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Sommertag

Über die steirische Mundart und emotionale Inkontinenz.

Den ersten Sommertag hatten wir dieses Jahr ja schon. Da kann man nicht meckern.

Neulich gab es einen Versprecher, der war lustig: Eine Freundin wollte jemandem emotionale Inkompetenz attestieren, und irgendwie wurde „emotionale Inkontinenz“ daraus. Ich weiß nicht, ob das eine neue Wortschöpfung ist, auf jeden Fall verdient sie aber mehr Beachtung. Endlich gibt es einen Namen für überbordende Gefühle und Gefühlslagen, in denen manche Mitmenschen die Welt ertränken. Gerade wenn Leute betrunken sind, klingt es früher oder später immer so oder so ähnlich: „Weißt du, ich bin ein Mensch, der …“ – und dann geht´s los. So fühlt man und so denkt man, und letztes Jahr ist die Katze gestorben, und das hat einen schon sehr geprägt.

Emotionale Inkontinenz wird durch Social Media leider sehr gefördert. In die Jahre gekommene Institutionen wie das deutsche öffentlich-rechtliche Fernsehen wollen da natürlich mitmachen und hip und nicht von gestern sein. Also stellen sie seit einiger Zeit sogenannte Social-Media-Experten ein, die wenig aufregende Talkshows aufpeppen sollen. Dabei liest eine Frau höchst kompetent Twitter-Meldungen und Facebook-Posts vor, mit denen sich ganz wiffe User zum TV-Thema äußern. Dann hört man beispielsweise, dass ein gewisser JohnFriedmann empört twittert: „Russland tritt die Demokratie mit Füßen.“ Antwort-Tweet von Richtung Ahrntal könnte dieser sein: „Nsöi.“ (Übersetzungsschritte von tiefstem Teldra Dialekt in die schöne Schriftsprache: Äsoi – Aso – Ach so.) Wir wissen jetzt also über JohnFriedmann, dass er sich vom TV nicht passiv berieseln lässt – nein, der Mann ist engagiert, der Mann ist dynamisch, der Second Screen ist sein Revier. Das ist natürlich löblich. Trotzdem stellt sich die Frage, warum gerade seine Meinung in einer ARD-Sendung vorgelesen wird. Da hätte ich ehrliches Interesse daran. Wer wählt die relevanten Meldungen aus, und nach welchen Kriterien? Ich habe wirklich keine Ahnung.

Dass Russland die Demokratie mit Füßen tritt, ist keine Meinung, die für Sprengstoff sorgt. Sowas liest man an diesen Tagen öfters. Vielleicht soll die Tatsache, dass ein einfacher Internetnutzer das auch so sieht, die Meinung demokratisch legitimieren. Vielleicht wollen die etablierten Journalisten einfach zeigen, dass unsere Meinung auch was zählt.

Als ich in zum ersten Mal in einer Redaktion arbeitete, bei einem Praktikum in Köln, bekam ich das kleine Einmaleins des Journalismus gelehrt. Ich glaube, ungefähr Punkt 2 war der, der besagte: Der Leser ist im Zweifelsfall erstmal dumm. Ich wollte in einem Artikel über den Forschungsstandort Österreich den Ausdruck „die steirische Mundart“ verwenden, aber das hielt man für zu anspruchsvoll, das könnte nicht verstanden werden. „Lesern muss man alles erklären“, sagte der Absolvent einer renommierten Journalistenschule, der meinen Text redigierte, und es klang, als rede er von einer Spezies der niederen Entwicklungsstufe. Er änderte die steirische Mundart dann um zur „Mundart der Menschen der Steiermark“, was ich nicht sehr elegant fand, aber ich war ja nur Praktikantin und deshalb still.

Deshalb muss es einen vermutlich freuen, wenn ARD und ZDF und andere Bastionen alteingesessenen Journalismus plötzlich Zustimmung bei uns, dem Pöbel, suchen. Wenn ein Martin Keßler zitiert wird, der auf der Facebook-Seite zur Sendung meint, dass Demokratie doch auch dann sein muss, wenn ein Volk über seine Zughörigkeit selbst entscheidet, dann ist das Putin und allen anderen natürlich auch egal. Trotzdem ist Demokratie auch dann, wenn ein Volk seine Meinung im TV mal vorgelesen bekommt, als ob sie kurz mal wichtig sei, und zumindest Herrn Keßler und JohnFriedmann hat das sich sicher sehr gefreut.

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