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Wurzeln schlagen

Ein Italo-Wiener zieht nach Bozen und wird heimisch. Über eine Liebe, zu der man sich als Städter nur ungern voll bekennt.

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Bild: Flickr, Sandy Kemsley
 
An einem Novemberabend vor 18 Jahren stieg ich zum ersten Mal am Bahnhof Bozen aus. Zuvor war ich auf dem Weg zur Nonna nach Pistoia immer nur durchgerattert. Ich kannte zwar die bewegte Geschichte dieses Landes, als ich aber Richtung Waltherplatz ging, fühlte ich mich doch irgendwie in Italien. Es mag an den orangenen SIP-Telefonkabinen gelegen sein, an der in einem Alfa Romeo vorbeirollende Carabinieri-Streife oder schlicht am milden Wetter. In Klosterneuburg war an jenem Tag der Leopoldimarkt und somit die Glühweinsaison, das heißt die kalte Jahreszeit, eröffnet worden. Das mögen auch die Gründe dafür gewesen sein, warum ich einen Stadtpolizisten auf Italienisch nach dem Weg zu meinem Hotel fragte. Er antwortete mir umgehend auf Deutsch, oder besser auf Südtirolerisch. „Du wirst sehen. Du entwickelst einen Instinkt, um die Sprache deines Gegenübers zu erraten“, meinte am nächsten Tag Toni, mein künftiger Chef, als ich ihn auf die Begebenheit ansprach. Und so sollte es dann auch sein.
 
Italo-Wiener in Bozen
 

Mir ist diese Begebenheit in den Sinn gekommen, als ich Lenz Koppelstätters Essay „Ach, Südtirol“ las. Ein Südtiroler der auswandert, und ein Italo-Wiener der nach Bozen zieht. Vermutlich sind wir gar am Brenner aneinander vorbeigerauscht. Uns verbindet wohl vieles, vor allem die Liebe zu diesem Land und seinen Leuten. Eine Liebe, zu der man sich als Städter nur ungern voll bekennt, aber sie ist da. Meine erste Zeit hier war gewiss nicht einfach. Für die Bozner war es normal, dass man wegzog, viel weniger hingegen, dass man herzog und sich in ihre Gemeinschaft integrieren wollte. Als ich mit meinem Vater im darauffolgenden Frühjahr eine Wanderung am Ritten unternahm - saftig grüne Löwenzahnwiesen und strahlend weiße Bergspitzen, wie in unseren Hochglanz-Tourismuskatalogen -, meinte er beiläufig: „Du wirst doch wohl nicht von hier wegwollen. Das kann dir keine Großstadt bieten.“ Ich antwortete nicht, um ihm nicht Recht geben zu müssen, aber ich blieb. So schlug ich Wurzeln, die immer tiefer werden, vor allem seitdem ich eine eigene Familie habe. „Wo können Kinder besser aufwachsen als in Südtirol“, ist eine Standardfrage, die ich meinen Gesprächspartnern entgegenwerfe, wenn sie mich fragen, ob ich nicht Sehnsucht nach Wien habe.
In die Bundeshauptstadt komme ich nur noch selten. Bruder und Schwägerin kommen sowieso liebend gerne zu uns. Wenn mir dann ein Südtirolerisches „lei“ oder ein verwalschtes „zwei Schritte machen” über die Lippen rutscht, dann lacht mein Bruder Gianluca sich kaputt, wie Koppelstätters Südtiroler Freunde über sein „Nö“, und meint lapidar: „Du bist kein Wiener mehr“. Dann kommt mir eine Begebenheit in den Sinn, die sich kurz nach meiner Ankunft zugetragen hat. Nach einer meiner ersten Pressekonferenzen in Bozen fragte mich ein Kollege beim Hinausgehen: „Du bist aber kein Südtiroler?“ „Nein, Wiener“, antwortete ich stolz. Daraufhin legte er mir die Hand auf die Schulter und meinte väterlich: „Das macht nichts“. That‘s Südtirol and I love you!

Stefan Wallisch

ist seit 1995 Redakteur der Nachrichtenagentur ANSA in Bozen.
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Ich kann mich noch gut an einen grauen, winterlich-verregneten Spaziergang am Mendelpass erinnern. Damals warst du gar nicht sicher, ob das Experiment Bozen gutgehen würde. Wie man sieht, waren die Sorgen damals unbegründet. A presto, fratello!

Oh Stefan, der Bozner Tourismusverband sollte Dir eine Ehrenmedaille verleihen für die enthusiastischen Worte!Du bist ja plus royaliste que le roi! Liebe Grüße aus Paris.

@Christian: ...und ich hab nicht einmal von der "Sonnenseite der Alpen" und den "300 Sonnentagen im Jahr" geschrieben, die wir heuer eh nicht mehr schaffen!

ich kann das alles so nachvollziehen.
ein "landsmann"

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