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Kommentar zur Klimakrise

Wir, die Generation Schneeflocke

Am Freitag ruft die Fridays for Future Bewegung erneut zum globalen Klimastreik auf. Umweltaktivistin Ariane Benedikter über eine Generation, die sich wehrt.

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Bild: Mika Baumeister, Unsplash

Seit sie neun Jahre als ist setzt sich Ariane Benedikter aktiv für den Klimaschutz ein. Die 18-Jährige ist Mitglied der Jugendinitative „Plant for the Planet“, 2013 war sie deren Vizepräsidentin. Sie selbst pflanzte bereits 200 Bäume. Für ihr Engagement wurde sie im März diesen Jahres von Staatspräsident Mattarella als „Alfiere della Repubblica“ (Vorkämpferin unserer Republik) ausgezeichnet.

Es ist der 16. August 2019, der Freitag des Ferragosto-Wochenendes. Ein Tag mitten in den Sommerferien, am beliebtesten Urlaubswochenende des Jahres. Trotzdem finden sich mehr als zwei Dutzend Leute auf dem Musterplatz in Bozen ein, um an einem Sit-In-Event der Fridays-For-Future-Bewegung Südtirol teilzunehmen. Einige sind erwachsen, die meisten jedoch Jugendliche der sogenannten „Schneeflockengeneration“ – eine Generation, die angeblich zu zartbesaitet ist, um sich mit den großen Weltthemen auseinanderzusetzen und stattdessen lieber am Handy spielt.

Von wegen! Trotz der Hitze ist das Interesse riesig, da die Umweltfrage gerade uns Jugendliche beunruhigt. Die Stimmung ist aufgeladen und entspannt zugleich. Mit großem Tatendrang wird der erste globale Klimastreik des neuen Schuljahres am 27. September angekündigt. Plakate und der Leitspruch „The climate crisis doesn’t go on holiday – and neither do we!“ unterstreichen die Wichtigkeit, die der Klimaschutz für junge Südtirolerinnen und Südtiroler heute einnimmt. Aber ist das denn überhaupt etwas Neues?

Viele Jugendliche nahmen am Event auf dem Musterplatz teil

Bild: Fridays-For-Future-South-Tyrol
                      

Die Sorge der Zeit

Dass junge Menschen ihre Anliegen kundtun, ist historisch nichts Neues. Die heutige Jugend steht aber wie kaum eine andere zuvor vor einer generationenübergreifenden Herausforderung. Medien weltweit berichten von Dürren, Überschwemmungen, Waldbränden, verschmutztem Wasser oder von extremen Temperaturen, die alle bisherigen Wetteraufzeichnungen übertreffen. Da waren die Unwetter in Bozen Anfang August. Menschen in der Pariser Innenstadt, die in spontanen Jubel ausbrechen, als endlich der langersehnte, abkühlende Regen fällt. Der Nordpol, der seit den Achtzigern um mehr als die Hälfte geschrumpft ist. Kunstschnee, der uns im Winter vorgaukelt, Gletscher würden nicht schmelzen. Der Tourismus, der stets angekurbelt wird, obwohl er Teil einer Wirtschaft ist, die längst den Kontakt zur Realität unseres begrenzten Planeten verloren hat. Wen könnte es da wundern, wenn die Jugend vor lauter Problemen zart wie eine „Schneeflocke“ würde und sich in künstliche Welten flüchtete?

Unsicher blicken wir Jugendlichen auf die kommenden Jahre. Ein Gemisch aus Hilflosigkeit, Wut und Zeitdruck begleitet uns. Die Sorge stellt für unsere Generation einen zentralen Begriff dar. Sie ist überall. Mit gutem Grund. Der Mensch hat seit der Industrialisierung maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die Erde erwärmt. Obgleich jede und jeder von uns Verantwortung trägt, haben manche größeren Einfluss als andere. Würde man auf der Weltkarte jene Länder vergrößert darstellen, die am meisten Kohlendioxid ausstoßen, so wären die USA, Europa und China am größten. Afrika hingegen wäre kaum sichtbar.

Ein Europäer produziert etwa acht Tonnen CO2 pro Jahr. Ein Amerikaner achtzehn, ein Chinese acht – mit bisher steigender Tendenz. Ein Afrikaner produziert pro Jahr nur eine Tonne. Wäre die Weltkarte jedoch nach Bevölkerung geordnet, wären China, Indien und teils auch Afrika am größten, während Nordamerika und Europa kaum Einfluss besäßen. Würden hingegen die Gebiete hervorgehoben, in denen der Großteil der Bevölkerung weniger als einen Dollar am Tag zum Leben verfügt, wäre Europa verschwindend klein. Afrika, Indien oder Teile Ozeaniens wären wiederum sehr groß.

Diese Ungleichgewichte – und die auf allen Seiten zu hohen Emissionen – lassen einen Ausweg schwierig erscheinen. Denn wenn sich die Erde um mehr als zwei Grad Celsius erwärmt, wird das Eis Grönlands schmelzen. Dieses Eis ist Eis auf Festland. Es bildet den sogenannten Permafrostboden. Schmilzt dieser Permafrostboden, wird Methan – ein weiteres Treibhausgas – frei. Dieses hat einen einundzwanzig bis fünfundzwanzig Mal stärkeren Einfluss auf den Treibhauseffekt als CO2. Folglich würde der Meeresspiegel drastisch ansteigen, weite Gebiete der Erde wie Venedig oder Teile New Yorks würde es nicht länger geben.

Die Hoffnung der Zeit

Das Event auf dem Bozner Musterplatz ist immer noch im Gang. Die Jugendlichen folgen dem Diskurs der Fridays-For-Future-Mitglieder. Dann bin ich an der Reihe. Ich gehe nach vorne und blicke in die offenen Gesichter meiner Altersgenossen. Ich erzähle von meinem Engagement bei der Jugendumweltschutzinitiative „Plant-for-the-Planet“, die auf die Klimaerwärmung aufmerksam machen will und Bäume pflanzt, um den CO2-Ausstoß zu minimieren. Wir sprechen darüber, inwieweit sich jeder engagieren kann. Außer Streiken gibt es nämlich viele weitere konkrete Aktionen – inner- oder außerhalb einer bereits bestehenden Initiative, im Kleinen oder im Großen. Die Anwesenden eint der Enthusiasmus, sich aktiv einzusetzen und die Freude, einen Beitrag leisten zu können. Ich spüre, wie durch den Austausch auch die Hoffnung wächst. Junge Umweltschützerinnen und Umweltschützer sind heute nicht mehr Einzelkämpfer. Sie haben den breiten Konsens der jungen und älteren Generationen.

Ariane Benedikter erzählt vom Engagement bei „Planet-for-the-Planet“

Bild: FridaysForFututre South Tyrol

Mein Fazit? Es wichtig, im Alltag kleine Gesten zu setzen. Regional und saisonal einzukaufen, Bio- oder Fair-Trade-Produkte zu erwerben. Den Verzehr von Fleisch und Fisch vermindern. Flugreisen möglichst vermeiden. Sich mit Fahrrad, zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln fortbewegen. Plastiktaschen durch wiederverwendbare Stoffbeutel ersetzen. Den eigenen Strom- und Wasserverbrauch kontrollieren. Müll (richtig!) trennen. Elektronische Geräte nutzen, bis sie sich nicht mehr reparieren lassen. Kleidung, die nicht mehr gefällt, weiterverkaufen oder verschenken.

Oder einen Baum zu pflanzen. Pflanzen wir eine Billion Bäume, so könnte ein Viertel der menschengemachten Emissionen aus der Atmosphäre gezogen und gespeichert werden. Eine Billion ist theoretisch die Anzahl an Bäumen, die auf der Erde noch Platz fänden, wie das Crowther-Lab der ETH Zürich durch eine weltweite Baumzählung herausgefunden hat. Die Forstwirtschaft ist deshalb – paradoxerweise – eine Industrie der Zukunft. Wird Holz nämlich nicht verbrannt, sondern zum Beispiel zu Möbeln verarbeitet, bleibt das CO2 darin gespeichert. Durch das Wiederaufforsten kann noch mehr davon absorbiert werden.

Wenn jede und jeder von uns 150 Bäume in seinem Leben pflanzt, würde diese zunächst unerreichbare Zahl an Bäumen Realität. Der Ausstoß von Kohlendioxid muss trotzdem stark vermindert werden, wenn wir das Klima retten wollen. Jeder Mensch soll nämlich nur mehr 1,5 Tonnen pro Jahr davon ausstoßen, egal welcher Herkunft. Das ist die Klimagerechtigkeit, die die so unterschiedlichen Emissionen regulieren soll.

Um dieses so große und umfassende Ziel zu erreichen, ist jede Art von Engagement essentiell. Es ist der Einsatz eines jeden von uns, der zählt. Vor allem wir Jugendliche sollten zukunftsorientiert zusammenarbeiten und uns von kleineren oder größeren Hindernissen nicht irritieren lassen. Der Gedanke an unsere Zukunft ist geprägt von der Sorge, ob wir der Klimakatastrophe entgehen können und der Hoffnung, dass es Wege gibt, ebendies zu tun.

Wenn wir von der „Schneeflockengeneration“ zu einer Generation werden, die Sorge und Hoffnung vereint und sich aktiv einsetzt, dann wird aus vielen kleinen Schneeflocken ein großer unaufhaltbarer Schneeball, der die Welt verändert.

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