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One Day

Wie wild muss ein Leben sein? Wie wild hättet ihr es denn gern?

„Schreiben wir Geschichten, die wir später gern erzählen", slammt Julia Engelmann hier, und wem da nicht ein klein wenig das Herz aufgeht, der hat vermutlich keins. Wir sind zu faul für große Taten, wir sind zu feige für große Geschichten – welcher Vorwurf uns hier auch immer gemacht wird, wir können ihn doch nicht von der Hand weisen, in der fest das Smartphone liegt. „YOLO!", rufen wir, und das Leben, das man ja only once lebt, dümpelt vor sich hin in mäßigem Exzess.

Diese Geschichte, die wir schreiben sollen, wer schreibt davon noch welche?

Wie viele Geschichten kennt ihr, die sich später mal groß erzählen lassen? Ich habe mich umgesehen und umgehört, ich habe nicht viel davon gefunden. Unsere Eltern haben mehr Idiotien auf dem Buckel, so scheint es, wir dagegen sind geprägt von Vernunft, und alle finden‘s geil. Früher hat man sich wenigstens noch ein bisschen geschämt, wenn man mit fünfundzwanzig nicht mehr vom Leben wollte als einen Bürojob von morgens um neun bis abends um fünf, oder den Geburtstag mit Tischgesprächen über den perfekten Backofen feierte. Aber dann kam irgendwann mal die Werbung mit dem süßen Kind, das später auch mal Spießer werden wollte, und plötzlich war der Traum von Festanstellung und Stepford-Haushalt hip.

Für eine gute Geschichte braucht es immer Mut und ein wenig Wahnsinn. Der ist rar gesät. Wir denken schon an der Uni an die Rente, wir zählen Versicherungsjahre und die Tage bis zum Wochenende, an dem wir uns dann mäßig gehen lassen, wir brauchen keine neue Liebe und kein neues Leben – denn so ist es doch so gemütlich. Nach Feierabend fläzt man sich noch vor den Fernseher und guckt Prominent! und anderen bei ihren Eskapaden zu, die für einen selbst ja doch nichts sind, und dann muss man dringend acht Stunden schlafen, denn man ist ja doch schon über zwanzig.

Vielleicht ist für viele Mut doch kein Anagramm aus Glück, wie es im Slam so schön heißt, sondern Glück das Produkt aus maximaler Sicherheit und minimalem Risiko. (Ich weiß nicht, was es über eine Generation aussagt, die nicht mehr vom Leben will als absolute Sicherheit, aber ich vermute mal, es kann nichts Gutes sein.)

Wollen wir dann doch mal was erleben, stellen wir uns Humanökonomen gleich unweigerlich die Frage, was denn das überhaupt bringen soll. Die Überlegung ist bei aller Zynik  doch berechtigt: Zahlt sich eine Geschichte auch mal aus? Welchen Nutzen hat sie denn, außer dass man die Enkel irgendwann beim Essen mit Storys aus seinem Leben unterhalten kann?

Für Kate Moss etwa hat es sich gelohnt, jeden nur erdenklichen Blödsinn gemacht zu haben. Letzte Woche wurde sie 40, und ist heute immer noch besser gebucht und bezahlt als die meisten ihrer wassertrinkenden und pilatespraktizierenden Kolleginnen, deren Haut vermutlich zwei Photoshop-Experten weniger braucht. Vielleicht, weil eine Werbung mit ihr mehr ist als Kleider an einem Körper, sondern ein Versprechen und die Ahnung, dass man diesem Hamsterrad der eigenen Existenz – essen, arbeiten, schlafen, sterben – doch irgendwie für eine Weile kurz entkommen kann, dass das Leben manchmal doch etwas größer und etwas lustiger ist. Vielleicht ist es das, warum Geschichten wichtig sind, aber ich weiß es mal wieder auch nicht so genau.

Vielleicht sind sie bloß schrecklich überbewertet von allen, die es nicht besser wissen, und später im Leben ärgert man sich über all die Idiotien, weil man dann zwar viele Geschichten, aber keinen Abschluss hat, oder so ähnlich, und alle, die klug und zielstrebig und vernünftig waren, haben es dann viel besser. Was weiß denn ich. Ich frag ja nur.

Wie wild muss ein Leben sein? Wie wild hättet ihr es denn gern?

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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Geschichten liegen auf der Straße oder im Radio. One Song One Story – ein Liedtitel und viele Gedanken, die sich zur Geschichte zusammenfügen. 

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