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Kommentar zur erfundenen Vergewaltigung

Von Anstand und Hass

Was von der frei erfundenen Vergewaltigung in Bozen bleiben wird, ist ein ungutes Gefühl. Die Art, wie die Bevölkerung im Netz auf den Fall reagiert hat, sollte Angst machen.

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Lizenz: CC0
Bild: scepticalview, Flickr

Es ist viel passiert in Südtirol in den vergangenen Wochen. Im Land selbst, aber vor allem in den Internetforen verschiedener heimischer Medien. Erst war da der böse Wolf, dann kam die Hitzewelle und jetzt gibt es einen neuen Fall, der für Empörung sorgt. Denn die Vergewaltigung einer 15-Jährigen am frühen Nachmittag des 6. Mai in Bozen hat nie stattgefunden. Die Jugendliche hätte alles erfunden, um die Aufmerksamkeit ihres Freundes auf sich zu lenken, wie die Bozner Staatsanwaltschaft am Dienstag mitteilte.

Zuvor war von zwei Männern die Rede, die das Mädchen nahe der Europäischen Akademie (Eurac) von ihrem Fahrrad in die Büsche gezerrt hätten, einer der beiden habe sie dann vergewaltigt. Die 15-Jährige wurde ins Krankenhaus Bozen eingeliefert, die Polizei startete einen Großeinsatz. Politiker und Interessensverbände verurteilten den Fall aufs Schärfste. Es wurden Mahnwachen abgehalten, im Bozner Regierungskommissariat wurde ein Sicherheitsgipfel einberufen, Angst und Hass waren gegenwärtig. Auch über Südtirols Grenzen hinaus sorgte der Fall für Aufsehen.

Die Grenzen des Denkbaren und des Sagbaren existierten in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr.  

So schlimm die Tat auch scheinen mochte, so schlimm waren auch die Reaktionen auf Social Media. Denn angesichts der Beschreibung der beiden „Täter“ fühlten sich einige Südtiroler dazu aufgefordert, ihren aufgestauten Hass in Form von rassistischen und hetzerischen Parolen ins Internet zu katapultieren. In den Kommentarspalten unter den Artikeln heimischer Medien, öffentlich auf Facebook, mit Klarnamen und Foto, für die ganze Welt gut lesbar. Das Repertoire der Äußerungen war breit, einziger gemeinsamer Nenner war der aggressive Ton, in dem die Postings verfasst wurden. Die User hinterfragten nicht nur die Arbeit der Exekutive und der Justiz, sondern auch den Sinn bereits bestehender Gesetze. Einige forderten sogar die Kastration und die Todesstrafe für die vermeintlichen Täter. Die Grenzen des Denkbaren und des Sagbaren existierten in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr.

Es entstand der Eindruck, dass es gar nicht mehr darum ging, die Tat so schnell wie möglich aufzuklären und der Jugendlichen zu helfen, sondern längst um etwas Anderes. So schien es – überspitzt formuliert – dass einige vor allem politisch rechts stehende Menschen dem Vorfall sogar etwas Positives abgewinnen konnten. Denn schließlich wurden sie nun in ihrer Weltsicht und ihren Ängsten bestätigt, hätten sie ja schon seit dem Migrationsjahr 2015 vor Übergriffen wie diesem gewarnt. Befeuert wurden die hasserfüllten Kommentare durch die Aussagen rechter Politiker wie Andrea Bonazza von der CasaPound, die den Fall für sich und ihre Partei zu instrumentalisieren versuchten.

Das allgemeine Bedürfnis nach Sensation und Voyeurismus schien durch die Falschmeldung ein zweites Mal befriedigt.

Und auch als sich die Anschuldigungen als falsch herausstellten, als sich die Bevölkerung eigentlich freuen hätte können, dass so etwas Schreckliches nie passiert war: der Hass blieb bestehen. Das allgemeine Bedürfnis nach Sensation und Voyeurismus schien durch die Falschmeldung ein zweites Mal befriedigt. Ganz nach dem altbekannten Motto der Medienbranche: „Hund beißt Mann“ ist eine gute Nachricht, aber „Mann beißt Hund“ eine brillante. Jetzt äußerte sich auch die andere Seite des politischen Grabens zum Fall und verpasste es nicht, sich dabei in Schadenfreude zu suhlen. Schließlich hatten die „Hetzer und Rassisten“ nicht Recht gehabt. Aber auch die rechte Seite blieb nicht still, sofort wurden neue Feindbilder gefunden. Jugendliche wurden als „dumme Fratzen“ bezeichnet, Verschwörungstheorien rund um Polizeiarbeit und Beweislage machten sich breit, sogar für Hetze gegen Frauen und Feminismus fand sich ein Platz.

Die derzeitige mediale Aufregung wird nicht lange bleiben. Was aber bleiben wird, ist ein ungutes Gefühl. Denn das wirklich Erschreckende an dem Fall ist nicht allein die Tatsache, dass er nie stattgefunden hat oder die widersprüchlichen Polizeiberichte zu den Beweisen. Das, was uns wirklich Angst machen sollte, ist, wie die Bevölkerung auf die Nachricht reagiert hat. Wie Politiker die Tat instrumentalisiert haben, wie schnell demokratische Grundsätze in Frage gestellt wurden und wie unreflektierter Hass von vielen Teilen der Bevölkerung den Anstand in der Öffentlichkeit verdrängt hat.

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