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Mein Körper, mein Gott

Hängende Brüste, überschüssige Kilos, Dehnungsstreifen: Viele Frauen glauben, sie müssten nach der Geburt wieder so aussehen wie davor. Alles Blödsinn.

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Bild: Photo by Lindsey Marott on Unsplash

Selbstliebe ist ein großes Wort, wenn man Mutter wird. Nicht erst, wenn der kleine Mensch da und der straffe Alltag reichlich wenig Zeit für die Selbstpflege lässt, sondern bereits einige Zeit vorher. Nämlich dann, wenn sich der eigene Körper im Laufe der 40 Schwangerschaftswochen verändert. Wenn Brüste und Bauch erst spannen und dann hängen und man eine ganz schön lange Liste der eigenen „Problemzonen“ anlegen könnte, vor allem dann muss man sich selbst lieben. Und zwar noch mehr als davor. Viel mehr.

Nach der Frage nach dem Geschlecht des Babys war jene nach meinem Gewicht wohl die am häufigsten gestellte während der gesamten Schwangerschaft.

Ich erinnere mich noch genau, als ich ungefähr zur Halbzeit meiner Schwangerschaft vor dem Spiegel stand, meinen wachsenden Bauch bewunderte und feststellte, dass meine Taille ganz einfach verschwunden war. Fünfzehn Kilogramm hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits zugelegt und mich weder davor noch danach noch einmal auf die Waage gestellt. Dabei war nach der Frage nach dem Geschlecht des Babys jene nach meinem Gewicht wohl die am häufigsten gestellte während der gesamten Schwangerschaft.

Die natürliche Veränderung meines Körpers nahm ich als wahnsinnig spannend wahr. Ich verlor keinen Gedanken an eventuell überschüssige Kilos. Im Gegenteil, jedes einzelne Stück süßer Sachertorte genoss ich in meinem Heißhunger richtig. Geht's der Mama gut, geht's dem Kind auch gut, dachte ich (und denke ich immer noch!). Bauch, Brüste und Oberschenkel wuchsen heiter dahin, bis mein Körper aus eigener Kraft nach 40 Wochen einen kleinen Herzmenschen gebar. Ein Wunder, das ich immer noch nicht ganz begreifen kann.

Als ich wenige Wochen nach der Geburt erneut vor dem Spiegel stand, war ich baff. Alles, was von 40 Wochen Schwangerschaft, einer nahezu 24-Stunden-Geburt und einem 3,8 Kilogramm schweren Baby als sichtbares Überbleibsel geblieben war, waren ein kleiner schwabbeliger Bauch, dunkle Augenringe und ein großer Busen. Und mit dieser Verblüffung war ich nicht die einzige. Von eifersüchtigen Muster-Blicken auf meine zurückgekehrte Taille bis hin zu erstaunten Sprüchen wie „Boah, du siehst ja immer noch gleich aus!“, erreichten mich in den letzten sechs Monaten ziemlich viele Urteile über meinen Körper. Als sei diese äußere Entwicklung von Zellen, Muskeln und Haut so unheimlich wichtig in dem so viel größeren Prozess von Schwangerschaft, Geburt und Transformation zur Mutter.

Warum wird uns Frauen Angst gemacht vor den Kilos, vor Dehnungsstreifen, Hämorrhoiden, hängenden Brüsten oder einer ausgedehnten Vagina?

In meinem Fall waren die Bewertungen nicht weiter schlimm. Viel zu oft jedoch sind sie sehr verletzend für die ohnehin schon überlasteten Neo-Mamas und bauen unnötigen, zusätzlichen Druck auf. Doch der Großteil der Gesellschaft fürchtet wohl wirklich, Geburten würden Körper zerstören und glaubt, Frauen müssten alles dafür geben, um sofort nach der Entbindung wieder so auszusehen wie davor. Deshalb muss man frischgebackenen Müttern auch um jeden Preis die eigene Figuren-Ideologie ins Gesicht klatschen. Viel zu oft kommt die als schlauer Spruch, als Frage nach Diät-Plänen oder als „Bist du schon wieder schwanger?“-Watsche daher. Viel zu selten jedoch als ehrlich gemeintes Kompliment.

Doch warum ist es eigentlich so wichtig, wie sich unsere Körper im Laufe der Schwangerschaft verändern? Warum wird uns Frauen Angst gemacht vor den Kilos, vor Dehnungsstreifen, Hämorrhoiden, hängenden Brüsten oder einer ausgedehnten Vagina? Wie wichtig ist all das, wenn durch diese Veränderung doch Menschenleben entsteht? Warum müssen wir nach einer Geburt sofort so aussehen wie vorher, wenn sich doch Geist und Seele auch so sehr verändert haben? Und warum in aller Welt hören wir inmitten all dieser Ideale dann plötzlich auf, uns selbst zu lieben?

Ich scheiße auf all das und liebe mich selbst genau so, wie ich bin. Nein, ich vergöttere diesen Körper. Dafür, was er geleistet hat in den vergangenen fünf Monaten und den 40 Wochen davor. Ich vergöttere ihn, weil er einen Menschen geschaffen und eine in mir schlummernde Kraft frei gelegt hat, diesen auch noch zu gebären. Ich vergöttere ihn, weil er nach dieser Höllenprozedur immer noch hervorragend funktioniert und dieses neue Erdenkind jetzt auch noch völlig selbstlos ernährt. Ich vergöttere ihn für seine Macht, seine Anpassungsfähigkeit und das Leben in ihm. Und das muss ich an keiner anderen Frauenfigur messen.

Wir sind Individuen. Jede einzelne von uns hat eine andere, eigene Figur, einen anderen Rhythmus und eine andere Intensität der Veränderung. Jede einzelne macht im Laufe einer Schwangerschaft und einer Geburt eine Entwicklung mit, die nicht spurlos an ihr vorbeigeht. Und das ist das Schöne. Denn unsere Körper erinnern uns jeden Tag daran, dass wir leben und Leben geschaffen haben. Dass wir Wunder vollbringen können und uns dafür gefälligst für immer innig lieben sollten. Egal, was andere denken oder sagen. Egal ob mit Streifen auf dem Busen, Dellen in den Oberschenkeln oder Hämorrhoiden.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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