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Sexist? Ich doch nicht!

Darf man einer Frau noch die Autotür aufhalten? Oder ist das schon sexistisch? Unsere Autorin und unser Autor verschaffen sich in ihrer Doppel-Kolumne etwas Klarheit im Gender-Dschungel.

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Bild: Clem Onojeghuo

He says:
Ausgerechnet ich als Mann mache jetzt den Anfang. In einer Rubrik, die eigentlich als Dialog über die heiklen Themen zwischen weiblichem und männlichem Geschlecht gedacht wäre. Darf ich das überhaupt? Ist das nicht ein abermaliger Ausdruck von Präpotenz und Bevormundung?

Andererseits immer noch besser, als meiner Kollegin mit einem abgeschmackten „Ladies first!“ den Vortritt zu geben. Das wäre so 50er-Jahre, genauso überholt wie die Galanterie, einer Frau die Autotür aufzuhalten. Zugegeben, auch das habe ich selbst schon oft gemacht, natürlich nur mit den lautersten Absichten, und meistens ging es auch gut aus, meine Beifahrerin fasste es als Geste der Höflichkeit oder im besten Fall als charmante Aufmerksamkeit auf. Einmal aber ging es schief. Ich wurde wegen meines unbedarften Gentleman-Gehabes als regelrechter Sexist tituliert. Denn angeblich hätte ich mit dieser Geste der Frau ihre Selbstständigkeit abgesprochen, ich hätte sie auf subtile Art und Weise in ein symbolisches Abhängigkeitsverhältnis zu mir gesetzt.

Als Mann fühlt man sich in dieser Auflösung von Gut und Böse, im Verschwinden allgemeiner Verhaltensrichtlinien zutiefst verunsichert. Man(n) meint es ja gut. Aber wie macht man das auch angemessen sichtbar?

Die Argumentation ergibt für mich durchaus einen Sinn: Obwohl mir persönlich nichts ferner lag, als mich vor meinem Gegenüber als den starken Mann aufzuspielen, resultieren viele Kavaliersgesten tatsächlich aus einem antiquierten Frauenbild, das auf Schwäche und Abhängigkeit gründet. Das leuchtet mir ein. Die andere Wahrheit ist aber: Als Mann fühlt man sich in dieser Auflösung von Gut und Böse, im Verschwinden allgemeiner Verhaltensrichtlinien zutiefst verunsichert. Man(n) meint es ja gut. Aber wie macht man das auch angemessen sichtbar?

Vom Feminismus ist meiner Erfahrung nach leider nur wenig Hilfestellung zu erwarten. Es hagelt viel Kritik an sexistischen Verhaltensweisen, an verkehrten Rollenbildern und der symbolischen Fortsetzung des Patriarchats; aber handfeste Alternativen werden selten präsentiert. Vielleicht kannst du mir da weiterhelfen, Julia, gerade in Hinsicht auf das Beispiel mit der Autotür. Würdest du dich auch bevormundet fühlen?

She says:
Dass wir unsere Serie gleich mit einem so heiklen Thema wie Sexismus beginnen, könnte ordentlich in die Hose gehen. Es könnte aber auch positiv aufgefasst werden, wenn ein Mann sich endlich mal traut, zu fragen: Ab wann bin ich eigentlich sexistisch? Daher danke Teseo für die Möglichkeit, hier mit Missverständnissen aufzuräumen. Ich wage zu behaupten, dass die Überzeugung, Mann und Frau hätten dieselben Rechte, heute von den meisten Menschen geteilt wird. Das ist die Theorie. Aber wie erreichen wir diese Gleichberechtigung? Das ist die große Frage, an der sich die Meinungen spalten, da geht es plötzlich um jene praktischen Details, die Männer ratlos machen und Feministinnen als männerhassende Fanatikerinnen erscheinen lassen. Oft fallen Sätze wie: „Darf ich einer Frau nun nicht mal mehr ein Kompliment machen?“ Oder, wie in deinem Fall, Teseo: „Bin ich sexistisch, wenn ich einer Frau die Autotür aufhalte?“ Dazu eine kurze Anleitung.

Ich habe nichts dagegen, wenn in der Bar oder im Bus ein Mann ein freundliches Wort über meine „schönen Augen“ verliert. Allerdings gehören Komplimente zum Äußeren nicht in einen beruflichen Kontext, in dem Frauen für ihre Arbeit wahrgenommen werden möchten.

Es gibt bestimmte Verhaltensweisen, die nicht nur sexistisch, sondern einfach nur respektlos sind. An den Hintern grabschen etwa, oder Sprüche wie „geile Titten“ gehen natürlich gar nicht. Ich denke aber, dass jedem Mann mit Hausverstand diese Grenzen bewusst sind. Es gibt jedoch Komplimente und Gesten, die im Graubereich liegen, weil sie ja eigentlich nett gemeint sind. Und in diesen Fällen geht es vor allem um den Kontext. Ein Beispiel: Während eines journalistischen Praktikums war ich zu einer Kunsteröffnung mit dem Journalisten unterwegs, der mich einlernte. Der Künstler kam zum Interview zu uns, ich hielt das Mikrofon. Da sah mich der freundliche fünfzigjährige Mann an und sagte zu meinem männlichen Journalistenkollegen: „Ah, Sie haben aber eine hübsche Assistentin“. Der lachte und entgegnete: „Ja, da haben wir echt Glück.“ An sich hatte der Künstler etwas Nettes zu mir gesagt, und hatte es auch sicherlich nett gemeint. Für mich aber fühlte sich dieser Satz an wie ein Messerstich, denn ich wollte ernst genommen werden in meiner Ambition, Journalistin zu werden, und nicht als „hübsche Assistentin“ belächelt. Ich habe nichts dagegen, wenn in der Bar oder im Bus ein Mann ein freundliches Wort über meine „schönen Augen“ verliert. Allerdings gehören Komplimente zum Äußeren nicht in einen beruflichen Kontext, in dem Frauen für ihre Arbeit wahrgenommen werden möchten.

Falls das für dich als Mann noch schwer nachzuvollziehen ist, hilft vielleicht eine hypothetische Szene: Stell dir vor, du arbeitest hart an einem Projekt. Egal ob ein journalistischer Text, eine gute Note, oder eine sportliche Leistung. Du präsentierst dein Endresultat deiner Chefin oder auch deiner Schwester oder Freundin. Sie sieht es sich an und kommentiert es mit: „Heute siehst du aber gut aus, dein Hemd steht dir!“. Das war’s. Sie hat dich weder beschimpft noch negativ kritisiert, im Gegenteil, sie sagt etwas Nettes zu deinem Äußeren. Trotzdem dürfte sich der Kommentar wie eine Beleidung anfühlen, eine Nichtwürdigung deiner harten Arbeit. Genauso fühlt sich eine Frau, wenn sie in unangebrachten Situationen Komplimente erhält, die mit ihrem Äußeren, anstatt mit dem spezifischen Kontext zu tun haben. Also Männer, geht in Bars und flirtet, sprecht eine Frau an, wenn sie euch gefällt, und, mein Gott, haltet eurem Date auch mal die Türe auf. Reduziert eine Frau aber nicht auf ihr Äußeres, und nehmt sie zuerst in ihrer jeweiligen Position als geschätzte Angestellte, inspirierende Musikerin, offener Mensch oder faire Chefin wahr, anstatt in erster Linie als Frau. Dasselbe gilt natürlich auch im Umkehrschluss.
 

Die Autorin
Julia Tappeiner: Seit ihrer Zeit im patriarchalen Kasachstan eine überzeugte Feministin. Steht nichtsdestotrotz auf rasierte Achseln, hasst keine Männer und lässt sich von ihrem Freund auch mal einladen. Der nächste Aperitivo geht dann wieder auf sie.

Der Autor
Teseo La Marca: Progressiv mit Vorbehalten. Glühender Verfechter der echten Gleichberechtigung. Ärgert sich aber insgeheim, wenn er im Haushalt mehr machen muss als seine Freundin.

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He says, she says

Braucht es Feminismus heute eigentlich noch? Und warum liegt es so oft an Männern, den ersten Schritt zu machen? In He says, she says gehen unser Autor und unsere Autorin Fragen auf den Grund, die Mann und Frau sich schon immer stellen wollten.

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