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Vespa vs. Fahrrad

In Berlin gibt es keine „motorini“. Nur Fahrradfahrer. Überall.

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Bild: Flickr, simon.carr

Ich habe in Bologna studiert, später in Berlin, wo ich heute noch lebe. Es gibt viele Unterschiede zwischen Bologna und Berlin, einer davon: die vielen motorini, wie man in Italien sagt. In Deutschland gibt es nicht einmal ein passendes Wort dafür. Bologna war voll mit motorini. In Berlin gibt es sie praktisch nicht. 

Das ist eigentlich ein Vorteil, denn motorini machen einen höllischen Krach. Es ist aber auch ein Nachteil. Denn die ganzen Leute, die in Bologna mit dem motorino fahren, fahren in Berlin Fahrrad. Fahrradfahrer können ganz schön anstrengend sein. 

Ich fahre nicht gerne Fahrrad. Ich gehe lieber zu Fuß. Oder ich fahre mit der Bahn. Fahrradfahren nervt mich. Ich komme dann immer ins Schwitzen. Ich mag auf dem Weg zur Arbeit nicht ins Schwitzen kommen. Wenn ich ins Schwitzen kommen will, dann gehe ich in die Sauna oder joggen. Beim Joggen kann man sich entspannen. Nachdenken. Beim Fahrradfahren muss man ständig aufpassen, dass man nicht von einem Rechtsabbieger überfahren wird. Oder von einem anderen Fahrradfahrer. 

Kaum scheint in Berlin die Sonne, was sie dieses Jahr ausnahmsweise schon im Winter tat, fahren alle mit dem Fahrrad. Überall. Sie fahren auf der Straße, sie fahren auf dem Bürgersteig, sie fahren auf dem Trampelpfad am Kanal. Sie fahren über rote Ampeln. Fahrradfahrer fühlen sich grundsätzlich im Recht. Weil Fahrradfahren ja die Umwelt nicht verschmutzt. Fahrradfahrer hassen es, bremsen (oder gar kurz absteigen) zu müssen, denn dann müssten sie ja wieder ordentlich in die Pedale treten, um Fahrt aufzunehmen, was ja anstrengend ist. Deshalb klingeln sie die ganze Zeit, damit ihnen jeder aus dem Weg geht, deshalb fahren sie immer unverschämt knapp an einem vorbei (das ist übrigens der größte Unterschied zwischen einem Dorf oder einer Kleinstadt und der Großstadt: dass alle ständig so unverschämt knapp an einem vorbeigehen). 

In Berlin fahren alle Fahrrad. Und alle klingeln andauernd. Mir ist der Krach der motorini lieber aus das Dauerklingeln der Fahrradfahrer. Überall Fahrradfahrer. Eltern bauen sich so kleine Holzkisten an ihre Fahrräder hinter dran, in denen sie ihre Kinder hinterherziehen. Dicke fahren Elektroräder. Businessmenschen binden sich so neonfarbene Bänder um ihre Boss-Anzughosen, damit die nicht in die Fahrradkette geraten. Das sieht natürlich alles sehr, sehr lächerlich aus. Studenten fahren mit klapprigen Fahrrädern, die sie auf dem Flohmarkt für ein paar Euromünzen gekauft haben. Natürlich ohne Licht. Nachts sieht man sie nicht. Aber man hört sie, weil ihre Räder so klappern. Alle fahren mit Helm, außer die Studenten natürlich. Studenten sind die einzigen Fahrradfahrer, die ich mag. Ich finde, nur Studenten sollten Fahrrad fahren. Alle anderen sollten Bahn fahren in der Stadt. Oder Taxi. 

Das Fahrrad ist für mich ein Sportgerät. Mit einem Rennrad über Alpenpässe klettern, mit einem Mountainbike in die Berge fahren – ich mache das alles zwar nicht, aber ich kann es im Zweifel verstehen. Alles andere verstehe ich nicht. „Fahr doch gemütlich, dann kommst du nicht ins Schwitzen“, sagt mir meine Freundin immer. Meine Freundin ist eine leidenschaftliche Fahrradfahrerin. Sie fährt auch im Winter. Immerhin trägt sie dabei keinen Helm. 

Ich kann nicht gemütlich Fahrradfahren. Gemütlich kann ich nur spazieren gehen. Manchmal zumindest kann ich das. Gemütlich Fahrradfahren, das ist ein Widerspruch in sich. Man nimmt doch ein Fahrrad, damit man schneller ist als zu Fuß. Also fahre ich auch schnell. Gemütlich Fahrradfahren ist wie sich in einen Maserati zu setzen und dann im dritten Gang herumzukurven. 

Es gibt viele Unterschiede zwischen Bologna und Berlin, eines aber ist gleich: Fahrräder scheinen dazu da zu sein, um gestohlen zu werden. Sie werden andauernd gestohlen. Ganz egal, ob ein teures Stadtrad, ein schnelles Rennrad oder ein klappriges Studentenrad. Alles wird gestohlen. Letzten Sommer wurde mir meins (das ich so selten wie möglich benutzte) aus dem Hinterhof gestohlen. Man kann sich dann ein neues Rad im Laden kaufen und es versichern lassen oder sich ein altes vom Flohmarkt holen, für ein paar Euromünzen, und sich dann fragen, wem das Rad wohl gestohlen wurde, das man sich jetzt grad geholt hat. 

Als wir uns im vergangenen Sommer neue Fahrräder kauften, meine Freundin und ich (das war natürlich ihre Idee), da machten wir einen Fahrradausflug (das war natürlich auch ihre Idee), den Mauerradweg entlang. Das ist eine schöne Fahrradstrecke. Sie führt einen um das ehemalige West-Berlin herum, da lang, wo einst Mauer und Grenze waren. Vorbei an Blumenfeldern, die die Narbe verdecken, an der sich die beiden Weltmächte des Kalten Krieges in die Augen schauten. Vorbei an verfallenen Wachtürmen, durch Wälder, Sümpfe, über Wiesen. 

„Ich mache nie wieder mit dir eine Fahrradtour“, sagte meine Freundin am Ende des Tages erschöpft und sehr verärgert zu mir. „Eine Fahrradtour ist kein Wettrennen.“ Vielleicht sollten wir uns zwei motorini kaufen. Vespas sind neuerdings angesagt. In einigen Berliner Szenebezirken gibt es bereits Vespaläden (alles, was südlich der Alpen immer schon normal war, ist irgendwann total angesagt in Berlin). Die alten Vespas werden aus Italien importiert, hier von Liebhabern restauriert und für teures Geld verkauft. Ja, ich sollte mir eine Vespa kaufen. 

Eine Vespa, so wie früher auf dem Dorf.  Da hatten wir alle motorini. Wir standen damit an der Bushaltestelle. Rauchten. Wir werkelten in den Garagen an ihnen herum, damit sie noch schneller fuhren. Wir fuhren zu den Dorffesten. Wir hatten Vespas, Typhoons, Fiftys, Phantoms – so hießen unsere Modelle. Wir waren eine motorini-Gang. Wir wären nie auf die Idee gekommen, Fahrrad zu fahren. 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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