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Das war Weihnachten 2020

Nur keine Panik

Seit ihrer Kindheit liebt unsere Autorin Weihnachten über alles. Trotzdem musste sie das Fest heuer, wie viele andere auch, allein im Ausland verbringen.

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Bild: Алсу Ягудина/unsplash

Ich liebe den Winter, Vorfreude, Traditionen und Rituale, den Klang von Kirchenglocken und Chorgesängen. Ich liebe Kerzen, Kekse und heiße Tassen, und ich liebe es, andere zu beschenken und beschenkt zu werden. Solange ich denken kann, war Weihnachten für mich immer etwas ganz Großes. Unter Kindern ist das normal, aber meine Begeisterung für das Fest und die Wochen davor schwand nicht, als ich älter wurde. Wobei seine Begleiterscheinungen, wie Konsumrausch, Wegwerfkäufe, selbsterfundener Stress, und die nochmal klarer werdende Kluft zwischen Privilegierten und Benachteiligten, mich natürlich mittlerweile ankotzen.

Diese Begleiterscheinungen machen mein Weihnachten nicht aus. Und auch die Religion nicht. Mein Weihnachten ist trotz der Krippe unter dem Baum weltlich, niemand in meiner Familie übt den katholischen Glauben richtig aus. Ich war noch nie in der Mette, vor dem Festmahl wird nicht gebetet und so weiter. Da fällt mir ein, dass ich vor ein paar Jahren ausgerechnet in den Weihnachtsferien aus der Kirche ausgetreten bin, aber das nur am Rande.

Für mich bedeutet Weihnachten die Art von Gemütlichkeit und Geborgenheit, die in Skandinavien „hygge“ genannt wird. Und eine Art Sicherheit, die aus jährlichen Ritualen stammt, wie dem Kauf des Weihnachtsbaums beim immergleichen Händler, das Backen von zu vielen Keksen, die Diskussion darüber, ob wir schon wieder die Cornflakes-Schokoladetaler machen sollen – die mag außer mir schließlich niemand so richtig –, die sehr frühe Menüplanung für Heiligabend und den Christtag, die Karte von einer Kusine irgendeines Grades aus dem Salzburgerland, das Schmökern in „Bald kommt der Weihnachtsmann – Geschichten in Großdruckschrift“, dieser Wundertüte von einem Buch, das ich seit Grundschultagen habe. In Kindertagen kam noch das emsige Zeichnen von Bildern für die ganze Familie dazu, und das Wunschzettelschreiben natürlich auch. Der Dezember war herrlich – bis zu Heiligabend. Weihnachten war so gehypt, da konnte der Morgen vom 25. Dezember, wenn alles schon ausgepackt war und der Baum irgendwie fehl am Platz aussah, vor allem für Kinder nur etwas antiklimaktisch sein. Die kleine Postweihnachtsdepression relativiert sich mit dem Heranwachsen zum Glück etwas.

Weihnachten zuhause war die ultimative Gelegenheit, meine Wurzeln zu spüren und geliebte Menschen wiederzusehen.

In meiner Familie bin ich bestimmt die Einzige, die so ein „Gschiss“ um Weihnachten macht, aber das stört mich nicht. Das kommt auch daher, dass ich seit einigen Jahren viel Zeit im Ausland verbringe und Weihnachten zuhause für mich immer eine hochheilige (im weltlichen Sinn) Pause war, die ultimative Gelegenheit, meine Wurzeln zu spüren und geliebte Menschen wiederzusehen. Und außerdem kam so zur ganzen Aufregung auch noch eine Reise dazu, eh die spannendste Sache überhaupt! Besonders wenn es sich um eine zwanzigstündige Fahrt im Flixbus handelt. Sogar das liebe ich auf eine eigenartige Art und Weise. Leute in meinem Alter, die sich bewusst gegen ein Weihnachten zuhause mit der Familie entschieden, ohne sichtbares Drama als Grund vorweisen zu können, konnte ich nicht wirklich nachvollziehen. Obwohl das statistisch betrachtet nicht selten ist: Laut einer Studie des Mind-Instituts von 2016 sind wir Jahrtausender am meisten „gefährdet“, Weihnachten alleine zu verbringen.

Tja, und dann kam Corona. Ende September fuhr ich trotzdem für einen neuen Job nach Frankreich, wobei der Gedanke, dass ich es dieses Weihnachten vielleicht nicht nach Hause schaffe, falls diese zweite Welle kommt, schon da war. Tatsächlich fing ich in diesem verfluchten 2020 so früh konkret an Weihnachtsplanung zu denken, wie noch nie. Die zweite Welle kam und Regeln bezüglich Reisen, Selbstisolierung, Tests änderten sich mehrmals, teilweise von einer Minute auf die nächste. Dennoch stiegen die Ticketpreise. Es grauste mich richtig vor einer Reiseplanung, wo ein COVID-Test, das Abwarten der Ergebnisse, eine Isolierung bei der Ankunft und Rückkehr bedacht und koordiniert werden mussten. Mit zwei freien Wochen konnte sich das auch nicht wirklich ausgehen. Und dann war da noch der größte Faktor von allen: Unter keinen Umständen wollte ich es riskieren, meiner 67-jährigen Mutter und ihrer über Jahrzehnte herangereiften Raucherlunge diesen Virus ins Haus zu schleppen. Oder meiner Tante, oder meinem Vater, oder sonst jemandem.

Würde ich also an Weihnachten alleine vor einem Teller Nudel sitzen wie Kevin? Und was ist, wenn meine Mutter total deprimiert wird, weil das Nesthäkchen nicht nachhause kommt? Im November sprachen wir darüber und als Mama mir versicherte, sie verstünde und begrüße meine Absicht, hier zu bleiben sogar, war die Sache für mich klar. Falls ich wirklich durchdrehe oder sich die Situation plötzlich verbessert, könnte ich ja immer noch nach einem anderen Ausweg suchen.

Falls ich nur etwas traurig bin, würde ich versuchen, es relativ zu sehen: Am Ende handelt es sich nur um ein paar traurige Tage, das geht vorüber. In ein paar Monaten wäre ich sicher nicht mehr traurig darüber, sondern eher stolz darauf, und könnte mir sagen: „Schau doch, das hast du auch geschafft.“

Es grauste mich vor einer Reiseplanung, wo ein COVID-Test, das Abwarten der Ergebnisse und eine Isolierung bei Ankunft und Rückkehr kalkuliert werden mussten. 

Das hieß also: Keine Berge von hausgemachten Keksen, kein Baum von Erich, kein Glühweintrinken vor dem Fakie Shop am Vormittag des 24., kein Klassentreffen mit meinen Auslandsjahr-FreundInnen, das seit 2012 jedes Jahr stattgefunden hat. Aber ich würde es mir verdammt noch mal schön machen! Ein Plan musste her. Online stehen natürlich mehr als genug Tipps für so einen Plan bereit, die meisten sind recht offensichtlich („Lesen Sie einfach mal am helllichten Tag ein gutes Buch“), manche weniger („Wenn Sie gerne arbeiten, schämen Sie sich nicht dafür und schieben Sie extra Schichten), ein paar einzelne wenig inspirierend („Verwirren Sie Ihre Nachbarn und hängen Sie bizarre Gegenstände an einen Baum vor Ihrem Haus“).

Mein Weihnachten 2020 sollte ein Mix aus Gemütlichkeit, Ausruhen und Ehrenamt werden, das tut allen gut und bringt einen unter Leute. Glücklicherweise stellte sich die Vorfreude doch ein. Ich richtete einen sehr einfachen Adventskranz her, startete einen musikalischen Adventskalender aus Soundcloud, machte Nuss-Schokoladetaler für meine Mitbewohner und Kolleginnen, kaufte Geschenke auf dem Benefizflohmarkt des Katzenheims, wo ich ehrenamtlich arbeite, bestellte andere online und ließ sie nach Lana schicken. Ich freute mich zugegebenermaßen sogar auf den Luxus einer leeren WG. Und als ich am 22. Dezember bei einer Tafel am anderen Ende der Stadt aushalf, merkte ich auch wieder, in was für einer privilegierten Blase ich lebe. 

Soviel zur emotionalen und materiellen Vorbereitung. Als ich dann am frühen Abend nach Hause kam und sah, dass mein Mitbewohner einen Tag früher abgereist war als geplant, hatte ich so einen Moment: „In zwei Tagen ist Weihnachten“, dachte ich, „und du bist alleine“. Nur keine Panik. Am 23. Dezember stand ich viel in der Küche, sang mit Andrea Bocelli laut Weihnachtslieder, und bastelte einen Weihnachtsbaum aus Klorollen, der mit allerhand Gefundenem geschmückt wurde. Er machte sich gut neben meinem Adventskranz und meinen Streichholzschachtelkrippenfiguren. Dabei ist zu sagen, dass der Ochse leider abgängig ist.

Der Bescherung wurde ich live zugeschaltet: eine knapp zweistündige, harmonische WhatsApperei ohne Verbindungsstörungen.

An Heiligabend war ich tagsüber wieder bei der Tafel. Wir sollten an jenem Tag gerne großzügig beim Verteilen sein, hieß es. Ich schenkte einer älteren Frau eine Ananas, sie warf mir durch ihre Stoffmaske einen Kussmund zu und bekam feuchte Augen. Auf dem Nachhauseweg betrachtete ich die Beleuchtungen, die gerade angeknipst wurden, und schaute mir in der Kathedrale von Troyes noch die große Krippe an. Dabei wartete ich fast darauf, traurig zu werden, aber es geschah nicht. Etwas mürrisch wurde ich aber, als ich an der vollgepackten Fußgängerzone vorbeiging, wo am 24. Dezember nach 17 Uhr noch Leute mit Riesentüten aus H&M und Co. strömten. Hatten die letzten Monate wirklich so wenig Eindruck auf unser Verhalten gemacht? 

Als Weihnachtsbaum mussten heuer Klorollen herhalten.

Bild: Lisa Settari

Zuhause verbrachte ich erst eine gemütliche Stunde beim Verschicken von Weihnachtsgrüßen, im Hintergrund lief eine Nussknackerproduktion aus diesem Juli. Ja, anscheinend wird im Juli der Nussknacker aufgeführt. Dann gab es Zwiebelsuppe, Kastanienknödel mit Blaukraut und Birnen, und einen Spekulatius-Orange-Kokos-Käsekuchen zum Film „The Holiday“, der dank Kate Winslet, Jack Black und dem Charme der südenglischen Provinz unterhaltsam genug ist. Im Anschluss wurde ich der Bescherung zuhause live zugeschaltet: eine knapp zweistündige, harmonische WhatsApperei ohne Verbindungsstörungen. Einzig meine oft kühl-elegant wirkende große Schwester wurde dabei etwas emotional – auch ein Weihnachtswunder. Als ich ins Bett ging, fühlte ich mich wie immer an Heiligabend – in gleichem Maße zufrieden und überfressen und einfach nur todmüde. Wenigstens das bekam ich also auch alleine hin.

Am Weihnachtstag hatte ich eine Schicht im Katzenheim übernommen, um 8 Uhr hätte ich anfangen müssen. Leider war es bereits 8:06 Uhr, als ich die Augen öffnete, wofür ich ein Spekulatius-induziertes Zuckerkoma verantwortlich mache. Ich eilte durch die leeren Straßen und vorbei an einem Austernstand auf dem Kirchplatz zu den Katzen.

Nach meiner Schicht erzählte mir mein Vater am Telefon von seinem ersten Weihnachten alleine, als er etwas zwanzig war und in einer winzigen Wohnung unterm Dach in Kopenhagen wohnte. An Heiligabend beschloss er, seine steinalte Armbanduhr zu reparieren, um sich die Zeit zu vertreiben, Netflix war damals noch keine Option. Als alle winzigen Uhrenteile vor ihm auf dem Tisch lagen, stand mein Vater kurz von seinem Stuhl auf, und zog dabei aus Versehen die Tischdecke samt allem mit sich. Eine schöne Bescherung.

Ich durchlebte die Antiklimax, wie jedes Jahr.

Nach einer überraschend wohltuenden Portion Nichtstun rief ich am Nachmittag dieses 25. Dezember Irma an, eine dreiundneunzigjährige Dame, die aus dem Friaul stammt und seit sieben Jahrzehnten in Belgien lebt. Wir hatten während des ersten Lockdowns begonnen, regelmäßig im Rahmen eines Intergenerationenprojekts zu telefonieren. Auch sie hatte dieses Weihnachten alleine in ihrer Wohnung verbracht, getrennt von ihrem Sohn, ihren Enkel- und Urenkelkindern, um auf Nummer sicher zu gehen. Trotzdem war sie gut drauf. Mittags hatte sie sich eine Pizza in den Ofen geschoben und das Kochen mal sein lassen, sie hatte sich frei genommen, scherzte sie. Und die Messe des Papstes hatte sie im Fernsehen verfolgt.

Als es kurz nach 17 Uhr dunkel wurde, dachte ich kurz “Bäh, schon wieder Nacht”, und das Telefongespräch mit meinem nagelneuen Ex-Freund war zwar nett, aber versetzte mich nicht gerade in Höchststimmung. Der animierte Kurzfilm „Angelas Weihnachten“ half etwas. Beim Kochen hörte ich noch ein paar Weihnachtslieder, und stellte fest, dass „Merry Christmas Everyone“, sowie „Happy Xmas (War is Over)“ mich traurig-nostalgisch stimmten. Das lag aber eher an der oben genannten seltsamen Stimmung nach Heiligabend, als an den Liedern selbst. Ich durchlebte die Antiklimax, wie jedes Jahr.

Am Morgen des Stephanstags, als ich wieder unterwegs zum Katzenheim war, ertappte ich mich beim Gedanken, dass es jetzt auch wieder gut sei mit den Lichtern und insbesondere den Lautsprechern auf den Straßen, aus denen nonstop Kitsch dröhnte. Der Advent und Weihnachten waren schön gewesen wie immer, aber ich war bereit, zur Normalität zurückzukehren. Gerne auch bald wieder zu einer richtigen Normalität. In diesen Tagen beginnen die COVID-Impfungen in Europa, immerhin. So habe ich also mein erstes Weihnachten alleine und weg von zuhause verbracht. Wie ich feststellen konnte, bin ich offenbar flexibler und belastbarer, als gedacht. Und das ist wiederum ein guter Ausgangspunkt für Neujahrsvorsätze – und für die nächste Challenge, die ansteht: Silvester allein zu Haus.

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