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Über Nippelblitzer und den Neid auf das erfüllte Sexleben der Stars.

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Bild: Screenshot Youtube

In diesem Video seht ihr Lindsay Lohans Nippel. Deshalb muss man auch sein Alter bestätigen, um es sehen zu können. Das ist immer so: Zeigt einen Nippel, und alle drehen durch. Sonst ist der Clip eher harmlos. Das einzig wirklich Pornöse daran ist Lindsay Lohan, denn sie sieht hier so gut aus wie noch nie, „more fuckable than ever“, wie ein User in den Kommentaren schreibt. Angefangen hat sie ja als süßer Disneystar mit Pausbäckchen und roten Haaren. Von dem ist nun nicht mehr viel übrig. Anscheinend lässt sich Naivität und kindliche Unschuld aus einem rausvögeln und rausfeiern, bis man irgendwann aussieht wie Keith Richards.

Lindsay Lohan hatte vor ein paar Jahren noch so ein Leben, das jeder mit ein bisschen Verstand und wenig Weitblick sofort getauscht hätte: Männer, Drogen, Geld und Partys – was will man mehr. Vor drei Wochen ist sie allerdings 27 geworden, was zur allgemeinen Sorge geführt hat, dass sie bald dem berühmten Club 27 beitreten wird – denn genug drogenaffine Stars haben genau in dem Alter das Zeitliche gesegnet: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Kurt Cobain, vor zwei Jahren Amy Winehouse.

Trotzdem muss man Lindsay Lohan für ihre öffentlichen Abstürze und Exzesse sehr dankbar sein. Skandalfreie Stars gibt es genug, was soll man von denen lernen? Was ist deren gesellschaftlicher Mehrwert? Keiner, will man sagen. Nur Skandalnudeln helfen unfreiwilligerweise auf den richtigen Weg, statuieren an sich selbst ein Exempel als Märtyrer des Nachtlebens. Wenn meine Kinder irgendwann zu mir sagen werden, warum sie nicht ständig feiern und Flatrate trinken dürfen, dann zeige ich ihnen dieses Video. Dann ist das Thema sicher erledigt.

Lindsay Lohan war, so sagt man, die Kurtisane Hollywoods, ihre Finger hatte sie an jedem Mann, und um ihr Sexualleben ranken sich wilde Legenden. Da werden natürlich alle neidisch, deren Vaginalvita eine schnell erzählte Geschichte ist, denen es an sagenhaften Eskapaden, seltsamen Sexspielchen und wahnsinnigen Orgasmen fehlt. Vermutlich ist das Bashing eines gefallenen Hollywood-Sternchens deshalb so beliebt - weil sich Schadenfreude immer proportional zu Neid und Bewunderung verhält: Wir gönnen den Fall immer denen mehr, die vorher hoch geflogen sind. Von unten aus den Überfliegern zuzusehen, macht den meisten wenig Spaß. Deshalb kultivieren Promis zunehmend gern das Mittelmaß: erzählen in allen Interviews, wie gern sie zu Hause Kuchen backen und wie zärtlich sie die Blumen gießen. Das verbindet, das macht menschlich und senkt den Neidfaktor. So sichert man sich Fans, deren Zuneigung die Währung in diesem Business ist. Niemand erzählt mehr, wie unglaublich das Leben zwischen Privatjet und VIP-Bereich ist, und welchen Luxus man sich mit Freuden leistet. Wir leben ja in einer Neidgesellschaft, da muss man aufpassen. Wir sind alle gleich, das scheint der neue Slogan.

Nur Karl Lagerfeld, der Gute, macht sich nie mit dem Volk gemein. Mittelmaß liege ihm nicht, und naturgetreue Abbildung der oft profanen Realität sei auch nicht seine Sache: Bei seinem Werk, sagt er, „handelt es sich immer um eine poetischere Version der Wirklichkeit.“ Denn: „Ich bin kein Urologe.“ Das ist schön gesagt. Auch das Video oben ist eine poetischere Version der Wirklichkeit. Auch wenn einer in den Topkommentaren schreibt: „Just a casual day for Lindsay.“

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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