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Operation Umschwingen

Mit einer gewagten Idee will unser Agenturchef einen Stimmungsumschwung beim Wähler herbeiführen. Ob die Parteigrößen da mitspielen?

Nachdem die erste große Runde, gelinde gesagt, in die Hose gegangen war, musste der Agenturchef nachlegen. Das war ihm mehr als klar. Beim Mittagessen, zu dem er sich in sein Hotel zurückgezogen hatte, dachte er eine Vorspeise und die ganze Hauptspeise lang über eine Lösung nach, kam aber auf keinen grünen Zweig. Jetzt bist am Arsch, dachte Jungmayer.
Doch dann tauchte plötzlich eine Eingebung in Gestalt einer jungen, unglaublich gut aussehenden Kellnerin auf. Als sie seinen Tisch abräumte und sich wieder entfernte, beobachtete er, wie die Bändchen der Schürze, die sie trug, sanft und rhythmisch auf ihren Hintern klopften.

Outfit? Oder frisch keins?

Die Nachspeise blieb mit der Kellnerin alleine zurück und er begab sich im Laufschritt auf sein Zimmer. Jungmayer schaltete seinen Laptop an, auf dem das Obstsymbol abgebildet war, aktivierte Skype und kontaktierte seinen Agenturpartner, der ihn mit den Worten: „Hi alles klar im Süden?“ antwortete.
„Na, no is gar nix klar, du musst mir schnellstens helfen. Wir brauchen ein Fotoshooting. Am besten wär die Kleine, die wir für den Solariumbank-Hersteller g'habt haben“, sagte der Agenturchef.
„Die mit den ...?“
„Genau die mit den ...“, fiel Jungmayer seinem Partner ins Wort.
„Ok ... Dachte zwar du macht's da Wahlkampf, aber alles Paletti. Outfit? Oder frisch keins?“
„Das ist jetzt der schwierige Teil. Pass auf. Die stehen hier voll auf so blaue Küchenschürzen. Das ist aber ein ganz besonderes Blau“, erklärte Jungmayer.
Am anderen Ende der Verbindung hörte man den Agenturpartner in die Tasten hauen. Er konsultierte einen Verwandten aus Übersee, den Onkel Goggel, wie er ihn zu nennen pflegte. Dann meldete er sich mit einem: „Ok, hab's gecheckt“ zurück.
„So ein Teil hat mein Vater mal aus seinem Südtirolurlaub mitgebracht“, fügte er wie selbstverständlich hinzu.
Jungmayer traute seinen Ohren nicht. „Was!? Du hast so was bei dir daheim?“ Als der Partner bejahte, hagelte es noch kurz Anweisungen und dann verabschiedeten sich die beiden und verabredeten sich für den Abend erneut.

Der Agenturchef briefte noch kurz den Texter für den Slogan und klappte dann zufrieden den Rechner zu. Er verschränkte beide Händen hinter den Kopf, lehnte sich zurück und sagte laut: „Na schau mer mal, ob die Burschen Eier haben und bereit sind für einen radikalen Stimmungswechsel.“
Da für den nächsten Tag bereits eine weitere Strategierunde angesagt war, beschloss Harry Jungmayer, sich zu den Mitgliedern der Runde schlau zu machen. Dass er dabei ein paar Mal mit der süßen Praktikantenstimme telefonierte, verbuchte er als angenehme Begleiterscheinung im harten Agenturalltag.

Als sich die Maisonne am Schlern nochmals kurz in Orangetönen zeigte, schwankte der Agenturchef für einen Moment: Ob vielleicht nicht doch eine Berglandschaft besser gewesen wäre? Aber dann kam wieder der abgebrühte Agenturchef mit ihm durch und er sagte entschlossen: „Wurscht, Hügel is Hügel!“

Die Stimmung soll kippen

Etwas später am Tag wartete Jungmayer gespannt auf das Outcome, das Ergebnis des Shootings. Und er wurde nicht enttäuscht. Die Vorschaubilder waren genauso wie er es sich vorgestellt hatte. Das Foto machte Eindruck und der Slogan passte wie angegossen. So zufrieden und entspannt wie jetzt hatte er sich inmitten diesem Bergvolk seit seiner Ankunft noch nie gefühlt.
Am nächsten Tag drückte er der Kellnerin vom Vorabend einen 20-Euro-Schein als Trinkgeld in die Hand und grinste sie mit den Worten an: „Danke für ihr Talent.“
Er behielt seinen Grinser bis zur Parteizentrale, wo er von einer Mitarbeiterin direkt in den großen Sitzungssaal begleitet wurde. Bisher war außer ihm noch keiner im Raum. Das war gut. So konnte er in aller Ruhe seine Präsentation vorbereiten und sich auf den nahen Erfolg freuen.

Als Erster kam an diesem Tag der große Vorsitzende mit einer ebenso großen Überraschung zur Tür herein. In aller Stille hatte die Parteispitze, de facto der Spitzenkandidat, beschlossen, einen Wahlkampfleiter zu bestellen. Und der hatte es in sich, weil hoch wahlkampferfahren. Er hatte mehrmals versucht, in den Landtag zu kommen. Und er war außerdem hochkreativ, weil er alle möglichen Umwegfinanzierungen fand. Das alles hatte ihm seine Praktikantin über sein Handfernsprechgerät verraten, bevor langsam der Rest der Truppe eintrudelte.

Jungmayer gefiel es überhaupt nicht, dass statt seiner Megapräsentation der Vorkampagne, bei der es um den wesentlichen Stimmungsumschwung ging, nun vorerst dieser Verbandsschnösel versuchte, Akzeptanz herbeizuschleimen. Dabei empfand es Jungmayer mehr als eigenartig, dass er zunächst munter über seine erfolgreiche und konsensorientierte Verbandsführung schwadronierte, um dann ganze 17 Mal zu wiederholen, wie neutral er sei. Der Agenturchef dachte vorerst, dass der Wahlkampfleiter Schweizer sei. Aber dann wurde ihm klar, dass es innerhalb der Partei tatsächlich zwei große Lager geben musste: jenes rund um das Oberschwammel und das andere rund um den Kronprinzen, dem jungen Spitzenkandidaten.

Die Stunde des Agenturchefs

Ein Problem, um das er sich dann auch noch kümmern werde, dachte der Agenturchef, als er endlich an der Reihe war und vortrat. Dann legte er los: „Meine Damen, meine Herren. Die Stimmung im Land ist nicht die beste. Es herrscht Frust in der Beziehung zwischen den Wählern und Ihrer Partei. Sie alle kennen das aus ihrer Ehe: Nach Jahren der Routine werden plötzlich kleine Fehler und Unstimmigkeiten als große Krise empfunden oder interpretiert.“
Blanke Zustimmung und fast schon demütige Betroffenheit erfüllten den Raum. Jungmayer wuchs regelrecht. „Was kittet aber dann die Beziehung? Denken Sie nach!“
„A G'schenkl mochen isch ollm gut!“ warf der Landesschef ein.
„Ja genau, wir könnten ein Gratisabo für Linkshänder einführen!“ Der Dandy war voll in seinem Element.
„Vergessen Sie das“, fuhr Jungmayer dazwischen, „eine zu kleine Zielgruppe und so knapp vor den Wahlen durchschaut das auch hier jeder.“

Der Agenturchef legte eine Kunstpause ein, das hatte die Situation aus seiner Sicht verdient. Dann schaltete er den Beamer ein und auf der Leinwand erschien in großen Buchstaben: PHASE 1 – VORKAMPAGNE: STIMMUNG UMSCHWINGEN.
Jungmayer ging zum nächsten Schritt über, auf der Wand stand: „Das Ziel – Distanz Wähler Partei verringern über die positive Grundstimmung gegenüber Südtirols im emotional erregenden Kontext.“
Die Teilnehmer der Runde schauten sich verdutzt an. Der Agenturchef genoss, was nun kam.
„Das Sujet, meine Damen, meine Herren!“
Auf der Leinwand erschienen die Brüste einer jungen Frau, die nur mit einer blauen Schürze bedeckt waren. Daneben stand der Slogan: LUST auf SÜDTIROL.

Grinsen machte sich über fast alle Gesichter breit. Und während die blonde Dame ihre Hände über den Kopf zusammenschlug, sprang der Dandy entzückt von seinem Stuhl auf und applaudierte. Er artikulierte seine Zustimmung, signalisierte Konsens für die strategische Relevanz der Kernidee in ihrer formvollendeten Ausführung sowie das interpretative Spektrum der Aussage und sagte in seinen unverwechselbaren persönlichen Worten: „Gail! Gail! Gail!"

 

 



 

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Hansi Klein

Hat keinen Bock mehr auf Tagesjournalismus. Nachdem er die Umtriebe der Schwammelpartei im Wahlkampfjahr beschrieben hat, widmet er sich jetzt dem neuen Chef im Land der Blauschürzen.
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Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier um reine Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären rein zufällig. Beim Entstehen dieser Fortsetzungsgeschichte wurden keine Tiere verletzt.

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