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Start Wearing Purple

Viele Zufälle bringen uns am Ende dort hin, wo wir sind. Das muss wohl Schicksal sein.

Ich wollte mir jetzt irgendetwas aus den Fingern saugen, was man zum Thema Start Wearing Purple schreiben kann, aber das wäre nur peinlich geworden. Ich weiß dazu einfach nichts zu sagen, außer vielleicht: Tragt mehr Lila, Chuck Bass macht das auch. Weil auf den Songtitel also nicht weiter eingegangen wird, reden wir kurz über den Sänger, der hier über die Bühne springt: Eugene Hutz heißt der Mann, geboren in der Ukraine. 1986, mit vierzehn Jahren, musste er dann von dort verschwinden, wegen des Kernreaktorunfalls in Tschernobyl. Über Umwege kam er in die USA, wo er die Leute traf, mit denen er heute als Gogol Bordello um die Welt tourt. Wäre die Katastrophe nicht passiert, dann würde der Mann vermutlich, anstatt mit Anfang 40 über Festivalbühnen zu toben, Filme mit Madonna zu drehen und anscheinend den Spaß seines Lebens zu haben, weiterhin in seinem Dörfchen sitzen und Tag für Tag dasselbe tun. Wär das nicht schade? Und wird in zwanzig Jahren mal jemand sagen: Fukushima sei Dank?

Ich habe mal etwas über einen Mann geschrieben, der deutscher Botschafter war und seinen Lebensabend heute in Südtirol verbringt. Er wurde unter den Nazis von seinem Dörfchen vertrieben, mit Hab und Gut, Flucht über Stock und Stein, nur mit der Kleidung am Leib. Heute sagt er, dass er es fast als „Gnade des Schicksals“ empfunden hat, dass die Geschichte so gelaufen ist. Weil sie ihn vom fest eingeplanten Weg abgebracht hat, den er von alleine nie in Frage gestellt hätte; weil sie ihn auf einen anderen gezwungen hat, der sich im Rückblick aber als der bessere herausstellte. Aber braucht es wirklich Reaktorunfälle und Weltkriege, damit man aufgerüttelt wird aus seiner Lethargie? Manchmal vielleicht schon.

Der Mensch soll ja immer nur das Ergebnis seiner Umwelt und Umstände sein. Überlege mal: Wie viele Zufälle mussten mitspielen, damit du heute da sitzt, wo du sitzt? Wäre nur ein Punkt in der Biografie anders gelaufen, wo wäre man denn jetzt? Wohlstand soll ja träge machen. Stell dir vor, du wärst aufgrund prekärer Lebensumstände hierzulande mal gezwungen gewesen, ein paar Länder weiterzuziehen. Stell dir vor, du hättest den Job nicht vor der Haustür und auch ansonsten alles, was man braucht und sich wünscht vor der Nase. Stell dir vor, du hättest mal nichts zu verlieren gehabt.

Vielleicht würdest du jetzt mit nacktem Oberkörper vor feiernden Leuten singen und dir dabei Whiskey eingießen, anstatt vor dem PC zu sitzen und diese Kolumne zu lesen.
Da hast du ja noch mal Glück gehabt.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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One Song One Story

Geschichten liegen auf der Straße oder im Radio. One Song One Story – ein Liedtitel und viele Gedanken, die sich zur Geschichte zusammenfügen. 

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