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Wiener Untergrund

In der Wiener Kanalisation auf den Spuren des „Dritten Mannes".

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Bild: Flickr/Dierk Schäfer

Das hatte ich mir trotzdem anders vorgestellt. Ich starre auf die braune Brühe, die zäh unter unseren Füßen vorbeizieht. Kindheitserinnerungen werden wach. An einen Grundschulausflug in die Kläranlage, wo im letzten Becken munter die Goldfische schwammen. An unseren Bürgermeister, der zu Demonstrationszwecken vor großen Augen ein Glas geklärtes Wasser trank. Igitt, das ist das Wasser wo die Goldfische drin schwimmen, hab ich mir damals nur gedacht.

Instinktiv verziehe ich das Gesicht. Starre hinunter auf den Darminhalt einer Millionenstadt. Über uns knallt die Sonne auf den dampfenden Asphalt und ich fröstle. Ein beißender Geruch umspielt unsere empfindlichen Nasen, seit wir die Treppen hinabgestiegen sind ins Wiener Kanalnetz. Dicht auf den Fersen von Orson Welles aka Harry Lime und damit auf den Spuren des Kultfilms  „Der dritte Mann".

Das ist Sightseeing einmal anders: Wien bietet eine Kanaltour an, mit Infos zum legendären Film und zum Kanalnetz. Auf beides ist man stolz. Auf den großen Filmerfolg und aufs ausgeklügelte Kanalsystem, das den unangenehmen Abfall der Haushalte durch den Untergrund bugsiert, Endstation Simmeringer Hauptkläranlage. Ob da Wiens Bürgermeister Häupl steht und seinen Wein mit Klärwasser runterspült? Zu Demonstrationszwecken vor Schulklassen?

Wir atmen durch, als der Guide erklärt, dass die braune Brühe zu 90 bis 95 Prozent aus Wasser besteht, die Besonderheit der Wiener Kanäle. Der Wienfluss wurde einst auf den Kanal umgeleitet und neutralisiert so auch den Geruch. Ein zweites Aufatmen: Die Nässe an Wänden und Boden, das ist Kondenswasser. Durch die Abzüge in den einzelnen Häusern wird außerdem ständig Frischluft zugeführt. Sofort fühle ich mich wohler, fast schon gemütlich wirkt es hier unten.

Verschlungene Wege führen zur Mündung zweier Kanäle. Der rechte führt den Schmutz meines Heimatbezirkes durch den Untergrund. Hier unten schlägt das heimliche Herz der Stadt, hierin entleert sich der Darm der Wiener, bietet sich dem unerschrockenem Auge ein Blick auf das intime Leben seiner Mitmenschen: Zwei gebrauchte Kondome, ungeschminkte Einblicke in die Freizeitaktivitäten der Ottakringer.

Die fleißigen Wiener Kanalarbeiter kennen alle unsere Geheimnisse. Sie pumpen das, was wir so durch die Rohre jagen, einmal von Wien nach Kairo. Ja, das ist richtig. So lang ist in etwa das städtische Kanalnetz, das einmal in zwei Jahren abgegangen und durchgeschrubbt wird. Einen Meter hoch ist die kleinste Rohrgröße. Gebückt kämpfen sie sich da durch, die eigentlichen Helden der Stadt. Nutzen den nächsten Kanaldeckel für etwas Frischluft und einen kurzen Blick auf die saubere Seite der Stadt. Und wenn sie Glück haben, ist es ein guter Tag – ohne die gefürchtete Begegnung mit einem Nylonstrumpf. Denn nicht Ratten, Strümpfe sind die eigentlichen Feinde da unten, erklärt unser Guide. Widerstandsfähig und monströs füllen sie sich mit allem, was sich da herumtreibt. Wenn dann die spitze Schaufel eines Arbeiters darauf trifft, ja, dann explodiert die Bombe und er hat die ...

Zurück auf der sonnigen Seite der Stadt atme ich einmal tief durch. Und dann gleich nochmal. Nie mehr werde ich gedankenlos eine Spülung betätigen. Immer werde ich an sie erinnert werden, an die Helden des Untergrunds.

Irina Ladurner

lebt in Wien. Ausgezogen, um die Welt kennen zu lernen. In Wien die (Südtiroler) Heimat gefunden. Mag den Südtiroler Exotenbonus, das Wiener Dorf und die Rückkehr in die eine oder andere Heimat.
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