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No Surprises

Ist alles gut, solang es nur beim Alten bleibt?

Früher hat man sich auf Überraschungen ja gefreut, so hab ich das zumindest in Erinnerung. Da kaufte man mehr von den Schoko-Überraschungseiern, als man essen konnte, nur weil niemand wusste, was denn drin war in jedem siebten Ei. Und wir wollten es so gerne wissen. Wir waren schrecklich neugierig. Heute sind wir erwachsen, mehr oder weniger, und ausgefuchste PR-Strategen haben längst verstanden, dass Ungewissheit für uns nichts Gutes mehr ist.

Die Tiroler Wahlkampagne der ÖVP im letzten Frühjahr setzte fast einzig und allein auf den Faktor Sicherheit: „Tirol muss regierbar bleiben“, las man da auf den Plakaten, „Volkspartei oder Chaos“ – nur über Inhalte verlor man kein Wort. Wichtig war nur das Versprechen, dass mit der Partei alles in gewohnten Bahnen weitergeht. Kein Chaos, keine Überraschungen. Alles ist gut, wenn es beim Alten bleibt.

Auch Südtirol ist größtenteils überraschungsfreie Zone. Wir haben denselben Landeshauptmann seit fast einem Vierteljahrhundert, die Berge bewegen sich eh nie vom Fleck, und der Nachrichtensender unseres Vertrauens macht einen glauben, seit Anbeginn des Südtiroler Fernsehzeitalters sei kein Tag vergangen. Hier grüßt im selben Layout täglich um acht das Murmeltier – ein Hort der Hoffnung und Beständigkeit. In dieser Gemütlichkeit haben wir uns es bequem gemacht.

Auch im Alltag entscheiden wir uns gern grundsätzlich erst mal für den Status quo – egal, welcher dieser ist: Man bleibt am selben Ort, obwohl er einem bis hier steht und die Welt da draußen wartet, man kündigt nicht den Job, obwohl der Weg zur Arbeit jeden Tag ein Kreuzgang ist, man bleibt in Beziehungen, auf die beide schon keine Lust mehr haben. Vermutlich sind diese Beispiele nicht die Regel, aber die Tendenz mag ersichtlich sein: Bevor man den alten Weg verlässt, geht man lieber auf Nummer sicher. Da weiß man, was man hat.

Für Sicherheit nehmen wir einiges in Kauf. Denn was kommt sonst auf einen zu? So ist es ein Elend, aber wenigstens immer dasselbe. Wenig ist furchtbar, wenn man von vorherein damit rechnen kann. Dass man jeden Tag abends von derselben Depression geplagt wird, ist in seiner Verlässlichkeit fast schon tröstlich. Der Joker erklärt Batman das Dilemma: „Es gibt keine Panik, wenn die Dinge vorhersehbar sind – sogar wenn die Dinge grauenvoll sind.“

Angekündigte Katastrophen machen uns wenig Angst. Positive Überraschungen sind da schon gefährlicher.

(Die Moral von der Geschicht‘, weiß ich leider selber nicht. Lass dich überraschen, vielleicht?)

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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