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Palazzo rosa

Ein Botschaftsviertel als Miniaturwelt. Und Mittendrin: ein Stück Italien.

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Bild: Achim Raschka / CC-BY-SA-3.0

Der Berliner Tiergarten ist eine grüne Oase inmitten der Stadt. An seinem östlichen Ende steht das Brandenburger Tor. Links davon stehen der Reichstag und das Bundeskanzleramt. Im Westen der Zoo. In der Mitte des Parks steht die Siegessäule mit der Goldelse obendrauf, wie die Berliner die Figur der Viktoria liebevoll nennen. Im Süden windet sich das Botschaftsviertel am bewaldeten Park entlang. Dort kann man schön entlangspazieren. So ein Botschaftsviertel ist ja die ganze Welt im Kleinen: Da reiht sich Südafrika an Baden-Württemberg, daneben steht die Türkei und neben der Türkei steht Italien. Ein schöner hellrosafarbener Palazzo. 

Ich muss da manchmal hin. Ausweis erneuern, Pass erneuern – was man halt so machen muss. Im Heimatdorf in Südtirol ging man dafür auf die Gemeinde. Die Berliner mit deutscher Staatsbürgerschaft gehen dafür aufs Bürgeramt. Ich gehe in den hellrosafarbenen Palazzo. Ein Stück Italien mitten in Berlin. Eine lustige Mischung aus italienischem Chaos, Berliner Chaos und deutschem Ordnungssinn. Viele Italiener, die schon lange in Berlin leben, sind ja zumindest ein bisschen zu Berlinern geworden, zu Berlinerdeutschitalienern. 

Das sieht dann so aus: Die einen stellen sich brav in die Schlange, die anderen drängeln sich vor. Der eine beschwert sich, dass der Automat, an dem man eine Nummer ziehen soll, nicht funktioniert. Kinder schreien und laufen durch den Wartesaal. Einer blättert im Deutsch-Italienischen-Wörterbuch. Einer schlägt die „Gazzetta“ auf, der andere daneben das „Handelsblatt“. Die einen unterhalten sich auf Hochdeutsch, die anderen in irgendeinem süditalienischen Dialekt.  

Ich schaue auf meinen italienischen Pass. „Lenz Koppelstätter“ steht da drauf. Ein weniger italienisch klingender Namen ist wohl schwer zu finden. Ich erinnere mich an meine Zeit als Student in Bologna. Als ich bei den „Esami“, die hier in Deutschland „Klausuren“ heißen, nie aufgerufen wurde, weil das K in der Reihenfolge fehlte. Nach J geht es mit L weiter, wer hat schon einen Nachnamen, der mit K anfängt? 

Oder wenn ich dann doch einmal aufgerufen wurde: 

„Co, Co, Co ..., Cope ...“ 

„Qui professore, sono io, mi chiamo Koppelstätter.“

„Ah, Coppelstatter! Venga!“

Als ich in Bologna studierte, war mein Italienisch recht gut, mittlerweile ist es wieder ziemlich schlecht. Ich sitze der Botschaftsmitarbeiterin gegenüber, sie textet mich mit Fachitalienisch zu. Ich tue so, als würde ich alles verstehen, dabei verstehe ich nichts. Irgendwann merkt sie das dann doch. 

„Des isch überhaupts koi Problem“, sagt sie mit schwäbischem Akzent. „Dann mache wir ebbe auf Deutsch weiter.“

Ein Botschaftsviertel ist wie eine Miniaturwelt. Der Wartesaal der italienischen Botschaft in Berlin ist es auch. Da sitzen nebeneinander und warten: der Süditaliener, der in seiner neuen Heimat Berlin eine Marokkanerin kennengelernt hat, die er jetzt heiraten will. Die Erasmus-Studentin aus Mailand, deren Vater in Italien und deren Mutter in Hamburg lebt. Der Südtiroler, der sich gleich von der schwäbischen Halbitalienerin Fachbegriffe erklären lassen wird. Uns alle eint eines: Keiner von uns ist nur Italiener. Oder nur Deutscher. Keiner ist nur nur das eine oder nur das andere. Alle sind hier ein bisschen Ausländer und ein bisschen Inländer. Alle sind ein bisschen von allem. Die große Welt im Kleinen. 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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