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Theater hinter Gittern

Claudio Montagna spielt mit Straftätern Theater und schenkt neue Hoffnung.

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Bild: Gustav Hofer

Eine knappe Stunde dauert die Reise mit dem Auto vom Stadtzentrum Turins. Ich fahre entlang der breiten Boulevards der Savoyer-Stadt, vorbei an anonymen Peripherien, bis ich schließlich die „Casa Circondariale Lorusso e Cotugno“ erreiche. Im größten und einzigen Gefängnis der ehemaligen Industriestadt sitzen 1.600 Männer und Frauen ihre Strafen ab – gebaut wurde es für 1.000 Häftlinge. Wie im ganzen Land platzt auch hier die Haftanstalt aus allen Nähten. Vier Stunden pro Tag können sich die Insassen im großen Innenhof bewegen. Sogar ein kleines Gewächshaus gibt es, wo Blumen aller Couleur von den Inhaftierten gepflanzt und gepflegt werden.


Am Eingang treffe ich Claudio Montagna. Der magere Herr geht seit zwanzig Jahren hier ein und aus, nicht als Verurteilter sondern als Theatermacher, der umgeben von Gittern und meterhohen Mauern mit Gefängnisinsassen Bühnenstücke entwirft. „Irgendwann hat es mich mehr interessiert, Theater für und mit jenen zu machen, die eigentlich nie ins Theater gehen würden. So habe ich begonnen, im Gefängnis zu arbeiten, und hier habe ich die wirkliche Theatralik gefunden. Viele der Gefangenen, mit denen ich zusammenarbeiten konnte, sind unglaublich dynamische Menschen, die oft viel gelitten haben und ihre Leidenschaften, Schwächen und Gefühle sehr offen zeigen“, so der Theatermacher.


Nach einer Kontrolle öffnet sich das erste Eisentor und Claudio Montagna erzählt mir, wie er es einst geschafft hat, eine kleine Flasche Rasierwasser ins Gefängnis zu schmuggeln. Damals arbeitete er mit HIV-infizierten Gefangenen, deren Lebenserwartung meist kürzer war als die Jahre, zu denen sie verurteilt wurden. „Als ich diese Flasche dem jungen Mann schenkte, mit dem ich damals an einer Aufführung arbeitete, brach er in Tränen aus. Zunächst verstand ich nicht warum. Dann gestand er mir, dass es das erste Mal in seinem  Leben war, dass er überhaupt etwas geschenkt bekommen hatte“, erinnert sich Montagna an diesen besonderen Moment. 

Die Projekte, die der Regisseur in diesem Gefängnis mit den Häftlingen realisiert, sind nie die reine Wiedergabe eines Bühnenwerks. Geschriebene Texte, die auswendig gelernt werden müssen, verwendet er nie. Jeder Produktion liegen die individuellen Geschichten jedes einzelnen zu Grunde, der an einer Aufführung mitmacht. „Cicatrice e Guarigione“ heißt die letzte Produktion, die Claudio Montagna an acht Abenden dem Turiner Publikum vorstellte. Acht verurteilte Straftäter, die acht Opfern gegenüber gestellt werden. Das Opfer erzählt, wie es an jenem Tag überfallen, beraubt oder angegriffen wurde. Wie dieses Trauma sein Leben beeinflusst hat, welche Ängste es geschürt hat und wie dieser Tag das Leben veränderte. Ihnen gegenüber sitzt der „Kriminelle“, der ähnliche Verbrechen begangen hat. Das Publikum und das Opfer hören die Gedanken und Überlegungen des Täters, der Täter die Geschichte des Opfers. Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Tat, sondern der Mensch, der sie vollbracht hat.


So lernen wir auf der etwas amateurhaft wirkenden Bühne den 27-jährigen Fausto kennen. Während der letzten acht Jahre hat er nur vier Monate in Freiheit verbracht. Seit seiner Jugend lebt er hier, hinter Gittern. Noch als Schüler des altsprachlichen Gymnasiums hat er mit bewaffneten Überfällen angefangen. Gute Noten und ein bürgerliches Heim – Fausto passt so ganz und gar nicht in das Klischee des sozial benachteiligten Kindes aus armen Verhältnissen, das zur Kriminalität geradezu gezwungen wird. „Die Überfälle gaben mir diesen Kick, diesen Adrenalinstoß, den ich nirgendwo sonst gefunden habe. Jedes Mal war es auch dieses Glücksgefühl, dieses Grenzerlebnis erlebt zu haben, das mich antrieb. Und es war das, was ich einfach gut konnte. So verdiente ich auch mein Geld. Es wurde meine Arbeit“.

Der Theatermacher glaubt fest an die Kraft des Theaters, Menschen eine neue Perspektive zu eröffnen. Fausto hat noch drei Jahre abzusitzen, aber Claudio Montagna ist sich sicher, dass dem jungen Mann eine Zukunft in der Legalität bevorsteht.

Gustav Hofer

lebt und arbeitet als Journalist und Filmemacher in Rom, doch ein Koffer steht immer abreisefertig. Was er dort mag: die Schönheit der Stadt, das Licht, die Menschen. Was er vermisst: die frische Bergluft, die Mehrsprachigkeit und den Apfelstrudel seiner Mutti.
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