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Perfect Day

2014 fing richtig gut an. Aber nur nicht den kritischen Blick verlieren.

An diesem Montag war es beim ersten Blick aus dem Fenster wirklich so, als hätte das Jahr eben erst neu angefangen. Die Tage zuvor hatte es geschneit und geschneit und nicht mehr aufgehört, und als ob das nicht schon schön genug gewesen wäre, kam vorgestern am Feiertag auch noch die Sonne raus. Da wachte man auf, machte die Vorhänge auf, und die Gegend war weiß und der Himmel blau. Perfect day. Keine knappe Woche nach Neujahr kann man bereits sagen: 2014 fängt schon mal gut an.

Aufbruchstimmung wohin man guckt: Neue Landesregierung mit neuem Landeshauptmann, Massen an Neuschnee, neues Jahr, neues Glück. Es ist die Zeit, wo man noch daran glauben kann, dass man in den kommenden Wochen und Monaten klüger, besser und sportlich wird, dass man das Rauchen bleiben lässt und all die dummen Sachen.

2014 hat schon mal deshalb viel zu bieten, weil es im Sommer eine Fußball-Weltmeisterschaft gibt. Man kann zu Fußball stehen wie man will, die Tage während der großen Ereignisse sind immer gut. Menschen freuen sich, wenn ein Ball in ein Tornetz fällt – Glück kann so einfach sein. Gewinnt wer, wird gefeiert, und weil es bei jedem Spiel einen Sieger gibt, ist die große Feierei konstant vorprogrammiert. Irgendwo freut sich immer jemand.

Ich habe den Verdacht, ich sollte das ein wenig kritisch sehen. In den Medien gibt es regelmäßig Aufschreie, wenn es irgendwo allzu lustig wird, und gerade bei den sportlichen Großereignissen muss der kritische Journalist die Ekstase ablegen und das Denkergesicht aufsetzen. 2012 gab es schon die Forderung des Boykotts der Europameisterschaft in der Ukraine, aufgrund der Inhaftierung Julija Tymoschenkos, und auch das Vorgehen gegen herrenlose Hunde und Katzen im Rahmen der Vorbereitungen wurde kritisiert – bis man sich irgendwann ganz schlecht fühlte, wenn man beim Public Viewing unkritisch die Hände in die Luft warf.

„Ich sehe das schon auch kritisch und so“, ist eine dieser Floskeln, mit der man halbwegs heil durchs Leben kommt, oder zumindest durch Teile der (vor allem deutschen) Medienlandschaft, die gern alles auseinandernimmt, was von außen zu gut oder zu einfach scheint. Das Interview von ZDF-Moderatorin Marietta Slomka mit SPD-Parteichef Sigmar Gabriel, ausgestrahlt im November im heute-journal, warf die Frage auf, wie kritisch beziehungsweise naseweis Journalisten denn sein dürfen, bis es für alle peinlich wird. Im Gespräch der beiden geht es um den Mitglieder-Entscheid der SPD zum Koalitionsvertrag. Was wie eine gute Sache klingt (weil Basisdemokratie im allgemeinen Konsens sehr löblich ist), erscheint im Kontext der Interviewfragen wie eine sozialdemokratische Verschwörung zur Umgehung des Grundgesetzes. „Lassen Sie uns diesen Quatsch beenden“, sagt Gabriel sichtlich genervt, als nach vier Minuten immer noch auf demselben Standpunkt rumgequengelt wird.

Slomka und ZDF-Intendant Thomas Bellut sehen das Gespräch in der Retrospektive als kompetenten, kritischen Journalismus – nachfragen muss erlaubt sein, da ist man sich einig. Trotzdem erinnert das Ganze an den Umgang der Medien mit dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, dem von den vielen Dingen, die man Politikern an den Kopf werfen kann, seine Vorliebe für guten Wein zum Verhängnis wurde. Kein Glas unter fünf Euro, das sei doch ein Skandal! Bevor der Mann mit seinen Kaprizen die Nation ins Verderben stürzen konnte, war er in der öffentlichen Wahrnehmung eh schon abgekanzelt (ha!) – denn ein echter Sozialdemokrat gönnt sich nix.

Also müssen wir kritisch bleiben: Der viele Schnee begräbt Leute unter sich, wenn es schön warm ist muss das die Erderwärmung sein, und ein perfekter Tag ist nie perfekt, wenn man sich nur lang genug den Kopf darüber zerbricht. Dieses Denken verlangt zwar einiges an Arbeit ab, aber das kriegen wir schon hin. Das Jahr hat doch erst angefangen.

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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