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Taschenboom in Catania

Kal schafft den Durchbruch, an den junge Italiener nicht mehr glauben.

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Bild: Gustav Hofer

Ein frischer Wind pfeift von den Hängen des Ätna herab, dessen ewiges Eis von einer Wolkenfront verdeckt bleibt. Die Palmen und meterhohen Kakteen, die die Seitenstraßen von Catania zieren, schwingen leise auf und ab. Eine Madonna, die auf einer der vielen lavasteinernen Fassaden ganz oben steht, blickt auf die schmalen Gehsteige der Via San Giulliano, auf denen ein paar Fußgänger versuchen, sich im Zickzack-Stil zwischen darauf geparkten Autos ihren Weg zu bahnen. In der Seitenstraße öffnet sich die Via Coppola, gleich hinter dem Viertel von San Babila, wo sich eine Kneipe an die andere reiht und Prostituierte auch tagsüber Kunden finden. Beim Gebäude mit der Hausnummer 14 fällt der Blick auf ein unübersehbares Schaufenster aus Glas, hinter dem sich dutzende Taschen, in allen Formen, Farben und Größen, aus Leder und recycelten Materialien auf einem Holztisch und einem Ölfass aneinander reihen. Der Duft von Leder kommt einem entgegen, sobald man die Tür öffnet. Hinter einer Stellage aus Holz hört man das Summen einer Nähmaschine und zwischen den abgestellten Taschen sieht man ab und zu einen Rasta-Haarschopf auf- und abtauchen.

Kal Rangassamy hat hier vor fünf Jahren seine Werkstatt aufgemacht. Geboren ist der 37-Jährige in Guadeloupe. Kaum volljährig begann seine Reise, zunächst durch Südamerika, und schließlich landete der gelernte Botaniker in Paris. Mit Nähen hatte er bis dahin nichts am Hut. Aber bei Kal scheint es zuzutreffen, dass ein Todesfall manchmal auch sein Gutes mitbringt. Ein Freund erbte nach dem Tod seiner Großmutter nämlich nicht nur deren Wohnung, sondern auch eine nagelneue Nähmaschine und drückte sie sogleich dem Überseefranzosen in die Hand. So beginnt Kal zunächst Stofftaschen für Freunde zu kreieren. Doch immer mehr Leute wollen eine und bald kommt Kal mit der Produktion seiner Kollektion in Paris nicht mehr nach. Dann versucht er es in London und auch da werden seinen Taschen der Renner.

Die Liebe hat Kal schließlich nach Catania verschlagen und hier schätzt er sich glücklich. Für ihn ist Italien und ganz besonders seine neue Heimatstadt der ideale Ort, um zu arbeiten. „Frankreich ist heute ein großes, verschlossenes Tor. Wer dort etwas umsetzen will, der rennt nur Schwierigkeiten und Bürokratie entgegen. Hier in Italien dagegen gibt es zwar immer die offiziellen Regeln, aber dann auch jemanden, der dir hilft, die Regeln offener zu interpretieren. Das Menschliche steht hier immer im Vordergrund. Nicht wie in Frankreich, wo die Regel die Regel ist, und basta“. Italien, so erzählt er begeistert, habe er alles zu verdanken. Was seinen italienischen Altersgenossen aber fehle, sei es, Initiative zu ergreifen. „Es reicht schon, dass man von jemandem sagen hört, dass es kompliziert ist, hier etwas aufzubauen. Die meisten versuchen erst gar nicht, eine Idee umzusetzen. Das Lamentieren und Kritisieren überwiegt vor dem Ausprobieren. Die Italiener sind zu pessimistisch und glauben, dass alle Tore für sie geschlossen sind – aber das ist nicht so. Ich habe hier meinen Traum verwirklichen können!“

Zwischen 18 und 250 Euro kosten seine Kreationen, denen er den Namen Ebano gegeben hat. Am besten verkaufen sich die Tragetaschen aus Autoschläuchen – Preis 45 bis 90 Euro. In Catania bieten schon vier Läden seine Waren zum Verkauf an. Auch nach Rom, Bologna, Locarno, Lugano, Modena und bald auch nach Spanien exportiert Kal seine Lederbeutel mittlerweile, während Italien immer zahlreicher seine eigene Jugend in die Welt exportiert.

Gustav Hofer

lebt und arbeitet als Journalist und Filmemacher in Rom, doch ein Koffer steht immer abreisefertig. Was er dort mag: die Schönheit der Stadt, das Licht, die Menschen. Was er vermisst: die frische Bergluft, die Mehrsprachigkeit und den Apfelstrudel seiner Mutti.
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