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Vor dem Internet

Warum man mit Anfang 30 aufs Digitale nicht verzichten kann.

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Bild: Flickr, Amit Patel

Wir Anfang-30-Jährigen sind keine Digital Natives. Allein schon so Begriffe wie „Digital Native“ gab es noch nicht, als wir noch halb so alt waren, wie wir jetzt sind. Es gab zu Hause keine Computer und in der Grund- und Mittelschule auch nicht. Erst in der Oberschule gab es dann irgendwann einen Computerraum. Ohne Internetanschluss natürlich. Da konnte man dann in Word schreiben und verpixelte Spiele spielen. Wir spielten außerdem Super Mario und Fußball-WM auf dem Game Boy. Bei der Fußball-WM gab es einen Trick, der ging irgendwie so oder so ähnlich: Man lief zur Eckfahne und dann gerade zum Tor, da konnte der Tormann nichts machen, man lief mit dem Ball einfach über die Linie. So gewann man auch mit Kamerun gegen Deutschland 20 zu null. Das wurde irgendwann langweilig.

Es gab noch kein YouTube. Wir klauten die Bravo im Zeitungsladen. Wir hatten Lexika im Kinderbuchregal stehen und Globusse auf unseren Schreibtischen. Wir schrieben unsere Aufsätze in der Schule mit Füllfeder. Die meisten Fernseher hatten noch nicht einmal Teletext, wir bei meinen Eltern zu Hause hatten lange Zeit noch nicht einmal einen Fernseher. Das klingt jetzt alles wie aus einer anderen Zeit, ist es ja auch, aber es ist noch nicht einmal zwanzig Jahre her.

Als ich mein erstes Praktikum bei einer Lokalzeitung gemacht habe, da hat mich ein Redakteur am ersten Tag herumgeführt, mir alles gezeigt. „Du hast Glück“, hat er mir gesagt. „Seit einer Woche hat hier jeder Computer Internetanschluss.“ Dann hat er mir ein Foto gezeigt, das über seinem Schreibtisch hing. Ein Redakteur war darauf zu sehen, wie er am bis dahin einzigen Computer mit Internetanschluss saß, dahinter warteten fünf Redakteure in einer Reihe darauf, dass sie dran kamen.

Wir leben heute in einer Phase der schnellen Entwicklungen. Das schwankte immer mal in der Menschheitsgeschichte. Mal ging nichts voran, manche Generationen lebten von jung bis alt ungefähr in der gleichen Welt, arbeiteten ein ganzes Leben lang das Gleiche, manchmal dagegen entwickelte sich die Welt rasend schnell, zu schnell für ein einzelnes, kurzes Leben. Zum Beispiel als der Mensch begann, das Feuer zu beherrschen, als er das Rad erfunden hat, als die Industrialisierung begann. Und so wie bei uns jetzt. Wenn ich in Berlin, wo ich heute lebe, die IFA besuche, die Internationale Funkausstellung, dann spaziere ich durch eine Welt von morgen. Links und rechts der letzte Scheiß: Ultra-HD-Fernseher; Armbanduhren, die Fotos machen; Bluetooth-Peilsender für Haustiere; Kühlschränke, Waschmaschinen und Fernseher, die untereinander kommunizieren, „Connected Home“, heißt das dann.

Wir Anfang-30-Jährigen haben in den vergangenen Jahren eine digitale Revolution erlebt, aber wir waren knapp ein paar Jahre zu früh dran, um sie von Kinderschuhen an mitzubekommen. Sie steckt uns nicht in der DNA, nicht im Blut. Im Gegensatz zu denen, die nur ein paar Jahre nach uns geboren sind. Wenn mich einer fragt, wie lange der Äquator ist, dann denke ich immer noch reflexartig: Das muss ich mal zu Hause nachschauen, während der noch knapp unter 30-Jährige es schon längst mit seinem Smartphone gegoogelt hat. Wenn wir Anfang-30-Jährigen irgendwann sterben sollten (falls die digitale Entwicklung bis dahin nicht etwas gegen das Sterben auf den Markt gebracht hat), dann werden wir die letzten gewesen sein, die eine Welt ohne Handy, ohne Internet gekannt haben. Wir werden unseren Enkeln davon erzählen, und die werden uns ungläubig zuhören und uns mit großen Augen anschauen, sie werden es nicht fassen können.

Man würde jetzt gerne bei jeder digitalen Neuheit sagen: Ach, das mache ich jetzt nicht mehr mit. Aber das kann man natürlich nicht mit Anfang 30. Das ist das Privileg der Über-70-Jährigen. Die könnten sich das leisten. Tun es aber nicht. Sind bei Facebook (Twitter haben sie, glaube ich, noch erst vereinzelt entdeckt). Ich rege mich schon auf, wenn sich mein Smartphone nicht mit meinem Fernseher connected. Mein Kühlschrank ist nach wie vor offline. Wir Anfang-30-Jährigen können uns wahrscheinlich gar nicht vorstellen, was wir noch alles mitmachen müssen. Das ist wahrscheinlich gut so. Wir würden wahnsinnig werden, wenn wir es wüssten. 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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Auch schon 30

Ab wann ist man eigentlich erwachsen? Wenn man mitternachts müde wird? Wenn einen 17-jährige Mädchen siezen? Wenn einen ständig die Sehnsucht packt, nach der Provinz, aus der man mal geflohen ist? Wenn alle um einen herum Kinder kriegen? Wenn man sich manchmal denkt: Scheiß doch auf alles, ich haue jetzt einfach ab! Unser Kolumnist Lenz Koppelstätter berichtet über die Tücken des Ü-30-Alltags.

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