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No Hobby!

Warum man sich mit Anfang 30 eine Freizeitbeschäftigung suchen sollte.

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Bild: Flickr, Travis Modisette

Früher, in der Grundschule, gab es so ein Büchlein. Das ließ man unter den Schulfreunden herumgehen (Streber gaben es auch den Lehrern) und jeder musste die Fragen, die darin standen, beantworten. Da standen Fragen wie: Was ist deine Lieblingsfarbe? Was möchtest du später werden? Was sind deine Hobbys? Bei Was sind deine Hobbys stand meistens so etwas wie Lesen, Fernsehen, Eis essen, Mit Freunden treffen.

Letztens hielt ich eines dieser Büchlein wieder in den Händen. Ich blätterte darin. Ich überlegte, was ich zu welcher Frage schreiben würde. Lieblingsfarbe? Egal. Später werden? Glücklicher, alter Mann. Hobbys? Mir fiel nichts ein. Klar, Lesen, Fernsehen, mit Freunden treffen. Das macht doch jeder, aber das sind keine echten Hobbys. Ich dachte nach. Ich hatte keins. Ich dachte weiter nach. Ich kenne hier in Berlin – das ist die Stadt, in der ich lebe –  auch keine Freunde, die welche haben. Mir ließ das keine Ruhe mehr. Ich überlegte, warum das so ist. Haben wir zu wenig Zeit dafür? Morgens zur Arbeit, abends nach Hause, kaputt, keine Lust mehr auf irgendwas. Ein paar Seiten lesen, mit dem Buch auf der Brust einschlafen. Ein bisschen Blöd-Fernsehen-zappen. Und am nächsten Tag das Gleiche. Und am übernächsten Tag auch.

Aber das konnte natürlich nicht der Grund dafür sein, kein Hobby zu haben. Zeit hat man immer, wenn man sie sich nimmt. Es war etwas anderes. Wir definierten uns alle zu sehr über unsere Arbeit. Wir, meine Freunde und ich, die wir in Berlin leben, arbeiten alle mehr oder weniger in der gleichen Branche. Irgendwas mit Medien. Irgendwas mit Politik. Wir treffen Menschen, die auch irgendwas mit Medien oder Politik machen. Niemand geht einfach acht Stunden ins Büro, jeder arbeitet an irgendwelchen Projekten, versucht, sich über die Arbeit selbst zu verwirklichen, sucht Selbstbestätigung.

Das ist schön. Das ist gut. Aber das ist nicht alles. Das kann nicht alles sein. Es muss mehr geben im Leben als aufstehen, bei der Arbeit versuchen, sich selbst zu verwirklichen, Nahrung zu sich nehmen, schlafen. Der Mensch braucht Hobbys! Etwas, das er nur für sich tut. Das ihm, für sich ganz alleine, Freude bereitet. Es gibt so viele schöne Hobbys. Ich überlege: Briefmarkensammeln. Fischen. Rennradfahren. Autogramme jagen. Malen. Gärtnern. Aber das ist alles nix für mich. Ein Freund erzählt mir, er gehe boxen. Seit einem halben Jahr. Er sieht nicht aus wie ein Boxer. Er sieht ganz normal aus. Zufrieden. Probier es aus, sagte er. Er klang überzeugend. Ich mag Boxen. Ich beschließe, boxen zu gehen. Boxen soll mein neues Hobby werden. Schlafen, aufstehen, arbeiten gehen, sich ernähren, boxen, die Wunden lecken, schlafen gehen. Das ist doch ein Plan.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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Auch schon 30

Ab wann ist man eigentlich erwachsen? Wenn man mitternachts müde wird? Wenn einen 17-jährige Mädchen siezen? Wenn einen ständig die Sehnsucht packt, nach der Provinz, aus der man mal geflohen ist? Wenn alle um einen herum Kinder kriegen? Wenn man sich manchmal denkt: Scheiß doch auf alles, ich haue jetzt einfach ab! Unser Kolumnist Lenz Koppelstätter berichtet über die Tücken des Ü-30-Alltags.

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Ba miar wors olm schu sou, dass i ban feld "hobbys" tonzn gschriebm hon und i konns haint sogor als nebenjob oungebm! I gib hip hop kurse in südtirol, wor in london und rom zum tonzn. Sobold i bisl fraizait hon tonz i und bin froah dribr, dass i mainen kindheitstraum haintzutog lebm terf :-P alsk it olle hobm kuane pläne odr kuane hobbys;-)

Dieser Artikel, wie viele andere auch hier auf barfuss.it, spiegelt perfekt die 'Generation Jammerlappen' wieder. Neulich der Artikel über Stress, jetzt dieser. Leute, vom Jammern wird eure Sitation auch nicht besser. Sucht euch lieber euer Hobby, als darüber zu jammern und zu schreiben, dass ihr keines habt.

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