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Sündhafte Versuchung

Nach einem Schicksalsschlag begeistert Carla ihre Gäste mit Eiskreationen.

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Bild: Gustav Hofer

Endlich wieder Sonne in der Hauptstadt! Auch in Rom war der Winter länger und der Frühling frischer als üblich. Aber jetzt steigen die Temperaturen, die Wolken haben sich verzogen und die Vernunft sollte mich in das Fitnessstudio treiben – denn bald beginnt ja auch die Strandsaison und man will ja nicht die ganzen Winterreste um die Hüfte am Strand mit sich rum schleppen. Wäre da nicht der Lustmensch in mir, der mich viel mehr zu Carla hin führt, einmal um die Ecke, gleich hinter meiner Straße, im Pigneto. Carla schenkt mir seit vier Jahren glückliche Momente, die sich manchmal täglich auch zweimal wiederholen können, je nach Laune. I Capricci di Carla ist die Eisdiele, die mein Herz höher schlagen lässt, jedes Mal wenn ich in den kleinen Laden meinen Fuß setze.

Die kokette Frau aus den Abruzzen hat schon als Kind verstanden, dass wahre Liebe durch den Magen geht und das Leben schöner ist, wenn man auch zu Tisch zu genießen weiß. Ihre Familie pflegt seit Generationen Olivenhaine und produziert Olivenöl, gutes Essen und die Liebe zu Desserts hat sie schon als Kind entdeckt. Die Liebe hat sie 1993 auch nach Rom gebracht, aber ein Schicksalsschlag hat ihrem Leben nach 15 Ehejahren eine Wendung auferzwungen. Ihr kleiner Sohn musste nun von ihr alleine versorgt, Miete und Rechnungen bezahlt werden. Eine Zeit lang fand sie einen Job bei der Post – mit Kurzzeitvertrag, aber schon bald verstand sie, dass das Leben in den stickigen und meist überfüllten römischen Postämtern nichts für sie war. Damals wagte sie den Sprung und folgte ihrem inneren Ruf danach, das zu machen, was sie immer schon leidenschaftlich tat: Eis aus Eigenproduktion, ganz nach ihrem Geschmack zu zaubern. Sie hätte auch eine Pizzeria aufmachen können oder sonst etwas, aber beim Eismachen – erzählt sie mit strahlenden Augen – könne sie ihrer Kreativität vollen Lauf lassen. 

In einigen Kursen verfeinerte sie das Know-how so, dass heute die Kühltheke ihrer Diele einem Delikatessenfenster gleicht. Allein beim Schokoladen-Sortiment gibt es fünf Variationen – von Orange bis hin zu Bitter-Valrhona Schoko. Die Nüsse und Feigen der gleichnamigen Köstlichkeit kommen aus Sorrent, die Ricotta ihres Ricotta-Birnen-Hits vom Bauern außerhalb Roms, das Obst ihrer Fruchtsorten, je nach Saison, ebenfalls direkt vom Feld in ihr Labor, einer kleinen Abstellkammer, direkt neben dem Tresen. Dort sieht man auch ab und zu ihren mittlerweile gewachsenen Sohn, der über die Latein- und Griechisch-Bücher den Kopf hängen lässt, während seine Mamma versucht, die ideale Mischung aus Zucker, Milch, Nuss und Schokolade für ihre Bacio-Sorte herauszufinden. Dabei verlässt sie sich nur auf ihren Gaumen – keine Waage oder vorgeschriebenen Rezepte sind genauer. Fünfzehn Stunden dauert ihr Arbeitstag im Schnitt und einen Ruhetag kennt sie nicht. Das müsse so sein, denn schließlich habe man ja jeden Tag Lust auf Eis.

Ob sie ihre Kreationen denn selbst noch genießen würde, frage ich. „Zwei Mal pro Tag gönne ich mir eine Eistüte – aber nicht immer mit Sahne“, sagt sie lächelnd. Ich betrachte ihre perfekte Figur und sage mir: Das Eis von Carla ist die wahre Alternative zum Fitnessstudio. Jetzt ist endlich Sommer.

Gustav Hofer

lebt und arbeitet als Journalist und Filmemacher in Rom, doch ein Koffer steht immer abreisefertig. Was er dort mag: die Schönheit der Stadt, das Licht, die Menschen. Was er vermisst: die frische Bergluft, die Mehrsprachigkeit und den Apfelstrudel seiner Mutti.
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