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Schöne Bescherung

Der Agenturchef lernt den neuen Landessekretär kennen – einen attraktiven, charmanten Mann – und muss ihn bekannt machen. Kein Problem für Jungmayer.

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Bild: Flickr, iz4aks
Drei Tage hatte Harry Jungmayer auf der Alm mit seinem neuen Freund Walter und einer unendlich sympathischen, braun-weiß gefleckten Linda und deren Freundinnen verbracht. In der Parteizentrale machte man sich schon Sorgen um den Verbleib des Agenturchefs. Dieser lag mittlerweile unglaublich entspannt in seinem Hotelbett und wunderte sich nur über den niedlichen Klang einer Hupe unten auf der Straße – und schlief weiter. Dann kam das Klingeln eines Handys dazu. Jungmayer grinste noch entspannter.
 
Er entschloss sich, doch einen Blick auf sein Handy zu werfen. „Unterarm Nummer" stand da. Er nahm das Gespräch an. „Hallo Süßer, hörst du mein Signal?" Er hörte zweimal Hupen und ging zum Fenster, blickte auf die Straße runter und sah ein eigenartiges Gefährt. Es war eines dieser italienischen halb-Auto-halb-Moped-Dinger mit drei Rädern. Umfunktioniert zu einer Art Rikscha. Mit weißen Reifen, weißen Ledersitzen  und viel Chrom. Am Steuer saß die Schwarzhaarige aus dem Landtag und winkte dem Agenturchef zu. „Wie wär's mit einer Spritzfahrt ins Blaue?", versuchte ihn die Dame zu überreden. Harry Jungmayer zögerte kurz und antwortete: „Na, des is jetzt a bissi ungelegen, machmer a andermal."
Die Nasenflügel unter den stahlblauen Augen der Dame hoben sich, weil sie stoßhaft unzufrieden ausatmete. Dann brauste die Ape davon.
 
Der schöne Landessekretär
 
Es wurde Zeit für den Agenturchef, sich langsam auf den Weg in die Zentrale zu machen. Als er dort entspannt und mit einem Grinsen einmarschierte, das nur jemand mit seinen Erfahrungen der vergangenen drei Tage haben konnte, war schon wieder alles anders. Der sonst so schwächlich wirkende große Vorsitzende hatte kurzerhand den jungen Burschen, den sie Landessekretär nannten, gefeuert weil er zweimal mit dem Kronprinzen der Schwammelpartei beim Kaffeetrinken gesehen worden war. Unter normalen Umständen wäre Jungmayer wohl verwundert gewesen. Im Moment grinste er nur.
 
Im Sitzungssaal lernte er den neuen Landessekretär kennen. Ein unbeschreiblich attraktiver Mann der alle in den Bann zog. Männer wie Frauen. Nie zuvor hatte der Agenturchef  ein menschliches Wesen mit solcher Schönheit, Grazie und Anmut getroffen. Außer vielleicht Linda, dachte Jungmayer in diesem Moment, was ihn noch entspannter grinsen ließ. In der Zwischenzeit gab der Schönling eine Einschätzung der aktuellen Lage von sich und der Agenturchef musste erkennen, dass sein Inneres dem Äußeren nicht ganz die Waage halten konnte.
 
Neu in der Runde war zudem eine Frau mit rostfarbenem Haar. Als Jungmayer sie ansah, war ihm so, als blicke er durch die Kamera einer 80er-Jahre US-Soap: Weichzeichner kaschierten all ihre Falten. Als sie zu sprechen begann, wünschte der Agenturchef sich Untertitel, weil er ihren harten Dialekt aus dem Osten des Landes nicht wirklich verstand. Erschwerend kam hinzu, dass die Frau wohl eine Social Media Hardcore Userin war und in kurzen, 140 Zeichen langen Sätzen, für den massiven Wahlkampfeinsatz von Twitter warb: „Unbedingtes Muss ist es, die Botschaften laufend an unsere F zu senden weil nur damit haben wir die Gewä., dass es zum Eff. kommt alle L auf S." Jungmayer nickte zustimmend mit den Worten „Hakuna Matata", wie er es von Walter unlängst gelernt hatte. Er versprach, eine eigene Online-Kampagne zu konzipieren und wisse auch schon, wie man einen volkstümlich viralen Effekt erreiche. Schließlich habe er zu dem Thema gerade eben ein Intensiv-Training absolviert.
 
Zwei Fliegen mit einer Klappe
 
„Alles gut und recht", sagte der Vorsitzende, aber es sei jetzt erst einmal wichtig, dem neuen Landessekretär eine Bühne zu geben und außerdem den sozialen Flügel zu festigen. Da Jungmayer sich nicht bei solchen Nebenschauplätzen aufhalten wollte und keinen Bock hatte auf „Randgruppen jenseits der Wahrnehmungsgrenze mit Not auf Sensibilisierungskampagnen“, dachte er kurz nach, bevor er sprach: „Ganz einfach, die zwei Dinge kriegen wir in einem Aufwisch unter. Habt's einen halbabtrünnigen Gewerkschafter?" Die ganze Runde nickte und nannte den einen oder anderen Namen. „Gut", sagte Jungmayer, „der muss a Südtiroler Sozialpartei gründen. Als Symbol sollen's a Schwamml dazunehmen. Und dann habmer sofort die Diskussion, wo jetzt die Arbeiter daham sind. Politisch meini. Hamm's des alle verstanden?"
Der Blick in die Runde brachte keine zufriedenstellende Antwort. „Das wäre aber praktisch a Konkurrenz", zeigte sich die blonde Protokolldame geschockt. „Ja und? So schnell geht des nit, dass die besser werden wie mir“, sagte Jungmayer und führte gemäß seiner Herkunft Schmäh. „Naaja", schob der Kronprinz dazwischen. Alle Anwesenden schauten ihn fragend an, er merkte, dasse er etwas vorlaut gewesen war und setzte sein Schäm-mich-Gesicht auf. Der Agenturchef riss die Sache wieder an sich: „Und im übrigen, wann wir's anstoßen habmer's auch im Griff." 
 
Der Schönling blickte etwas verdutzt, weil er seine Rolle in der Strategie nicht verstand und tat dies der Runde kund. Daraufhin erklärte ihm Jungmayer, dass es seiner natürlichen Ausstrahlung entsprach, wenn er sich über die ästhetischen Unzulänglichkeiten des Logos der neuen Partei über alle Medienkanäle erzürne. Der Vorsitzende begann die Strategie zu verstehen, lehnte sich zurück und richtete sich an die Runde: „Ich denke, Herr Jungmayer hat wieder einmal bewiesen, der richtige Griff zu sein. Vielleicht sollten wir unseren Plan doch noch einmal überdenken."
 
Der Agenturchef blickte einem nach dem anderen ins Gesicht. Aber alle schauten plötzlich teilnahmslos oder pfeifend an die Decke. Seit seinem Wochenende auf der Alm kam Jungmayer vor, er hätte einen weiteren Sinn dazu bekommen und spürte eigenartige Vibrations. Diese Bande werde ihm doch nicht eine lokale Agentur zur Seite stellen wollen? Dachte er spontan, ohne sich etwas anmerken zu lassen und grinste weiter. Einige Tage später berichteten die Medien von einer neuen Parteigründung. Das Theater begann.

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Hansi Klein

Hat keinen Bock mehr auf Tagesjournalismus. Nachdem er die Umtriebe der Schwammelpartei im Wahlkampfjahr beschrieben hat, widmet er sich jetzt dem neuen Chef im Land der Blauschürzen.
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Es ist Wahljahr und die Prognosen sind alles andere als rosig für die Großpartei. Da muss Hilfe her, koste es was es wolle. Der beste Wahlkämpfer aus dem Norden soll die Kohle aus dem Feuer holen: Harry Jungmayer, smarter Agenturchef mit dem Blick aufs Wesentliche. Lest auf BARFUSS Woche für Woche, wie es ihm erging im Land der Blauschürzen.

Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier um reine Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären rein zufällig. Beim Entstehen dieser Fortsetzungsgeschichte wurden keine Tiere verletzt.

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