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Stadt ohne Gott

Der liebe Gott hat’s nicht leicht in Berlin. Glaube, Liebe, Hoffnung – Teil 1

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Bild: Flickr, Leah Gregg

Als Benedikt XVI vor wenigen Jahren Berlin einen Besuch abstattete, da war die Stadt zugepflastert mit „Papst? Nein Danke!“-Graffitis und ähnlichen Aufklebern und Sprüchen. Wenn man hinter dem Alexanderplatz eines der vielen Berliner Bürgerämter betritt, dann weisen einem am Eingang zwei Pfeile den Weg. Kantine: da lang. Kirchenaustritte: da lang. Als letztens das Sturmtief Xaver auch über Berlin hinwegfegte, blies der Wind als erstes den schönen, großen Weihnachtsbaum vor Schloss Bellevue um. Bellevue ist der Sitz des Bundespräsidenten, der auch Pastor ist. Die halbe Stadt lachte darüber.

Der liebe Gott hat es nicht leicht in Berlin. Die Kirchenaustritte laufen wie am Fließband. Die meisten Berliner treten aus, weil sie dann weniger Steuern zahlen müssen, einige aus Überzeugung. Wenn man austritt, dann sitzt man in einem der Bürgerämter, in einem kalten, kahlen Raum, kein Pfarrer, der einen nach den Beweggründen des Austritts befragt, der einen umstimmen möchte, nur ein Beamter, der stumm die Wartemarke entgegennimmt, der einem stumm die Papiere aushändigt, der stumm abwartet, bis man sie ausgefüllt hat, stumm den Stempel drauf. Das war's.

Kirche? Der liebe Gott? Viele ältere Berliner haben zu viel erlebt, zu viele große, politische Spinnereien, um sich noch etwas erzählen zu lassen von großen Mächten, denen man blind vertrauen soll. Viele junge Berliner sind aus der Enge der Provinz geflohen, wo die Dreifaltigkeit aus Dorfmusikkapelle, Wiesenfest und Sonntagsgottesdienst den Takt vorgaben. Sie wollen sich in Berlin anders entfalten, haben sich Ersatzreligionen gesucht, sich dem Individualismus oder Hedonismus hingegeben. 

„Grüß Gott“, sagte ich als ich an einem meiner ersten Tage in Berlin das Besprechungszimmer eines  Uni-Professors betrat. Der kriegte sich vor Freude fast nicht mehr ein. „Dass ich das nochmal hören darf in dieser gottlosen Stadt!“, sagte er. Es brauchte nicht lange, bis ich merkte, dass in Berlin niemand „Grüß Gott“ sagt. Vorher hatte ich über die Bedeutung dieses an sich bedeutungslosen Grußes nie nachgedacht. Ich sagte das einfach so, weil man das in Südtirol einfach so sagt. Mittlerweile sage ich „Guten Tag“, was, wenn ich in Südtirol bin, ziemlich komisch, deutsch halt, klingt. Aber weniger komisch als wenn ich in Berlin „Grüß Gott“ sage, da denkt jeder immer gleich, ich wäre missionarisch unterwegs oder ich würde das aus Spaß sagen.

Das Christkind kennt hier in Berlin auch keiner. Hier regiert der Weihnachtsmann. Doch selbst der tut sich schwer, weil der ja angeblich von Coca Cola erfunden wurde. Es gibt viele Kirchengegner in Berlin und viele Kapitalismusgegner. Es gibt deshalb zum Beispiel alternative Weihnachtsmärkte, die sollen zwar Weihnachtsstimmung verbreiten, weil die ja doch schön ist irgendwie, sie sollen  aber nichts mit dem christlichen Weihnachten zu tun haben. Die heißen dann „Wintermärkte“ oder so ähnlich und sind eigentlich ganz nett, wenn man so etwas mag.

Es wird zum Beispiel auch viel geheiratet in Berlin, standesamtlich, weil man auch damit Steuern spart und weil Hochzeit feiern eigentlich ja doch was Schönes ist. Und Kinder werden mit Spreewasser getauft, mit dem Wasser des Flusses, der durch die Stadt fließt. Es werden neue Rituale erfunden, um die kirchlichen zu ersetzen. Das ist schön, aber trotzdem: Dieses ganze Hey-wir-leben-in-Berlin-wir-haben-doch-mit-so-etwas-Altmodischem-wie-Religion-nichts-mehr-am-Hut, das nervt manchmal sehr. Besonders nervt es, wenn auf Partys oder bei anderen Smalltalk-Gelegenheiten manche ach so Aufgeklärten so daherargumentieren, als ob gläubige Menschen nur nicht intelligent genug wären, um nichtgläubig zu sein.

Einmal, vor Jahren schon, war ich mit meinem Vater zu Ostern auf einem Gipfel am Gardasee. Wolkenloser Himmel, unten glitzerte das Wasser. Da standen wir – und mein Vater sagte: „Hier oben fühle ich mich dem lieben Gott viel näher als in der Kirche.“ Ich habe mit Religion nicht viel zu tun hier in Berlin. Religion gerät in den Hintergrund. Doch manchmal, wenn ich sonntags länger schlafe, dann wecken mich die Glocken einer Kirche, die ein paar Straßen weiter liegt. Noch im Halbschlaf erinnert mich das an meine Kindheit und Jugend, es ist sehr surreal mitten in Berlin plötzlich dieses Glockengebimmel zu hören. Es macht mich ein bisschen glücklich.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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Lenz, glaubst du an Gott?

Liebe/r bmgnrs,
zu privat, um anonym gestellt hier so direkt drauf zu antworten.
Liebe Grüße und frohe Weihnachten!
Lenz

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