Anzeige

Wenn Wohnen Luxus wird

Eine junge Frau kämpft dafür, dass Menschen nicht auf der Straße landen.

Patrizia Behmann hat nichts von einer typischen Römerin. Während der kühlen Jahreszeit trägt sie lieber einen Lodenmantel und Hut statt einem Pelzmantel. Im Sommer wandert sie lieber in den Bergen statt am Strand zu liegen. Doch das ganze Jahr über macht sie sich für jene stark, die riskieren, ihre Wohnung zu verlieren. Der Mieterschutz ist schwach, die Mieten hoch und durch die Krise schaffen es auch in Rom immer weniger Familien, mit den Zahlungen für ihre Unterkunft nachzukommen. Die Zahl der Zwangsräumungen ist allein in den letzten fünf Jahren um 64 Prozent angestiegen. Trotz fanfarenreicher Versprechungen der Politik ist der soziale Wohnbau in den letzten Jahrzehnten italienweit geschrumpft. Derzeit warten 600.000 Familien auf eine von Väterchen Staat subventionierte Wohnung. 72.000 Gebäude wurden zwar in Auftrag gegeben, aber bisher nur 5.000 davon sind schon verfügbar.

Patrizia Behmann kann sich deshalb über Arbeit nicht beklagen. Als Angestellte eines gewerkschaftlichen Mieterschutzes stellt sie sich in den Dienst jener, die vor dem Rauswurf stehen. Einer alten Witwe, deren erwachsener Sohn behindert ist und bei ihr lebt, hilft sie gerade, gegen die Zwangskündigung vorzugehen. Die alte Frau schafft es nicht mehr, die 640 Euro Miete für die kleine Wohnung mit ihrer 740-Euro-Rente zu bezahlen. Aber kann es sein, dass eine alte Frau und ihr behindertes Kind auf der Straße landen? Für Frau Behmann auf keinen Fall: Sie telefoniert, übt Druck aus auf die Gemeinde, sucht einen rechtlichen Beistand für die alte Frau. Die Mietpreise im trendigen Viertel Monti, wo die Witwe und ihr Sohn leben, sind für Normalbürger nicht mehr erschwinglich und die Vermieter versuchen, soviel Profit wie möglich herauszuschlagen. Kollateralschäden nimmt man in Kauf. Regulierte Mietpreise, wie etwa in deutschen Städten, gibt es nicht. Dem freien Markt wird der Preis überlassen.

Die engagierte Frau versteht sich nicht als Mutter Theresa oder naive Weltverbesserin, sondern sie glaubt einfach daran, dass das Recht auf eine würdige Unterkunft zu einem Grundrecht jeder zivilisierten Gesellschaft gehören sollte. Dabei kritisiert Patrizia aber auch jene Vereine, die in Rom immer öfters für Wohnungslose leerstehende Häuser besetzen. Nicht das Prinzip sei falsch, sondern die Vorgehensweise, meint sie. Denn durch wilde Hausbesetzungen würden jene, die auf der Warteliste für eine Sozialwohnung stehen und ein Anrecht auf eine solche hätten, einfach von links überholt und so auf der Strecke bleiben.
Ob sie in Zukunft weniger zu tun haben wird bleibt zu bezweifeln, denn noch gibt es kaum Anzeichen, dass sich die Situation am Wohnungsmarkt in der Hauptstadt entspannen könnte.
 

Gustav Hofer

lebt und arbeitet als Journalist und Filmemacher in Rom, doch ein Koffer steht immer abreisefertig. Was er dort mag: die Schönheit der Stadt, das Licht, die Menschen. Was er vermisst: die frische Bergluft, die Mehrsprachigkeit und den Apfelstrudel seiner Mutti.
Anzeige

Gesichter Italiens

Italien ist mehr als Berlusconi, Grillo und Bunga-Bunga-Skandale. Das Land hat viele Gesichter, die eine eigene Geschichte zu erzählen haben.

Mehr Artikel
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Interview mit Architekt David Calas

Häusliche Revolution

Kein „Back-to-normal“ in der Architektur: Corona fordert ein radikales Umdenken in der Planung von Häusern und Städten.
0    
 | 
Interview mit Jugendarbeiterin

„Jugendliche brauchen einen Ort“

Die Zeit der Isolation ist vorüber und doch ist für die Jugend nichts mehr wie vorher. Ein Gespräch mit Gabriela Messner vom Jugendzentrum Jump.
0    
 | 
Kollateralschäden

„Komplett vergessen“

Die Gesellschaft zeigt sich bereit für den Neustart. Und lässt dabei viele zurück.
0    

Blinding Lights

Cemetery Drive verwandeln den Pop-Hit „Blinding Lights“ von The Weeknd in eine Punkrock-Hymne. Das Musikvideo zum Song entstand in der Quarantäne.
 | 
Interview mit Filmemacher Lukas Pitscheider

Die letzten Österreicher

Der Grödner Lukas Pitscheider entdeckte zufällig eine fast vergessene österreichische Kolonie in der Ukraine. Daraus machte er einen preisgekrönten Film.
0    
Anzeige
Anzeige