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Gastkommentar zur Südtiroler Identität

Wie kommen wir weiter?

In der Rolle der Identitätssuchenden scheinen sich Südtiroler gut eingerichtet zu haben. Was aber steht am Ende der Reise, fragt sich unsere Gastautorin.

Der neuerschiene Film „Auf der Suche nach Identität: Südtirol 1919-2019“ macht sich anlässlich des 100. Jahrestags von St. Germain, 80 Jahre Südtiroler Option und zum Paketabschluss vor 50 Jahren auf die Suche nach der Südtiroler Identität der Gegenwart.

Wer sind wir? Uns Südtiroler*innen ist bewusst, dass uns diese Frage beschäftigt. Seit langem. Wir spüren es. Sie lässt uns nicht los, scheint uns regelrecht in ihrem Bann zu halten. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn wir immer noch nach Antworten suchen.

Die Antworten, die wir gefunden haben, erzählen wir uns in Geschichten. Im Lauf der letzten 100 Jahre sind es viele geworden. Viele und viele verschiedene. Der Film zeigt sie in ihrer Vielfalt auf und stellt sie nebeneinander. Damit gelingt ihm eine schöne Momentaufnahme davon, wo wir Südtiroler*innen auf unserer Identitätssuche gegenwärtig sind.

Wo sind wir? Wir sind immer noch auf der Suche. Dabei scheint es uns ganz gut zu gehen. Wir scheinen uns im Suchen eingerichtet zu haben. Dieser Eindruck steht am Ende des Films im Raum. „Ich hätte am liebsten einen europäischen Pass in meiner Tasche, mit Südtirol als Europaregion. Aber es passt im Moment auch ganz gut.“ Das ist der letzte Satz des Films. Es geht uns gut. Da sind wir.

Obwohl die Geschichten, die der Film auf die Leinwand bringt, teilweise sehr verschiedene Zugänge haben, vermag keine von ihnen zu überraschen. Sie sind uns alle vertraut. Wir kennen die Geschichten vom innigen Wunsch der Rückkehr. Wir kennen die Geschichten der Unterdrückung. Wir kennen die Geschichten des erlangten Wohlstands. Wir kennen all die Geschichten, die davon erzählen, dass wir etwas Besonderes sind, eine gute Mischung. Der Film zeigt uns, was wir Südtiroler*innen schon wussten: Wir kennen alle diese Geschichten und trotzdem haben wir die Antwort auf die Frage nach unserer Identität noch immer nicht gefunden.

Wie wir aber weiterkommen sollen, das zeigt der Film uns nicht. Aus gutem Grund: wir wissen es nicht.

Was lässt sich dann von diesem Film als Südtiroler*in lernen? Er zeigt uns, wo wir sind und was wir schon wussten. Er zeigt uns auch sehr deutlich, dass wir den Wunsch haben, in unserer Suche weiterzukommen. „Wir alle haben noch Grenzen im Kopf und die müssen wir fallen lassen.“ Wie wir aber weiterkommen sollen, das zeigt er uns nicht. Aus gutem Grund: wir wissen es nicht.

Wenn wir uns selbst und unsere Geschichten ernst nehmen wollen, dann sollten wir versuchen, aus ihnen zu lernen. Die Sammlung, die der Film leistet, ist ein guter Ausgangspunkt dafür. Denn hier können wir uns ganz konkret fragen, was fehlt. Was sehen und hören wir nicht in all diesen Geschichten? Warum ist das so? Und vielleicht liegen hier die Antworten, die wir brauchen, um weiterzukommen.

Der Film ist eine Momentaufnahme davon, was wir gegenwärtig in Südtirol haben. Er kann nichts leisten, was wir nicht haben: geteilte, gemeinsame, sprachgruppenübergreifende, herkunftsübergreifende Geschichten davon, wer wir sind und wie wir wurden, was wir sind.

Vielleicht wird es wieder lange dauern. Aber den nächsten Schritt, den tun wir immer nur jetzt.

 

Anna Gius, Philosophin und Politikwissenschaftlerin, lebt und arbeitet in Südtirol und Wien. Das Thema der Südtiroler Identitätssuche beobachtet sie seit Langem in ihrem Umfeld und in sich selbst. Sie ist im Brunecker Kulturverein Diverkstatt aktiv und kuratierte 2018 die Stadtführung „Bruneck/Brunico. Geschichte und Gegenwart der Zweisprachigkeit“.

Am Donnerstag, 5.9.2019 diskutiert sie mit Landesrat Philipp Achammer und der Grünen Landtagsabgeordneteten Brigitte Foppa nach der Vorführung des Films “Südtirol auf der Suche nach Identität”. Termin: Kolpinghaus Bruneck um 20.30 Uhr

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