die dritte) eine Webseite programmieren. Einer stellt eine Fabrikhalle in seinem Besitz für den Wagenbau zur Verfügung, im Haus einer anderen finden Kostümfundus und Vereinslokal Platz.

Bei PerkeosMaschggra geht es nicht um einen Verein. Es geht um eine Gruppe junger und junggebliebener Menschen, die sich ein Ziel gesetzt haben, und von denen jeder seine Fähigkeiten einbringt und damit Unvorstellbares geschafft hat. Damals, 2009, träumte man von einem Umzug mit drei oder vier Wagen. Fünf vielleicht. Geworden sind es zwanzig, schon im ersten Jahr. Das beweist, dass die Lust auf Fasching immer da war, dass es aber ein paar Verrückte brauchte, die vorausgehen und die anderen mitziehen. Der große Erfolg von PerkeosMaschggra ist, dass man den Menschen nichts vorschreibt, sondern sie da abholt, wo sie sind, dass man mit jedem in „seiner“ Sprache spricht. Und dass man etwas, das Spaß machen soll, auch sehr ernsthaft angeht. Aus der bunten Truppe sind inzwischen Freunde geworden. Die einen mögen sich mehr, die anderen weniger, es darf auch mal gestritten werden, solange es um die Sache geht. Jeder der mithelfen will ist willkommen, nötig sind nur genügend Wahnsinn und Selbstironie.

Maschggra selbst kann man nicht erklären, Maschggra muss man erleben. Es genügt nicht, sich einen Umzug als Zuschauer anzusehen, man muss mittendrin sein. Das beginnt bei den Vorbereitungen, beim Bau der Wagen und bei der Wahl der Kostüme. Beim Zusammensitzen am Abend nach getaner Arbeit oder wenn man in kleiner Runde „Maschggra geat“. Am 1. März ist es wieder soweit.

Perkeos Maschggra

Zwei Jahre haben die Salurner auf diesen Moment gewartet: Morgen feiern sie endlich wieder Perkeos Maschggra Umzug. Jetzt wird's wild!

Matthias Mayr

überzeugter Heimkehrer, solange man ihm seinen Reisepass nicht abnimmt. Salurner, Maschggramensch, mag es barfuß, warm und sonnig.
Anzeige

Unsere Vereine

Mehr als 3.000 ehrenamtliche Vereine und Verbände gibt es laut Landesinstitut für Statistik in Südtirol. Von Musikkapellen über Feuerwehren bis hin zu Sportvereinen ist alles dabei. Darunter sind aber auch weniger bekannte und oft ausgefallene Vereine. BARFUSS stellt einige davon vor. 

Mehr Artikel
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Schizophrenie

Kleine Schritte gegen die Psychose

Obwohl bis zu einem Prozent der Bevölkerung betroffen ist, bleibt Schizophrenie ein Tabu-Thema. Albin Kapeller ist ein Patient und spricht offen über die Krankheit.
0    

FV1000

Am Tag der Offenen Jugendarbeit (OJA) gaben junge Künstler*innen ein Livestreaming-Konzert. Mit dabei die Meraner Rapper von FV1000, die mit ihren Videos und Texten immer wieder für Schlagzeilen sorgen.
 | 
100 Jahre Migrationsgeschichte

Nicht nur Opfer

Südtirols Zeitgeschichte wurde oft als Konfliktgeschichte im Kampf um Autonomie interpretiert. Doch dieser weit verbreitete Forschungsansatz greift zu kurz.
0    
 | 
The Others

Vergifteter Wald

Mit Pestiziden wird der Amazonas vergiftet, die Indigenen werden in der Pandemie allein gelassen. Plant Präsident Bolsonaro eine „ethnische“ Säuberung?
0    
 | 
Medienpartner Kulturzentrum Toblach

Musik im Park

Endlich wieder live. Wie fühlt sich das nochmal an? Unsere Autorin hat sich beim Festival „Musik im Park“ in Toblach unter das Feiervolk gemischt.
0    
Anzeige
Anzeige