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He says, she says

Wer macht den ersten Schritt?

Die Gleichberechtigung der Geschlechter verändert auch intime Beziehungen. Lastet der Druck, den ersten Schritt zu machen, aber noch immer auf den Männern?

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So stellte sich der Maler Eugen de Blaas das Flirten im Jahr 1904 vor. Hat sich seitdem viel verändert?

Bild: Le Flirt - Eugen de Blaas

He says:
Als gewöhnlicher Mann, der im Leben nicht immer alles ausgekostet hat, wird man möglicherweise früher oder später mit so bedeutungsvollen Sätzen konfrontiert wie: „Ja, wärst du damals nur etwas hartnäckiger gewesen, dann…“, „Wenn du an jenem Abend weniger zurückhaltend gewesen wärst…“ oder „Du warst nur ein bisschen zu zögerlich, aber sonst…“. Zu den Frauen, die sich mehrere Jahre darauf frei genug fühlen, solche unerwarteten Geständnisse abzugeben, besteht in den meisten Fällen längst schon eine wohlwollende, platonische Freundschaft ohne Hintergedanken, die Verhältnisse sind restlos geklärt, alle emotionalen Schäfchen befinden sich im Trockenen. Die plötzliche Offenheit hat also selten konkrete Folgen und auch ein kurzes, schmachtendes Zurückdenken an alle Möglichkeiten der Vergangenheit, die man damals so ahnungslos verstreichen ließ, geht schnell vorüber. Ungelebtes Leben hat immer etwas Poetisches.

Ich habe mir jetzt aber konkret vorgenommen, beim nächsten Mal – sollte mir wieder so ein Fall unterkommen – mein weibliches Gegenüber endlich zu fragen: “Ich mag zwar ein Feigling gewesen sein – aber warum hast du damals selbst auch nichts unternommen?” Es ist eine der großen Paradoxien des 21. Jahrhunderts, dass trotz Emanzipation, Gleichberechtigung und #metoo-Bewegung die Bringschuld des ersten Schrittes noch fast immer bei den Männern liegt. Ich schreibe bewusst nicht „bei uns Männern“, weil ich merke, dass ich mich mit meiner Gender-Gemeinschaft oder zumindest mit dem, was gemeinhin als „männlich“ aufgefasst wird, nicht unbedingt identifiziere. Ich bin gerne zögerlich, die täglichen Existenzzweifel ereilen mich üblicherweise schon beim Frühstück und auch das Verwegen-Dreinschauen, die „Ich weiß, was ich will“-Miene will mir nicht einmal vor dem Spiegel gelingen. Sicherlich sind die meisten anderen Männer auch nur Menschen, denke ich mir dann. Warum aber liegt es nach wie vor an ihnen, in sexuellen und romantischen Angelegenheiten den ersten Schritt zu machen?

Die ungleiche Rollenverteilung bringt allen nur Nachteile, das zeigt sich spätestens im Tanzclub.

Auch für Frauen ist das nicht immer lustig. Die ungleiche Rollenverteilung bringt allen nur Nachteile, das zeigt sich spätestens im Tanzclub. Ich habe oft erlebt, wie meine Freundinnen früher nach Hause gingen, genervt, weil sie keine zehn Minuten tanzen konnten, bis nicht wieder irgendein Fremder sich mit einem neuen Baggerversuch an sie heranmachte. Ein anderer Bekannter hingegen geht schon seit Jahren nicht mehr in den Club, weil er – als Mann – den sozialen Druck, jemanden „aufreißen zu müssen“, schlecht aushielt und sich jedes Mal wie ein Loser vorkam, wenn er am Ende der Nacht allein nach Hause ging.

Wie lässt sich diese Misere verhindern? Handelt es sich nicht letztendlich um tief in unserer Biologie verankerte Mechanismen? Ich will nicht daran glauben. Als Mann kann man aber leider auch nicht viel – außer höflich und respektvoll zu sein – gegen den Status Quo ausrichten. Es liegt jetzt an den Frauen, öfter den ersten Schritt wagen und nicht nur „Ja“, „Nein“ oder „Vielleicht“ zu sagen. Nur dann lassen sich die alten Rollenbilder, die in diesem heiklen Bereich noch so hartnäckig fortbestehen, endgültig aufbrechen.

War das vielleicht zu polemisch? Eines musst du mir jedenfalls verraten, Julia: Wie oft hast du gegenüber Männern schon den ersten Schritt gemacht?

She says:
Mein erster „erster Schritt“ war traumatisch. Ich war sechs, schrieb meinem Schwarm aus der Klasse ein Zettelchen, auf dem ich ihm mein Herz ausschüttete, am nächsten Tag wusste die ganze Klasse davon und ich war die Lachnummer der Schule. Es blieb daher mein einziger Sprung ins kalte Flirten, seitdem übernehme ich beim anfänglichen Beschnupperungstanz der Geschlechter  nur mehr dann eine aktive Rolle, wenn ich sicher bin, keine Absage zu erhalten (also wenn ich nicht mindestens über die Freundin eines Bekannten meines Begehrten erfahren habe, dass er an mir interessiert ist). Aber Spaß (und Kindheitstrauma) beiseite – was heißt denn nun konkret „den ersten Schritt machen“?

In den seltensten Fällen läuft das Kennenlernen zweier Liebender so linear ab, wie wir es aus Filmen kennen: Er sieht sie an der Bar, spricht sie an, kauft ihr einen Drink, sie landen im Bett und je nach Filmgenre verlieben sie sich und kriegen Kinder oder einer der beiden entpuppt sich als psychopathischer Massenmörder. Im echten Leben aber kommt man sich eher schrittweise näher, wie bei einem Tanz, an dem beide beteiligt sind. Mal nimmt sie den aktiveren Part ein, indem sie ihre Freundin bittet, seinen Freund zu fragen, ob er Single ist, um ihn dann auf Facebook hinzuzufügen. Das wiederum ermutigt ihn, seinem Kumpel zu beauftragen, ein Pizzaessen unter Freunden zu organisiert, bei dem auch sie mit dabei ist, sodass er, gedeckt vom unverfänglichen Gruppenkontext, zufällig neben ihr am Tisch sitzen kann. Und sie flirteten glücklich bis ans Lebensende.

Wenn ihr uns keine Gelegenheit dazu lasst, auf euch zuzukommen, wie sollen wir dann lernen, den ersten Schritt zu machen?

Sollte doch die stereotypische „Mann spricht Frau an“ – Situation in einem Tanzclub eintreten, müssen wir in erster Linie über das respektlose Verhalten mancher Männer ihren weiblichen Mitmenschen gegenüber sprechen. Ein Experiment aus Brasilien verdeutlicht diese Macho-Kultur: Drei Frauen besuchen mit versteckter Kamera ein Tanzlokal und tragen dabei ein Kleid mit Berührungssensor. Das „Dress for Respect“ liefert nach vier Stunden eine ernüchternde Grabsch-Bilanz: 157 Mal wurden die Frauen im Club ungefragt berührt. Somit kann ich nur sagen: Männer, kommt runter mit euren dreisten Anmachversuchen und schafft erst mal das Vakuum, das wir Frauen dann füllen können. Wenn ihr uns keine Gelegenheit dazu lasst, auf euch zuzukommen, wie sollen wir dann lernen, den ersten Schritt zu machen?

Rollenstereotype werden seit kurzem erst hinterfragt, es dauert wohl noch ein wenig, bis Individuen mit ihrer neuen Freiheit umzugehen lernen. Dating-Apps wie Bumble, wo Frauen den ersten Schritt der Kontaktaufnahme machen müssen, könnten dabei helfen. Aber auch ihre männlichen Gegenparte sind gefragt. Und somit komme ich zu jenen Vertretern der Männerwelt zurück, die sich nicht in vorprogrammierte Verhaltensmuster zwängen lassen, sondern patriarchale Faustregeln kritisch hinterfragen. Also Männer wie du, Teseo, die zwar darunter leiden, gegen den Strom zu schwimmen, am Ende aber als Vorreiter vielleicht sogar Geschichte schreiben werden. Genauso wie jene Pionierfrauen im 19. Jahrhundert, die wegen ihres Kampfs für Unabhängigkeit mit „Hysterie“ diagnostiziert und in die Klapse gesteckt wurden. Im Vergleich dazu ist das ein oder andere verpasste Date ein recht günstiger Preis, den ihr modernen Männer für die Verfechtung von Gleichberechtigung bezahlen müsst, oder?

Unser Beispiel zeigt: Echter Feminismus mit seinem Kampf gegen traditionelle Rollenbilder täte uns allen gut. Männer müssten sich auf Tinder nicht mehr als Einzige den Kopf über neue, brillant-pikante Anmachsprüche den Kopf zerbrechen und gleichzeitig würde das „Nein“ einer Frau öfter respektiert werden. Ganz nebenbei könnten Frauen dann auch endlich selbst jemanden „aufreißen“, ohne gleich als zügellose Nymphomaninnen zu gelten. Indem du Frauen offen auf deine Unsicherheiten ansprichst, und sie bittest, ihre Erwartungshaltung im Dating-Verhalten von Männern zu überdenken, machst du zwar keinen ersten Schritt hin zu einer heißen Nacht. Du machst aber einen viel wichtigeren ersten Schritt: den ersten Schritt in Richtung echter Gleichberechtigung.

Autorin: Julia Tappeiner
Seit ihrer Zeit im patriarchalen Kasachstan eine überzeugte Feministin. Steht nichtsdestotrotz auf rasierte Achseln, hasst keine Männer und lässt sich von ihrem Freund auch mal einladen. Der nächste Aperitivo geht dann wieder auf sie.

Autor: Teseo La Marca
Progressiv mit Vorbehalten. Glühender Verfechter der echten Gleichberechtigung. Ärgert sich aber insgeheim, wenn er im Haushalt mehr machen muss als seine Freundin.

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He says, she says

Braucht es Feminismus heute eigentlich noch? Und warum liegt es so oft an Männern, den ersten Schritt zu machen? In He says, she says gehen unser Autor und unsere Autorin Fragen auf den Grund, die Mann und Frau sich schon immer stellen wollten.

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