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Sei flexibel!

Es gibt Worte, die kann man nicht mehr hören. Flexibilisierung ist so eines.

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Dieser Schwan verhält sich vorbildlich flexibel.

Bild: Flickr: stk86
Warum muss man sich als Jugendlicher von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten schleppen? Egal ob am Stammtisch oder im Uni-Hörsaal, die Antwort auf diese Frage ist immer dieselbe: „Weil man heutzutage flexibel sein muss.“ Flexibel sein heißt so viel wie: Sei auf alles vorbereitet, erfinde dich ständig neu und binde dich an nichts. Und alle halten sich brav daran. Wir wechseln Arbeitsplatz, Wohnort und Lebenspartner mittlerweile häufiger als die Telefonflatrate. Es stimmt zwar, dass Flexibilisierung für Abwechslung sorgt, neue Chancen ermöglicht und eine große Auswahl bietet. Doch genau diese riesige Auswahlmöglichkeit überfordert uns. Bei der Suche nach der passenden Studien- und Berufswahl fühle ich mich wie im Supermarkt - da stehe ich auch ratlos vor dem Kühlregal und weiß nicht, welches der 200 verschiedenen Joghurts das richtige für mich ist. Wir leben in einer paradoxen Zeit. Noch nie standen uns in der Ausbildung und im Berufsleben so viele Türen offen, doch noch nie fühlte sich eine Generation so orientierungslos. 
 
Die kleine Schwester der Flexibilisierung ist das lebenslange Lernen. Der Begriff lebenslanges Lernen" klingt so ausgeruht und beschaulich, bedeutet aber genau das Gegenteil dessen, was man damit verbindet, wie Frank Schirrmacher in seinem Buch „Ego“ feststellt. Wir verlernen das, an das wir gestern noch geglaubt haben und stellen uns in jeder freien Sekunde auf neue Marktgegebenheiten ein. Gelernt werden sowieso nur Inhalte, die später einen ökonomischen Nutzen versprechen.
 
Der Flexibilisierungswahn vereinnahmt alle Lebensbereiche. Früher hatten Politiker (und Wähler) ein Leben lang dieselbe Parteizugehörigkeit. Heute finden wir es normal, wenn eine Elena Artioli innerhalb von fünf Jahren dreimal die Partei wechselt. Loyalität ist keine Tugend mehr. Wozu sollte ich noch loyal zum Unternehmen sein, wenn es auf dem Stellenmarkt schon einen besseren Job gibt? Wozu braucht es noch Treue zum Partner, wenn im Datingportal schon ein vermeintlich besserer Liebhaber auf mich wartet? Flexibilisierung bedeutet auch: Optimiere dich ständig, sei nie zufrieden mit dem was du hast. 
 
Der Neoliberalismus – trotz Finanzkirse immer noch die vorherrschende Ideologie – gibt uns die Marschrichtung vor. Wichtig ist, dass du alles schaffen kannst, wenn du nur fest daran glaubst. Das Fernsehen zeigt es uns tagtäglich. Jeder kann Schauspieler, Sänger oder Millionär werden, wenn er bloß flexibel genug ist und den Regeln des freien Wettbewerbs gehorcht. Deine Täume gehen dann in Erfüllung. Wir sollten nicht vergessen, dass diese Träume so schnell zerplatzen wie eine Seifenblase.

Oliver Kainz

ist im Vinschgau daheim und in der Welt zu Hause. Er findet Politik faszinierend und ist jederzeit für einen „Watter" im Gasthaus bereit.
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