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Venus in Furs

Ist Unwissenheit ein Segen? Manchmal vielleicht schon.

Neulich im Supermarkt. Eine ältere Dame im Pelz kam herein. Zwischen den Anoraks und Parkas fiel sie noch im selben Moment auf, als sie den Laden betrat, und ich dachte mir, dass man in so einem Nerzmantel sogar beim Klopapierkaufen was Glamouröses an sich hat. Eine Frau neben mir dachte wohl was anderes, ihr Gesicht ließ zumindest darauf schließen. Es sah so aus, als hole sie gleich zum Angriff mit Farbeimer und PETA-Parolen aus. Als die beiden Damen beim Einkauf nebeneinander zum Stehen kamen, ging die politisch korrekt Gekleidete demonstrativ gleich einen Schritt zur Seite, denn so nah wollte sie dem toten Tier nicht kommen – was lustig war, weil sie vor der Wursttheke stand. Ich hoffte insgeheim: Bitte, bitte, lass sie doch zehn Schnitzel und fünf Würstchen kaufen, das gäbe eine nette Geschichte ab. Dann wurde es leider doch nur ein Schinken-Käsebrötchen, was allerdings auch immer noch ein bisschen witzig ist.

Wenn ich den alten Pelzmantel von meiner Oma trage, weil er schön ist und an kalten Tagen warm hält, kommen auch manchmal böse Blicke. „Das würd ich ja nie tragen“, hört man ab und zu. Meistens sind das Leute, die Schuhe mit Ledersohle tragen und nicht einmal darüber nachgedacht haben, dass die auch nicht an den Bäumen wächst. Leder ist doch auch Tierhaut, bloß ohne Haare, oder mache ich es mir da zu einfach? Ohne Bedenken gekauft werden auch Legebatterieneier, die zwar von todtraurigen Hühnern stammen, aber doch ein paar Cent billiger sind – weil ein gutes Gewissen zwar was Feines, aber Geiz am Ende doch viel geiler ist.

Aber vermutlich ist es besser so. Fängt man erst mal an zu überlegen, was man so konsumiert, welchen Kreislauf man mit seinem Einkauf am Laufen hält, wie viele Liter Wasser es für die Produktion eines einzigen Burgers braucht – Unwissenheit ist ein Segen, sagen sie zumindest in der Matrix.
Ich habe mir seit ungefähr vier Jahren vorgenommen, „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer zu lesen. Eine Freundin kann seit dieser Lektüre kein Fleisch mehr essen, weil es sie jetzt so ekelt. Ich weiß nicht, was in dem Buch alles drinsteht, und auch nicht, ob man es überhaupt so genau wissen will. Ich will nicht unfreiwillig zum Veganer werden. Kritisches Hinterfragen macht Sachen ja auch ungemein schwierig. Was müsste man dann nicht alles für Überlegungen anstellen. Dass Kentucky Fried Chicken nicht ganz sauber ist, kann man sich ja denken, aber darf ich jetzt auch kein Hühnerschnitzel mehr im Supermarkt kaufen? Hat mein Shirt eine Frau in Bangladesh genäht? Ist mein Thunfischsalat an der Überfischung der Meere schuld? Und kann ich mit dem Kauf von Bio-Gemüse etwa doch mein Karma pimpen?

Wer blickt denn da noch durch? Will man Tierliebe und Umweltbewusstsein und all die Tugenden mit Konsequenz durchziehen, muss man sich informieren. Das ist aber anstrengend. Deshalb ist Pelz als Hassobjekt so beliebt – weil er einem die Empörung einfach macht. Da haben es andere Produkte besser: Als der Apple-Zulieferer Foxconn in den Skandal um Arbeitsrechtsverletzungen verwickelt wurde, schrie das von keinem Display der produzierten Smartphones. Vermutlich tragen wir mit unseren Besitztümern alle ein wenig Elend mit uns herum und haben bloß keine Ahnung. Es ist einfach, die bepelzten Frauen am Christkindlmarkt ganz böse anzugucken, während man nicht einen Gedanken daran verschwendet hat, was man denn selbst am Leibe trägt. „Lieber nackt als im Pelz" – PETA hatte die Lösung für das Dilemma ja schon mal, aber da spielt in der Praxis dann doch keiner mit.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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Geschichten liegen auf der Straße oder im Radio. One Song One Story – ein Liedtitel und viele Gedanken, die sich zur Geschichte zusammenfügen. 

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Passend dazu die ZDF-Schock-Doku über Leder und Pelze "Gift auf unserer Haut" (http://www.zdf.de/37-Grad/Gift-auf-unserer-Haut-29878404.html)

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