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Wir kriegen ein Baby

Zwei rote Striche stellen die Welt unserer Kolumnistin auf den Kopf: Sie ist schwanger. Und jetzt?

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Bild: Unsplash, Andrew Itaga

Es zieht in meinem Unterbauch. Ein bisschen so, als würde ich meine Tage kriegen. Aber irgendetwas fühlt sich dieses Mal anders an. Meine Brüste sind in etwa so groß wie die von Dolly Buster und die Riechzellen in meiner Nase bestimmt auch. Jede noch so kleine Duftnote, die in der Luft liegt, scheint dort ins Unendliche zu expandieren. Und dann fährt in meinem Magen auch noch ab und an jemand Achterbahn.

Eine Woche später sitze ich auf dem Klo und ziehe das schmale, weiße Plastikröhrchen aus seiner Verpackung. Als ich das letzte Mal einen Schwangerschaftstest in der Hand hatte, standen mir die Schweißperlen auf der Stirn. An Kinder war damals nicht zu denken. Auch wenn es jetzt mindestens genauso viele Gründe gäbe, „nein“ zu einem Kind zu sagen, fühlt es sich richtig an, als ich den hellgelben Strahl auf die Spitze des Plastikröhrchens ziele. Und ganz tief in mir drinnen kenne ich auch schon das Ergebnis: Zwei rote Striche. Ich bin schwanger.

Obwohl ich den Beipackzettel schon vorher auswendig kannte und ihn jetzt zur Sicherheit auch noch drei Mal durchstudiert habe, gehe ich auf Nummer sicher und vergleiche die einwandfreien Linien noch ein viertes Mal mit denen auf dem Papier. Das Ergebnis bleibt eindeutig.

Zehn Monate. Vierzig Wochen. Der Countdown läuft.

Es dauert keine Minute und in meinem Kopf spielt sich mein ganzer Lebenslauf mit Kind im Schnelldurchlauf ab: Freude, Angst, Aufregung, Ruhe, Spannung, Neugier, Stress. Irgendwie zischen alle Emotionen gleichzeitig durch meinen Körper. Und dann spreche ich es zum ersten Mal laut aus: „Wir kriegen ein Baby!“ „Wir kriegen ein Baby“, wiederholt mein Freund Jakob, reist seine Augen weit auf und umarmt mich.

Was sich so leicht sagt, ist in Wirklichkeit ein lebensverändernder Einschnitt. Die Verantwortung, die ich bisher allein für mich selbst tragen musste, muss ich von nun an auf zwei aufteilen. Dabei hat sie doch so oft schon kaum für mich gereicht. Wie soll das gehen? Erstmal tief durchatmen und Freude walten lassen. Schließlich bin ich nicht der erste Mensch auf dieser Erde, der schwanger ist. Trotzdem habe ich jetzt das Gefühl, die Zeit zu zweit in vollkommener Unabhängigkeit – zumindest rede ich mir meinen jetzigen Lebensstatus so schön – noch einmal mehr zu genießen. Zehn Monate. Vierzig Wochen. Der Countdown läuft.

Ich lege meine Hand auf den noch flachen Bauch und weiß genau, dass ich das kleine Zellknäuel in mir noch nicht spüren kann. Trotzdem muss ich es begrüßen: „Hallo Baby.“ Mein Herz pocht ganz aufgeregt und das Internet verrät mir kurz später, dass das meines Babies nun doppelt so schnell wie meines in mir schlägt. Recht viel mehr vom Embryo ist in der sechsten Schwangerschaftswoche jedoch noch nicht ausgebildet. Viel eher sieht mein Baby aus wie eine Kaulquappe, ohne Hände und Füße und Knochen. Ein Herz mit Haut.

Nie mehr allein

Zu realisieren, dass so ein Herzmensch in meinem Bauch wächst, ist irgendwie gruselig. Vor allem, weil ich rein gar nichts dafür tun muss. Keine Arbeit, kein Geld, keine Zeit. Ist das jetzt etwa die Rückzahlung des Lebens für all die Arbeit, das Geld oder die Zeit, die ich schon umsonst investiert habe oder doch eher ein Akkonto für all die Arbeit, das Geld und die Zeit, die ich nachher in den Nachwuchs stecken und nicht mehr für mich haben werde?

Eigentlich egal, in meiner Idealvorstellung fügt sich das Baby perfekt in mein jetziges Leben ein. Alles, was ich dafür brauche, sind ein Tragetuch, Gelassenheit und Flexibilität. Worte, die meine Mama auf Video festhält, um sie mir in spätestens einem Jahr unter die Nase zu reiben. Ich lasse mich davon nicht aus der Ruhe bringen und ziehe mich zur Feier des Tages eines der letzten, gezählten Male ganz allein zum Meditieren zurück. Doch dann öffnet sich die Tür um einen kleinen Spalt und meine Mutter steckt ihren Kopf herein: „Denk dran Lisa, du bist jetzt nie mehr allein!“ Unsere Blicke fallen auf meinen Bauch, ein Schauer überzieht meinen Körper. Ich muss grinsen.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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