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Lustvoller Sound

Kaum hat der Agenturchef die Parteimacher auf seiner Seite, kommt ihm die christliche Bruderschaft in die Quere.

Am Schluss der Sitzung wurde es doch noch eng für Jungmayers Kampagnenvorschlag. Die Dame in Blond vergaß ihre Rolle als Protokollantin und wurde fast zur Furie. Sie prognostizierte eine Revolte vom Frauenflügel und von den Klerikalen. Und der Armin sei auch nicht zu vergessen.
Bis auf die Sache mit Armin konnte der Agenturchef die Befürchtungen ja nachvollziehen, aber eine ungewöhnliche Situation verlange eben auch ungewöhnliche Maßnahmen, so sein Credo und Gegenargument.

Den Dandy wusste der Agenturzampano aber auf seiner Seite: Seit dieser die zwei „Kampagnen-Motive“ gesehen hatte, war er ein großer Fan von Jungmayer, und weil er in der Vergangenheit schon Wahlkämpfe geschlagen hatte, brachte er schließlich auch eine knappe Mehrheit für die Lustkampagne auf seine Seite. Der Agenturchef solle Großplakate, Printanzeigen und natürlich Radiospots vorbereiten, teilten die Parteimacher mit. Hilfestellung könne das Pressebüro leisten.

Jungmayer hatte den ersten Sieg eingefahren: Die Macher der Runde verabschiedeten sich mit festen Schulterklopfern, dabei hätte es dem Werbefachmann zweimal fast das Schultergelenk ausgerenkt. Und der Dandy wollte natürlich unbedingt die Handynummer der Kleinen im Schurz.

Beim Radiosender

Im Pressebüro empfing Jungmayer eine rothaarige Endvierzigerin mit sprödem Charme. Dem Agenturchef war sofort klar, dass diese Frau es mehr als faustdick hinter den Ohren hatte und mit ihr im Krisenfall sicher nicht gut Kirschen essen war. Deswegen setzte er sein freundlichstes Grinsen auf.
Die nötigen Sachen waren schnell besprochen und es stellte sich heraus, dass die Pressedame auch der Meinung war, dass die Südtiroler meist einfach nur zu verkrampft seien.
Für den Nachmittag vereinbarte sie einen Termin für den Agenturchef mit dem Boss des wichtigsten Radios im Lande. „Da sollten sie zunächst mal mit dem Chef dort reden. Wird kein leichter Brocken“, erklärte die Pressedame dem etwas überrascht dreinschauenden Jungmayer.

Bald danach marschierte er beim Radiosender ein. Bereits beim Eingang konnte er den Radiomanager erkennen. Holger Brand war ein vollschlanker Mann, der den Eindruck machte, dass er wusste, was er tat und wollte. Seine Faltenhose und das Hemd, das er über der Hose trug, flatterten, als er schwungvoll – trotz seiner kurzen Beine – Jungmayer entgegentrat.

„Brand! Sie sind sicher der Jungmayer“, sagte der Radiomensch, während er dem Agenturmenschen seine auffällig kleine Hand entgegenstreckte, die so ganz nicht der restlichen Körperfülle entsprach.
Brand wies seinem Gast den Weg in ein Besprechungszimmer und kam gleich zur Sache: „Sie betreuen also die Partei in diesem Wahlkampf und möchten natürlich auch bei uns werben? Das ist natürlich sehr gut, weil sie bei uns am meisten Wähler erreichen. Haben Sie bereits Spots produziert oder möchten sie da auf uns zurückgreifen? Wir sind natürlich auch darin die eindeutige Nummer eins im Lande.“

Jungmayer fühlte sich sofort wohl bei soviel ausgewiesenem Selbstvertrauen und bot umgehend an, dass der Sender die Radiospots produzieren solle. Jetzt herrschte sofort Eintracht und für den Rest der Radioleute sah es durch die Glaswände des Besprechungszimmers so aus, als würden sich hier alte und gute Freunde unterhalten.
Tatsächlich sprachen die beiden mittlerweile übers Segeln statt übers Geschäft. Nach einer knappen Stunde waren sie mittlerweile beim Du angelangt und beschlossen wieder zurück zum Thema zu kommen.

Die christliche Bruderschaft

Jungmayer klappte den Laptop auf und zeigte das zentrale Motiv, erklärte die Strategie und wollte Brand klarmachen, wie er sich den lustvollen Soundtrack vorstellte, als ihn ein völlig aufgewühlter, klitschnass geschwitzter Radiomacher unterbrach.
„Das können wir nicht machen bei uns“, sagte er völlig entgeistert.
„Warum? Ihr seid doch kein Kirchensender, oder?“ wollte Jungmayer wissen.

Holger Brand wischte sich erstmal den Schweiß von der Stirn und setzte sich dann ganz nah an den Agenturchef. Dann senkte er seine Stimme und sprach ganz leise: „Ganz im Vertrauen, ich kann das wirklich nicht machen. Wir haben da eine Gesellschafterstruktur, die ist … wie soll ich sagen? Nun ja, wir haben eine christliche Bruderschaft, die Anteile hat. Zwar keine Mehrheit …“
„Also doch ein Kirchensender?“ Jungmayers Stirnfalten formten fast schon ein Fragezeichen.
„Nein!“, wehrte Brand vehement ab, „Wir sind der modernste Sender im Land. Aber etwas mit Brüsten und Stöhnen akzeptiert die Bruderschaft sicher nicht. Wegen der christlichen Werte, weißt du. “
Die Situation verkomplizierte sich wieder, Jungmayer war geknickt.

 

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Wichtiger Hinweis: Es handelt sich hier um reine Fantasie des Autors. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen wären rein zufällig. Beim Entstehen dieser Fortsetzungsgeschichte wurden keine Tiere verletzt.

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