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Mit Helm im Unterricht

Der Verputz bröckelt ab, Mauern stürzen ein: Schulalltag in Sardinien.

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Bild: Gustav Hofer

Ganz Italien blickt gespannt auf Palazzo Chigi, jenem römischen Machtzentrum, in dem seit einigen Wochen – nach dem dramatischen Polit-Brudermord – Matteo Renzi eingezogen ist. Die Revolution soll von hier aus Italien erschüttern, meint der einstige Verschrotter und ehemalige Bürgermeister von Florenz und präsentiert seine ersten Regierungsmaßnahmen. 

Die Schule – so der energische Ministerpräsident – soll im Zentrum seiner Politik stehen. Nach fast zwei Jahrzehnten magerer Kühe und Kürzungen ohne Ende, sollen nun satte zwei Milliarden Euro in die Instandhaltung der Schulgebäude fließen. Sollte dieses Versprechen auch gehalten werden, so dürfte Wohl ein tiefes Aufatmen durch die italienischen Klassen gehen. Immerhin sind vier von zehn Schulbauten in desolatem Zustand. Ein Drittel der Gebäude verfügt nicht einmal über Feuermelder und bei 40 Prozent der Schulen entsprechen die elektrischen Leitungen nicht den geltenden Sicherheitsstandards. So auch in der Berufsschule Alessandro Volta in Nuoro auf Sardinien. Vor kurzem war das Kranzgesims auf den Innenhof gefallen, woraufhin die Schule von einem roten Plastikzaun abgesperrt wurde. Den rund 450 Schülern reichte es: Aus Protest gingen sie nur mehr mit einem roten Sicherheitshelm in den Unterricht. Doch das abgebrochene Gesims ist nur ein Punkt der langen Problemliste, mit der Lehrer und Schüler konfrontiert sind. 

Giovanni Maria Tanda unterrichtet hier seit zehn Jahren Mathematik, mittlerweile ist der etwas über vierzig Jährige zum Vizedirektor befördert worden. Die Schüler mögen ihn, bieten ihm sogar während der Pause eine Zigarette an, die er höflich ablehnt, und sie dabei bittet, nicht zu nahe an der Fassade des Gebäudes stehen zu bleiben. Die Werkstätten der Berufsschule sind seit über zwei Monaten nicht mehr zugänglich, erzählt er mir, während er die geschlossene Eingangstür zu den ehemaligen Labors aufsperrt. Eine provisorische Holzstruktur soll das schlimmste verhindern, durch den Lattenrost aber sieht man tiefe Risse in der Decke. „Das hier ist eine Berufsschule, und daher sind die handwerklichen Übungen sehr wichtig, ja teils wichtiger als der theoretische Unterricht. Diese Situation – ich will nicht sagen gefährdet – aber behindert doch stark den Fortgang der Ausbildung und des vorgeschriebenen Lehrplans“, erzählt er empört. Seit Jahren schickt er Meldungen und Anzeigen an die Provinzverwaltung und warnt vor möglichen Folgen für die Sicherheit seiner Schüler. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen nur sehr langsam und so vergehen Monate ja sogar Jahre, bis einige kleine Schäden behoben werden. Eigenes Geld für die kleinsten Wartungsarbeiten hat das Institut keines, die Lokalpolitiker versprechen vor jeder Wahl in die Schule investieren zu wollen, bis diese Vorhaben dann wieder bis zum nächsten Wahlkampf im Nichts verschwinden. Vizedirektor Tanda erzählt, wie nervenaufreibend es jedes Mal ist, wenn er einen Gebäudeschaden melden will: Jeder schriftliche Antrag muss nach der Meldung zunächst bearbeitet, dann an eine eigene Kommission weiter geleitet werden, ein Techniker muss die Schäden daraufhin beurteilen und schließlich geht der Auftrag an eine Baufirma weiter, die dann – wenn sie die Zeit findet – den Schaden beheben soll. 

In der Zwischenzeit bröseln die Mauern, der Verputz fällt ab, die Plexiglas-Überdachung, die in die Turnhalle führt, wird mehr und mehr vom Wind abgedeckt und die Toiletten mit Tür werden immer weniger, während jene ohne Tür immer mehr werden. Giovanni Maria Tanda hofft nun, dass Matteo Renzis versprochener Geldsegen auch die Berufsschule von Nuoro erreicht.

Gustav Hofer

lebt und arbeitet als Journalist und Filmemacher in Rom, doch ein Koffer steht immer abreisefertig. Was er dort mag: die Schönheit der Stadt, das Licht, die Menschen. Was er vermisst: die frische Bergluft, die Mehrsprachigkeit und den Apfelstrudel seiner Mutti.
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