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Stolen Dance

Spontane Tänzchen, umgekehrter Mond und bewaffnete Patrouillen – das ist Kapstadt.

Wir brauchen gern einen Grund und einen Anlass zum Tanzen – meistens eine Party und viel Alkohol. Im Alltag bewegen wir uns nur moderat, ohne Hüfte- und Händeschwingen, und dabei könnte man sich auch nachmittags mal ein Tänzchen stehlen.

Ich ging hier in Kapstadt an einem Tag mit einem Mädchen von der Uni durch die Straßen der Stadt. Ich würde jetzt gern sagen, woher sie genau kommt, weiß es aber leider nicht mehr genau. Sie ist schwarz und ist Afrikanerin, das ist klar, aber wir beschränken uns doch auch nicht darauf, weiß und Europäer zu sein. Wir sind Italiener oder Schweden oder Rumänen oder Spanier. Hier kommen Leute aus Uganda oder Ghana oder Kenia oder Nigeria, und ich tu mich wahnsinnig schwer, das auseinanderzuhalten. Zum Glück geht das vielen anderen hier auch so, was die eigene Ignoranz zwar nicht weniger peinlich, aber doch etwas erträglicher macht.

Wir liefen also durch die Straßen und wollten uns ein Wasser kaufen, gingen deshalb in den nächsten Laden rein, holten uns zwei Flaschen aus dem Kühlschrank und wollten die an der Kasse bezahlen. Aus den Boxen tönte laut Beyoncé oder so was, und der Verkäufer hatte es gar nicht eilig mit dem Kassieren und tanzte lieber zur Musik. Ich drehte mich um, und hinter mir war meine Begleiterin auch schon brav am Hüfteschwingen. Die beiden tanzten aneinander ran, so lasziv und hemmungslos, wie wir es bestenfalls im Vollrausch machen. Auch ich solle mitmachen und mich mal bewegen, sagten sie, und umzingelten mich fast mit Arsch und Armen, aber ich wehrte ab. Nein, meinte ich, „I´m European. We don´t do that.” Ich hätte nichts dagegen, wenn wir so was auch täten, nachmittags beim Einkauf mal ein Tänzchen hinlegen zwischen zwei Fremden und mit kräftig Hüfteinsatz, aber ich kann das leider nicht so gut. Ich kann nachmittags in keinem Laden einen halben Lapdance hinlegen, bloß weil Beyoncé aus den Boxen dröhnt. Da bin ich prüde. Auf jeden Fall hatten die beiden da im Laden richtig Spaß, und wir wollten doch nur ein Wasser kaufen.

In Südafrika hat es jetzt so an die 30 Grad und der Sommer fängt gerade an. Umgekehrte Jahreszeiten. Auch das Wasser bei der Klospülung dreht sich anscheinend genau andersrum als bei uns, das ist so ein Galileo-Fact, selbst kontrolliert hab ich das noch nicht. Dass auch der Mond spiegelverkehrt leuchtet, musste mir auch erst jemand sagen.

Wir saßen auf einem Balkon in Camps Bay, eines der schönen Viertel in Kapstadt, die Sonne ging langsam unter und versank im Meer, und es ist immer dieselbe Geschichte, die man schon hundertmal gehört hat, die aber trotzdem nie langweilig wird. Leute kriegen scheinbar nie genug von Sonnenuntergängen. Keine Woche war es her, da musste ich mit jemandem schon den Tafelberg hochlaufen. Bei brütender Hitze ging´s los, nur damit wir schön zum Sonnenuntergang da oben waren und uns das Herz aufgehen konnte, als die Sonne, die Dramaqueen, mal wieder spektakulär auf Wiedersehen sagte.

Wir saßen also auf dem Balkon, bis es irgendwann mal dunkel war und man die Sterne sah, und irgendwann sagte jemand in der Runde, dass der Mond hier genau andersrum zu sehen sei als bei mir zu Hause, wegen nördlicher und südlicher Hemisphäre oder so ungefähr, das müsse doch ein seltsames Gefühl sein. Das war es wirklich, so hatte ich es noch nie betrachtet. Der Himmel ist für alle gleich, mag man immer glauben, aber als ich ihn da ansah und dachte, dass ihr ihn zu Hause genau andersrum seht, wurde mir erst mal klar, dass ich doch weit weg von allem bin.

Unten auf der Straße fuhren die Security-Autos vorbei. Sicherheitsmänner sitzen da an allen Ecken und lassen die Häuser nicht aus den Augen, an deren Fassaden dick und fett das Schild der Firma prangt, die in der Gegend hier für Ordnung sorgt. Als ein Auto in der Auffahrt des benachbarten Gebäudes anhielt, kamen nach fünf Minuten bereits zwei bewaffnete Männer angerannt. Was das denn hier soll, fragten sie, weil sie genau wüssten, dass die Besitzer des Hauses im Urlaub sind und kein Besuch angekündigt ist. Das Auto fuhr weiter und verließ die bestbewachte Gegend von Kapstadt Richtung Stadtzentrum, wo man am Straßenrand problemlos kurz mal halten kann.

Will man sich hier fortbewegen, kann man entweder viel Geld für ein normales Taxi zahlen oder ziemlich aufgeschmissen sein. Das Busnetz wird erst jetzt richtig ausgebaut und soll nächsten Monat starten, U-Bahn gibt es auch keine. Leute, die es sich leisten können, haben deshalb Autos. Der ärmere Teil der Bevölkerung dagegen fährt Mini-Busse. Die sind billig, und das hat auch einen Grund. Man muss sich die Fahrt mit ihnen so vorstellen: Man geht am Straßenrand entlang, dann hört man jemanden von Weitem schon pfeifen und schreien: „Cape Town! Cape Town!“ Die Stimme kommt vom Beifahrer eines Mini-Busses, der rasend durch die Straßen fährt. Wenn man mit ins Stadtzentrum will, macht man ein Handzeichen, der Minibus fährt ran, und man steigt in ein viel zu altes und demoliertes Fahrzeug ohne offizielles Taxischild mit viel zu vielen Leuten drinnen. Man zahlt sieben Rand (kein ganzer Euro), sucht sich einen Platz in der Menge, und es geht los. Der Beifahrer hält während der ganzen Fahrt den Kopf aus dem Fenster und pfeift und schreit und winkt neue Leute rein, angehalten wird überall, fixe Stopps gibt es nicht. Will jemand raus, ruft er es durch die Bank, bis es beim Fahrer ankommt, und im Eiltempo wird angehalten, wo auch immer, und schnell wieder weitergefahren. Die Musik dröhnt auf 180, die Fahrmanöver sind nicht besonders lustig, Ampeln und die gesetzlich vorgeschriebene Personenanzahl bloß Empfehlungen, an die man sich nicht halten muss.

Ansonsten kann man sich hier relativ einfach vom bei uns gängigen Gedanken verabschieden, dass es nichts geschenkt gibt in diesem harten Leben, dass man zuerst auf sich schauen muss, denn sonst tut es niemand, und all diesen Sachen. Ich tat mich noch in keiner Stadt einfacher, mit allem. Man steht an der Bushaltestelle, frisch angekommen, mit Koffer und Taschen, und es dauert nicht lang und jemand sagt: „Do you want a hand with that?“ Dann begleitet einen der freundliche Mensch, bis man dort angekommen ist, wo man hin soll, und auf dem Weg dorthin redet man über Dinge, wie man es bei uns sonst nur mit Freunden tut.

Als ich in den Anfangstagen mal zum Strand wollte, wusste ich nicht recht, wie ich dahin kommen sollte. Ich stand also in der Stadt mit Flip Flops und einem Handtuch. Vor mir ein Riesenhotel, fünf Sterne, livrierte Portiers am Eingangsbereich. Vor dem Gebäude stand ein Bus, der Shuttleservice der Nobelherberge, mit Zieladresse „Clifton Beach“. Da wollte ich hin. Das wär ja praktisch, dachte ich mir, und guckte einen Moment zu lang hin. Da kam schon einer der Angestellten vom Eingangsbereich zu mir, mit einem breiten Grinsen, Young lady, wo soll´s denn hingehen? Zum Strand, meinte ich, aber das Shuttle sei doch sicher bloß für Hausgäste. Das sehe man nicht so eng. Ich soll einsteigen, lachte er, Enjoy the Beach.

Ich musste mich erst daran gewöhnen, dass hier in jedem Geschäft und jeder Bar jeder erst mal fragt: „And how are you today?“, und wirklich eine ehrliche Antwort darauf erwartet. Dann sagt man wie es einem geht, kommt ins Reden, und wenn man Glück hat, sitzt man am nächsten Tag bei den Leuten zu Hause beim Grillen.

Als wir an jenem Abend auf dem Balkon saßen, etwas getrunken hatten und alles gut und in bester Ordnung war, fing es auch da mal an mit der Politik und der Geschichte und Apartheid. Das sei so lange her, sagten die Leute in der Runde, alle Südafrikaner Ende zwanzig, Weiße und Schwarze. Es interessiere sie nicht mehr. Natürlich, für die älteren Leute sei das noch ein Thema, aber für sie sei das vorbei. Sie wollten nicht mehr die Kämpfe ihrer Elten kämpfen, auch wenn man ihr Land immer noch zu gern darauf reduziert. „Let it go“, meinten sie. 20 Jahre sei das mittlerweile her, fast eine ganze Generation. Ich sagte, dass wir immer noch mit der Sache von neunzehnhundertirgendwas hadern, sind wir nun Italien oder nicht, dieselbe Frage, immer wieder. Das waren die alten Zeiten, meinte einer, hier wie dort, „it's all good now“ („all good“, alles gut, das hört man hier hundertmal am Tag), trank sein Bier, und die Sonne ging mal wieder unter.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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