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Let´s Pretend We`re Bunny Rabbits

Wie man seine Leser zur kollektiven Ekstase bringt.

 

Auf Anweisung von ganz oben (Chefredaktion) soll ich hier mal zur Sache kommen und über Sex schreiben, weil Sex sells und so. Also prostituiere ich mich kurz und entblöße mich verbal gegen Bezahlung, pingelig darf man ja heutzutage auch nicht sein, was seine Arbeitsbedingungen angeht. Diese Krise, die macht uns noch kaputt.

Weil ich wissen wollte, wie man Leser garantiert zur kollektiven Ekstase bringt, habe ich recherchiert bis zur Selbstaufgabe und mich quer durch alle Bände von „Shades Of Grey“ gelesen, wo es die Protagonisten wirklich wie die Bunny Rabbits treiben. Bislang hatte ich mich dem Buch immer verweigert, unter anderem wegen Sätzen wie diesem hier: „Meine innere Göttin ist alllüsterner Stimmung“. Aber weil man sich einem Christian Grey nicht verweigert, habe auch ich mich ergeben und mein Hirn penetrieren lassen von den literarischen Ergüssen der Autorin E.L. James.
Ich wurde also weiterhin zugemüllt: „Nun steht er in voller Pracht vor mir. Wow.“ Und: „Wow! Werde ich mich jemals an ihm sattsehen?“ Außerdem:  „Traurig schlinge ich die Arme ums Kissen. Er meint, er verdiene es nicht, geliebt zu werden. Warum? Hat das mit seiner Kindheit zu tun? Mit seiner leiblichen Mutter, der Crackhure?“ Und gilt Küchenpsychologie nun als Dirty Talk?
 
Die Trilogie liest sich wie ein Justin-Bieber-Fanforum auf Viagra: Anhimmelei bis zur Schmerzgrenze, Verherrlichung des einen, tollen, unglaublichen, perfektesten männlichen Geschöpfes, das die Welt je gesehen hat. Und dazwischen Sex, natürlich. Der Witz an der ganzen Sache ist ja, dass kein Verleger den Roman mit Kusshand aufgenommen und dann weltweit grandios vermarket hat, sondern dass er von der Masse getragen bis ganz nach oben kam: E.L. James, die Autorin der Bücher, stellte sie privat als E-Book ins Internet. Dort erfuhren sie so großen Zuspruch, dass die Verlage irgendwann zuschlagen mussten. Die hatten gar keine Wahl mehr, das Volk hatte gesprochen. Da will man Lobhudeleien auf die Basisdemokratie gleich nochmal überdenken. Aber halt, um Politik geht es hier nicht, das soll ja eine verruchte Kolumne werden. Deshalb noch ein Zitat aus dem sogenannten Softporno, mit dem man seiner inneren Göttin einheizen kann: „Christian Grey hat mir einen Zwinkersmiley gemailt… Wow.“
Wer da nicht geil von wird.
 
 

Vera Mair am Tinkhof

mag die deutsche Sprache, kämpft daher unermüdlich gegen notorische "besser als wie"-Sager. Barfüsslerin der ersten Stunde.
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*thumbs up!* Hab mir grad einen abgelacht, Bravo! Sex sells ;-)
Nachdem die gute Hauptfigur zum gefühlt 10-ten Mal dieselbe "postkoitale Frisur" beschreibt, konnte selbst ich mich nicht mehr wachhalten und bin in Träumen über den achso perfekten Christian Grey versunken.

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