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No Generation

Warum man mit Anfang 30 nicht mehr Teil einer Jugendbewegung sein will.

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Bild: Flickr, xflickrx

Als Jugendlicher hat man sich allenthalben gefragt, welcher Generation man wohl angehört. Man war froh, mit dem Krieg nix zu tun gehabt zu haben. Man fragte mal nach bei den Großeltern, wie das so gewesen ist, aber die Antwort war Schweigen – oder gab kaum Aufschluss. Auch egal. Man war sich ja ganz, ganz sicher, dass es so etwas wie Krieg eh nie wieder geben würde. 

Ein naiver, schöner Gedanke. 

Man war auch ein bisschen enttäuscht, dass es in der eigenen Jugend, die man soeben lebte, nicht so wild zuging, wie es in der Generation der eigenen Eltern wohl zugegangen sein musste (zumindest erzählten einem das alle). Die Achtundsechziger und ihre Rebellion. Und was jetzt? Was ist mit uns, fragte man sich also. Wer sind wir? 

Eine Zeit lang dachte man, vielleicht sind wir die Generation, die das Ende der Geschichte erlebt: Kalter Krieg zu Ende, Mauer gefallen – jetzt werden wir alle demokratisch, die ganze Welt, und dann leben wir so bis in alle Ewigkeit. 

Was für ein naiver, schöner Gedanke. 

Eine Zeit lang dachte man, wir sind die Generation der Globalisierungsgegner, die, die gegen den Ausverkauf der Identitäten sind, die, die gegen die Macht der Konzerne sind. Eine Zeit lang dachte man indes, man sei einfach die Generation Techno. Ein paar waren es vielleicht sogar. Ich war ein bisschen Generation Britpop. Oasis gegen Blur. Und ein bisschen Generation Tocotronic, die gesungen haben, und wir haben es alle mitgesungen: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein. Ich möchte mich auf euch verlassen können. Und jede unserer Handbewegungen hat einen besonderen Sinn. Weil wir eine Bewegung sind.

Ganz lange dachte man, da war man sich sicher, man sei die Generation 9/11. Dann bildete man sich eine Zeit lang ein, man sei die Generation Wirtschaftskrise. Dann die Generation Praktikum. Oder beides gleichzeitig. Heute denken wir, wir sind die Generation Digital. Und gleichzeitig die Generation, die ihre Privatsphäre verscherbelt hat. 

Irgendwann wird es uns ein schlauer Soziologe oder Historiker schon sagen, was für eine Generation wir waren. Dann werden wir unseren Enkeln davon erzählen, wie das war damals, entweder werden wir von den Straßenschlachten von Genua erzählen oder von der Loveparade in Berlin oder von jenem legendären Blur-Konzert in Nonantola bei Bologna, in jenem kleinen Club, tausend Zuschauer vielleicht – und dann holte Damon Albarn einen ganzen Gospelchor auf die kleine Bühne und alle zusammen sangen wir davon, wie zart die Nacht doch ist. Oh why. Oh my. 

Oder wir erzählen ihnen vom 11. September – davon, wo wir da waren. Ich war da beim Frisör. Zuerst trank ich noch einen Espresso in der Bar am Dorfplatz. Ich wusste noch von nichts. Die anderen um mich herum wussten schon alles. Ich rauchte drei Diana. Alle um mich herum redeten davon. Boah! Wow! Zach! Ich verstand nicht, wovon sie redeten. Ich dachte, sie redeten von einem Action-Film, der tags zuvor vielleicht auf SAT.1 oder so gelaufen war. Ich hatte ja kein Satelliten-TV, konnte ihn also nicht gesehen haben. 

Erst beim Frisör dann erfuhr ich es auch. Ich hörte es im Radio. Da kam ich mir dann kurz hilflos vor, ich dachte, ich müsste jetzt sofort etwas tun, ich studierte ja gerade Politik. Ich hätte ja wissen müssen, was jetzt zu tun ist. Aber ich ging nur nach Hause, machte den Fernseher an, schaute lange immer wieder auf die gleichen Bilder und ging dann schlafen. 

Wir werden unseren Enkeln also von Konzerten erzählen, von anderen Großereignissen, vom 11. September und vielleicht auch von der Wirtschaftskrise. Wir werden ein bisschen jammern, dass wir damals keinen Job bekommen haben – oder wir erzählen ihnen, dass es früher mal Privatsphäre gab und ganz früher noch nicht einmal Handys. Und sie werden uns zuhören und sich denken, wow, was für Zeiten. Gut erzählt klingt alles halt noch viel aufregender als tatsächlich erlebt. 

Wahrscheinlich sind wir gar keine Generation. Heute, mit Anfang 30 ist mir das egal. Man will nicht mehr Teil einer Jugendbewegung sein, das würde ja komisch aussehen, und es ist einem auch wurscht, eventuell nie Teil einer gewesen zu sein. Man will auch nicht mehr Rockstar sein. Man versucht es nicht einmal mehr. Früher wollte man es unbedingt, aber es schien einem so weit weg. Ein Rockstar aus Südtirol, das würde doch nie gehen, dachte man sich. Die kommen doch alle aus England oder aus den USA. Der Traum war unerreichbar, aber trotzdem träumte man ihn. 

Es war ein schöner, naiver Traum.

Aber heute, mit Anfang 30? Ich gehe morgens aus dem Haus, habe eine To-do-Liste, die immer länger wird anstatt kürzer, ich will die Welt nicht mehr retten, nicht mal ein bisschen, ich will einfach nur diese Liste abarbeiten, funktionieren, den nächsten Tag überstehen. Früher als Jugendlicher, sehnte man sich danach, Teil von etwas Größerem zu sein. Heute will man das nicht mehr. Heute will man nur, dass die Tage bis zum nächsten Kurzurlaub in Ägypten endlich vorübergehen. 

Heute denkt man, man kann eh nichts machen, man kann die Welt nicht verändern, man ist ja nur ein einzelner kleiner Mensch von sieben Milliarden, die gerade leben, von über hundert Milliarden, die bereits gelebt haben. 

Man kann eh nichts machen. Was für ein hässlicher, naiver Gedanke.

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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