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Nazifreie Zone

Berliner Alltag ohne Fremdenfeindlichkeit – oder ist das alles nur ein schöner Schein?

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Bild: Flickr/Symmetry mind

 
Ich lebe (mit Unterbrechungen) seit fast zehn Jahren in dieser Stadt, ich bin in der Zeit nur einmal Nazis begegnet, die wollten auf der Straße bei mir um die Ecke aufmarschieren, Tausende Berliner haben sich ihnen entgegengestellt, der Marsch wurde abgebrochen. Keine Nazis, keine Stammtischparolen, kein Fremdenhass.
Man ist ja ein bisschen auch davor geflohen: vor dem Alltagsrassismus, der einen eine Jugend lang begleitet hat. Man ist geflohen vor der ständigen Frage an sich selbst: Soll man da jetzt was sagen, wenn einer über Ausländer schimpft? Soll man es einfach wieder mal überhören? Der eine, der das gesagt hat, der ist doch eigentlich ganz in Ordnung, mit dem ist man doch zur Schule gegangen, der meint das ja nicht so, der denkt halt nicht nach, sonst würde er so etwas ja nicht sagen ...
 
Berlin (zumindest der Teil davon, der in den Reiseführern steht) ist eine Traumwelt, scheinbar alles schön, friedlich, multikulturell, doch an den Rändern, in den Ritzen, da brodelt die Wirklichkeit.
Bezirk Marzahn-Hellersdorf, ein Stadtteil ganz im Osten, Plattenbauten, hohe Arbeitslosigkeit (ein Teil der Stadt, der in keinem Reiseführer steht). Vor einigen Tagen wurde dort eine ehemalige Schule zu einem Flüchtlingsheim umfunktioniert, für 200 Menschen aus Syrien und Afghanistan. Die NDP ging auf die Straße, auch einige Anwohner. Einer hob die Hand zum Hitlergruß. Verdrängte Bilder kamen hoch, die Bilder von Rostock-Lichtenhagen, wo vor über zwanzig Jahren Rechtsradikale einen von Vietnamesen bewohnten Plattenbau in Brand streckten. Der Mob stand daneben und applaudierte. Ein Foto ging um die Welt: Ein Mann in Badelatschen, Deutschland-Trikot, vollgepisste Jogginghose, hochgestreckter rechter Arm.
 
Wie kann das nur sein, dieser Fremdenhass in Marzahn-Hellersdorf, fragen sich nun jene erschrockenen Berliner, die in den Reiseführer-Stadtteilen weit genug davon weg leben, um nur aus der Abendschau davon mitzubekommen. Wie kann das nur sein, frage ich mich, dass die Politiker dieser Stadt keine intelligentere Lösung parat haben, als 200 Flüchtlinge einfach am heruntergekommenen Stadtrand abzuliefern, wo die soziale Unterschicht genug Probleme mit sich selbst hat. Aus den Augen, aus dem Sinn.
 
Letztens mit zwei Freunden auf einer Dachterrasse irgendwo inmitten unserer Reiseführer-Scheinwelt. Sonnenuntergang. Eine Runde Hugo, noch eine. Man erzählt sich von der Heimat, auch meine zwei Freunde kommen aus der Provinz, aus einer anderen Provinz, fast jeder kommt aus der Provinz, das vergesse ich nur manchmal, weil viele es so sehr zu verstecken versuchen. Ich erzähle vom Alltagsrassismus und vom ständigen Weghören. Sie nicken. Sagen, dass sie das auch kennen. Sagen, das sei wohl überall so. Ich ertappe mich dabei, kurz Erleichterung zu verspüren, dass es wohl überall so ist, nicht nur da, wo ich aufgewachsen bin. Was für ein dummer Gedanke.
 

Lenz Koppelstätter

fühlt sich too old to young und too young to old. Außerdem lebt er in Berlin, wo er für Zeitungen und Magazine und an Buchprojekten arbeitet.
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865 Kilometer

Rund 865 Kilometer sind es von Bozen nach Berlin. Lenz Koppelstätter, Südtiroler in Deutschlands Hauptstadt, geht dorthin, wo was los ist und schreibt dort davon, was kurios ist. Kurz: Er berichtet über den ganz normalen Wahnsinn der Großstadt.

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